Kurzes Gedankenspiel: Du bist in einer tiefen, lebensverändernden Liebesbeziehung mit einem Menschen. Dieser Mensch neigt zu Wutausbrüchen, ist gewalttätig, jähzornig, ungeduldig und oft beleidigend. Du liebst diesen Menschen trotz allem, bemühst dich um ihn und befriedigst tagein tagaus seine Bedürfnisse. Du investierst Zeit, Liebe und Geld in die Beziehung. Alles, was du dafür bekommst, sind gelegentliche Zuneigung, Nähe und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Würdest du in dieser Beziehung bleiben? Nein? Nun ja, ich lebe seit drei Jahren in dieser Situation – mit meinem eigenen Sohn. Es ist eine Beziehung, die ich nicht beenden kann und in der kaum eigene Zeit für mich bleibt. Eine Beziehung, von der die Gesellschaft nicht hören will, dass sie schlecht läuft. Keiner will hören, dass man sich unwohl und fremdbestimmt fühlt – durch das eigene Kind. Auch meine Gefühle sind widersprüchlich, ich bin andauernd hin- und hergerissen.

Die Liebe, die eine Mutter für Ihr Kind empfindet, ist nicht in Worte zu fassen. Ich beschreibe meine Gefühle als sehr animalisch, intuitiv und welterschütternd. Ein Urinstinkt, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist ein Gefühl, als würde ein Teil des eigenen Herzens in der Welt herumlaufen, unglaublich verletzlich und hilflos. Diese Gefühle sind für ein Kind überlebenswichtig. Als Mutter bist du Nahrung, Wärme, Sicherheit und Trost. Die Natur hat es so geplant, man muss sein eigenes Kind lieben. Das ergibt sich aus einem verrückten Hormoncocktail, den hohen Ansprüchen der Gesellschaft und den noch höheren Ansprüchen an sich selbst. Aber wie passiert das? Was macht aus einer Frau eine Mutter?

Aus einer Frau wird nach einem romantischen Abend, einem One-Night-Stand, einer flüchtigen Romanze in neun Monaten eine Mutter, so einfach geht das. Der Körper der Frau kann das leisten. Die Geburt verarbeiten, die schrecklichen Schmerzen überwinden und die Wunden heilen. Aber was ist mit der Gefühlswelt, den Hormonen, den eigenen Bedürfnissen, der Müdigkeit, der Überforderung, den Sorgen und Ängsten? Damit muss man einfach klarkommen, man ist ja jetzt Mutter. Meiner Erfahrung nach fühlt keine Frau gleich, jede schildert eine andere Geburt, hat andere Ängste und ein anderes Umfeld. Aber eines haben sie gemeinsam. Sie müssen eine Rolle einnehmen. Die Mutterrolle.

Was passiert aber, wenn man sich in die Rolle nicht einfinden kann? Wenn das geschriebene Skript nicht passt und die vorgegebenen Texte einfach nicht über die Lippen kommen wollen? Sollte man die Hauptrolle umbesetzen? Einen anderen Film drehen? Das geht natürlich nicht, man ist ja dafür bestimmt, als Frau die Rolle der Mutter perfekt spielen zu können.

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Ich spiele seit drei Jahren die Hauptrolle in der Serie „Fuck, ich bin Mutter“. Die Serie hat nicht besonders viele Nebendarsteller:innen. Natürlich habe ich meinen Co-Star in der männlichen Besetzung, – meinen dreijährigen Sohn, der oscarverdächtig improvisiert und das Drehbuch für sich und mich täglich umschreibt. Ich dachte, ich kann die Serie als Sprungbrett nutzen, um an Filme wie „Just Married“ oder „Eine zauberhafte Nanny“ zu kommen. Leider blieben die Angebote aus und ich komme aus der Nummer nicht mehr raus. 

Eine meiner besten und längsten Freundinnen, selbst Mutter von zwei Kindern, hat mir vor Kurzem den Rat gegeben, mehr mit anderen Mamas zu machen. Mamas, die meine Ansichten teilen, die sich nicht einfach mit dem Rollenbild abfinden und sich Ihrem Schicksal fügen. Dann würde es mir vielleicht leichter fallen, mit meinem Alltag klarzukommen. Ich finde den Kontakt zu anderen Müttern aber meistens kompliziert und nervenaufreibend. Ich fühle mich, als müsste ich ständig performen, dazu soll das Kind performen, damit das Treffen sich supereasy anfühlt. Am Ende vergesse ich immer das Sandspielzeug und fühle mich schlecht. Auch meine Freundin Anna hatte anfangs Schwierigkeiten, sich neben ihrem großartigen Job und ihrer freien Lebensweise in der Mutterrolle einzufinden. Sie hat sich jedoch entschieden, die Rolle für sich neu zu definieren und ganz klar zu sagen: Ich bin nicht perfekt, ich vergesse Termine oder die Matschhose und das ist okay!

