Was ist der Sinn meines Lebens? Es fällt mir schwer, diese große Frage zu beantworten. Schon seit Jahren suche ich mir die Antwort Stück für Stück zusammen, sodass aus den einzelnen Puzzleteilen langsam ein erkennbares Bild wird. Damit diese bisherige Erkenntnis nicht verloren geht, habe ich die Worte unter meiner Haut stehen. Immer wenn ich mich dann wieder frage „Warum?“, blicke ich auf den Schriftzug auf meinem Handgelenk und erinnere mich: „für die Freiheit“. Aber wofür noch?

Um die Jahreswende herum wird mir jedes Mal besonders klar, wie die Zeit vergeht und wie schnell das Leben vorbeifliegt. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich im Januar Geburtstag habe und dann unvermeidlich an unser unaufhaltsames Älterwerden erinnert werde. Und wie so oft, wenn ein neues Kapitel im Leben anbricht, macht man sich natürlich tausend Gedanken. Angefangen hat es bei mir diesmal schon kurz vor Weihnachten, zog sich dann zäh wie Kaugummi durch die Zeit zwischen den Jahren und auch momentan hört es nicht auf: das ständige Grübeln, gepaart mit einem dumpfen Gefühl in meinem Bauch, – einer nagenden Ungewissheit.

Jetzt, wo ich ein bisschen mehr Freizeit habe, kann ich nicht verhindern, dass mir hundert Fragen durch den Kopf schwirren. Ich versuche mit Leuten zu reden, die mir nahestehen, um zu sehen, ob sie mir Antworten geben können. Doch die Ausbeute war und ist eher ernüchternd. Als ich am Morgen des 31. Dezember meinen Partner nach seinen Vorsätzen, Plänen und Zielen für das neue Jahr fragte, habe ich damit, glaube ich, versehentlich eine kleine Sinnkrise bei ihm ausgelöst. Jedenfalls hat er den restlichen Tag damit verbracht, seine aktuelle Lebenssituation zu überdenken und was er daran gerne ändern möchte. Diese Dinge habe ich mir für mich absichtlich schon vor Weihnachten überlegt, weil ich zwischen den ganzen Familienbesuchen nicht den Nerv dafür gehabt hätte. Ich habe mich gefragt, was im nächsten Jahr passiert, wenn alles optimal läuft. Wo und wer bin ich in 365 Tagen, wenn das Glück auf meiner Seite ist?

Ich schreibe diese Gedanken auf, damit sie nicht im Chaos meines Alltags verloren gehen. Ich versuche, mir eine Struktur zu schaffen und einen Weg auszusuchen. Ich gebe mein Bestes, um mein Leben unter Kontrolle zu bekommen. Das kann so schwer doch nicht sein. Schließlich haben alle anderen ihr Leben scheinbar im Griff  – oder? Ich finde, es wirkt von außen betrachtet oft so, als ob die meisten Leute wüssten, wo sie hinwollen und wie sie da hinkommen. Im Großen und Ganzen hat die Gesellschaft ja auch einen Universalplan für ein erfülltes Leben parat: Die Schule besuchen, dann eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren, dann arbeiten gehen und Karriere machen. Irgendwo in all dem Trubel den Mann oder die Frau des Lebens finden, anschließend heiraten und Kinder bekommen, gemeinsam alt werden und im hohen Alter friedlich einschlafen. Klingt doch super, warum beschwere ich mich überhaupt?!

Ich muss hier Dampf ablassen, weil mich diese gesellschaftlichen Normen ehrlich gesagt ziemlich stressen. So sehr, dass ich mir viel zu viel Arbeit aufhalse – zwei Studiengänge, Teilzeitjob und Ehrenamt –, um bloß keine Zeit zum Grübeln mehr übrig zu lassen. Und falls doch mal welche bleibt, hänge ich am Smartphone, um diese Zeit ohne lästige Überlegungen totzuschlagen, bis ich mich in einen hoffentlich gedankenlosen Schlaf flüchten kann. Mir macht es zu schaffen, dass von mir mit gerade einmal 20 Jahren schon erwartet wird, alle möglichen Fragen zu meiner Zukunft beantworten zu können. Wann wirst du deinen Bachelor haben? Machst du danach einen Master? Wenn nicht, wo und als was willst du arbeiten? In welcher Branche und in welchem Unternehmen? Wo siehst du dich in  5, 10, 15 Jahren? Wie sieht deine Familienplanung aus? – Mein Gott, keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen?! Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich unterm Strich recht wenig Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Es gäbe so viele Möglichkeiten, so viele Türen, die mir offen stehen. Wie soll ich denn da die passende finden, die zu meinem Glück führt? Ich weiß es nicht.  

Als Kind dachte ich immer, wenn man erwachsen wird, kommt die Weisheit irgendwann von selbst. Umso älter ich werde, umso eindeutiger stelle ich fest, dass man nicht einfach eines Tages aufwacht und erwachsen ist und weiß, wie das Leben funktioniert. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen Stück für Stück hineinwachsen ins Erwachsensein. Irgendwann, – so hoffe ich immer noch –, wird schon alles in geregelten Bahnen verlaufen. Eines fernen Tages sicherlich. Über all diese Sachen unterhielt ich mich neulich auch mit meiner großen Schwester, die fast ein Jahrzehnt älter ist als ich. Sie hat einen tollen Job, ist gerade dabei, die Karriereleiter zu erklimmen, hat 2020 geheiratet und steht eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben. Dachte ich zumindest, bis sie mir am Telefon erzählte, dass sie gerade so etwas wie eine verspätete Quarterlife-Crisis durchmacht. Sie hinterfragt so ziemlich alle wichtigen Entscheidungen, die sie in ihrem bisherigen Leben getroffen hat und ist sich nicht sicher, ob sie da ist, wo sie sein will und sein sollte.

Puh, ich wünschte, ich könnte ihr einen hilfreichen Rat geben, aber ich habe ja selbst keinen blassen Schimmer davon, was ein gelungenes Leben ausmacht. Das Nachdenken darüber muss sein, aber je älter ich werde, desto ungemütlicher, drängender und ernster wird es. Klar, ich bin erst 20 und in diesem Alter sollte man, sofern nicht gerade Pandemie ist, wohl vor allem Spaß haben und das Leben genießen. Aber ich war schon immer ein Mensch, der sich den Kopf über Dinge zerbricht und auf Teufel komm raus Antworten finden will. Kennt ihr diese stundenlangen Gespräche mit den allerbesten Freunden, bei denen man über Gott und die Welt redet und die einen meist noch lange beschäftigen? So eines hatte ich vor ein paar Wochen mit meinem besten Freund und da kam auch das Thema „Sinn des Lebens“ auf.

Wir begannen zu diskutieren und wurden erst fertig, als bereits die Dämmerung angebrochen war. Wir kamen zu einer Übereinstimmung, die mich allerdings leider nicht besonders euphorisch werden lässt: Es gibt keinen universalen, allgemeingültigen Sinn des Lebens. Jeder Mensch muss für sich einen Sinn suchen und seinem Leben dadurch eine Bedeutung verleihen. Aber das ist um ein Vielfaches leichter gesagt als getan. Ich selbst bin meilenweit davon entfernt, eine genaue Antwort auf die Frage nach meinem persönlichen Sinn des Lebens geben zu können. Aber zumindest einen Teil meiner Antwort habe ich schon gefunden.

Autorin: Paulina Plinke
Foto: Viola Halfar

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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