Ich finde auch, dass es okay ist. Aber etwas zwickt trotzdem: Das schlechte Gewissen, weil man den Spagat nicht perfekt hinbekommt. Dazu die Blicke, ob real oder eingebildet, die mich bewerten. Und bestimmte Blicke anderer Eltern können ziemlich vernichtend sein.

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Alle Fotos: Sade Kaingu

Am liebsten Zeit verbringe ich Zeit mit meiner Schwester: „High income, no kids“ und mega bei sich. Sie ist meine Inspiration, mein Spiegel und das Ying zu meinem Yang. Die Leichtigkeit, die ich mit ihr habe, fühle ich mit niemandem sonst. Leider ist das nicht der Umgang, der es mir leichter macht, mich in mein Schicksal zu fügen. Und ich wehre mich ebenfalls gegen Aussagen wie „Du bist jetzt in dem Alter“ oder „Als Mama sollte man dies oder das nicht“. So kommt es, dass ich mittlerweile in zwei Welten lebe. Mein Alltag ist meist fremdbestimmt, nur jedes zweite Wochenende kann mein Ich wieder atmen. Ich versuche in der Zeit viele Eindrücke zu sammeln, Menschen zu treffen und zu reisen. Das hält mich in der Balance. So läuft es in unzähligen Beziehungen: Man sucht sich einen Ausgleich zum Alltag, in dem man schwelgen kann, um sich nicht zu fühlen, wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“.

Auch meine Freundin Mia lebt das Leben einer zweifachen Mama. Jeden Tag für die Kinder, jeden Tag Stress, jeden Tag Überforderung. Auch das Gefühl, nicht mehr zu wollen, kennt sie. Sie hat aber unglaublich tolle Unterstützung und ihren Mann, der auch für die Familie lebt und ihre Gefühle und Sorgen mitträgt. Die beiden leben seit drei Jahren ohne großen Ausgleich zu ihrem Alltag. Mia meint, sie fühle sich wohl in ihrem Leben. Sie ist überglücklich, dass ihr Sohn eine kleine Schwester bekommen hat. Sie lebt nach dem Mantra „Jetzt stecke ich zurück und irgendwann hole ich mir die Zeit für mich wieder“. Die Dankbarkeit über zwei gesunde Kinder und das Glück, mit ihnen Zeit verbringen zu dürfen, dieses Gefühl fehlt mir oft und ich arbeite daran, es wiederzufinden.

Vor zwei Monaten haben wir unser Dreijähriges gefeiert und ich frage mich immer noch jeden Tag, – wenn mein Sohn seinen Launen Luft macht, ich sein Spielzeug aufräume, wir seit fünf Uhr wach sind und es erst neun Uhr ist: WTF! Bin ich komisch? Bin ich unnormal? Bin ich egoistisch? Ich finde kaum Antworten, die mich befriedigen. Meine Familie und meine Freund:innen zeigen Verständnis und versuchen mich so gut es geht zu unterstützen und meine Sorgen zu verstehen. Natürlich kann aber keiner meine Situation verändern. Die einzige Lösung ist, mich und meine Gefühle zu ändern. Ich verlasse mit meiner Meinung und meinen Gefühlen die Komfortzone, meine eigene und die meiner Vertrauten.

Hier meine Top-Five der Sätze, die Leute benutzen, um mich zu beruhigen:

„Da müssen wir alle durch.“

„Mit vier hört das schlagartig auf.“ (Das Jahr wird immer dem Alter des Kindes angepasst, immer ein Jahr mehr als das aktuelle Alter des Kindes. Es beginnt ab dem Tag der Geburt.)

„Die Zeit geht so schnell vorbei.“

„Der ist nur bei dir so. Wenn du weg bist, ist er super entspannt und lieb.“

„Hast du jetzt schon eine Mutter-Kind-Kur beantragt?“

Mir helfen diese Sätze nicht, aber ich nicke und versuche glaubwürdig Erleichterung und Glück auszustrahlen – das steht so im Drehbuch.

Autorin: Yana Molina

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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