WARNUNG: Im folgenden Beitrag wird selbstverletzendes Verhalten thematisiert.

Mein Herz rast, meine Hände sind schweißnass und mir ist speiübel. Der Vorhang geht auf und ich höre Vivaldis Frühling aus „Die Vier Jahreszeiten“. Ohne weiter darüber nachzudenken, fange ich an zu tanzen und falle in einen tranceartigen Zustand. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren und konzentriere mich nur auf meine Bewegungen und die Musik. Als der Auftritt mit Vivaldis Winter endet, erwache ich aus meiner Trance. Meine Mitschüler:innen und ich rennen für den Applaus zurück auf die Bühne, doch da sitzen nur unsere Lehrer:innen im Publikum. Es war mitten in der Corona-Pandemie und die Premiere durfte ausschließlich per YouTube-Livestream stattfinden. Aber kein Mensch und kein Virus dieser Welt konnten mir diesen Augenblick nehmen. Mir liefen die Tränen. Zum einen vor Glück, dass ich diesen Auftritt überstanden hatte und zum anderen vor Trauer, dass nun alles vorbei sein würde. Es war überwältigend, so viele Emotionen gleichzeitig und so intensiv zu spüren. Ich war dankbar für meine Lehrer:innen, meine Freund:innen und meine Familie, auch wenn sie diesen Moment nur über den Bildschirm miterlebten. Mit diesem Auftritt endete eine Zeit voller Opfer, Niederlagen, aber auch Erfolgen und Gewinnen. Dieser Tag wird für immer in meinem Herzen bleiben.

Ungefähr vier Monate später verfasse ich den folgenden Tagebucheintrag: „Es gibt diese Tage, an denen ich denke, dass ich kurz vor dem Ertrinken bin. Es gibt Tage, an denen ich mich im Spiegel ansehe und kotzen will. Ich finde mich nicht schön, ich hasse meinen Körper. Warum kann ich mich nicht selbst lieben? Ich wünschte, dass dieses ewige Rattern in meinem Kopf und all die negativen Gedanken endlich aufhören. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie werden immer lauter und stärker.“

Für eine neunzehnjährige Frau sind das sehr düstere Gedanken. Gedanken, die ich seit der Pubertät in mir trage. Lange Zeit habe ich darüber geschwiegen. Heute – im Alter von 20 Jahren – fühle ich mich bereit, offen über meine Gesundheit zu sprechen. Depressionen, Angstzustände und Essstörungen sind Themen, die mit meinem Lebensstil einhergehen.

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Victoria Patronas Mitte März in Berlin. Alle Fotos: Jenna Dallwitz / Illustration: @fried.art.onia

Ich bin ausgebildete Bühnentänzerin. Schon im Alter von zwei Jahren war ich verzaubert vom klassischen Ballett. Meine erste Ballettstunde hatte ich mit fünf Jahren. Ich hatte das Glück, meine Grundausbildung an einer privaten Ballettschule in Frankfurt am Main machen zu dürfen. Dort kam ich mit vielen anderen, teilweise sehr erfolgreichen Tänzer:innen in Kontakt. Ich nahm an internationalen Wettbewerben teil und wurde so gut, dass ich 2019 nach Italien zog, um meine Ausbildung an einer Ballettakademie in der Nähe von Mailand abzuschließen.

Vielleicht stellst du dir nun die Frage, was das alles mit dem Ausschnitt aus meinem privaten Tagebuch zu tun hat. Ich glaube, jede:r kennt das Bild der Ballerina im rosa Tutu und Spitzenschuhen – dem von der Gesellschaft konstruierten Stereotypen. Doch hast du dich jemals gefragt, ob dieses Bild auch der Realität entspricht?

Ich frage mich: Warum haben so wenig Menschen die Chance, Teil einer von Leidenschaft getriebenen Welt zu sein?

Auf der Bühne zu tanzen und dadurch dem Publikum ein Stück der eigenen Seele zu verkaufen, hat seinen Preis. Einen Preis, den ich zahle. Von klein auf musste ich resolute Entscheidungen treffen und bereit sein, die Freiheit meiner Kindheit und Jugend – Stück für Stück – für meinen Berufswunsch aufzugeben. Dazu musste ich mein Zuhause verlassen, ohne die Sicherheit, dass sich all der Schmerz und die Opfer jemals auszahlen würden.

Tänzer:innen werden abhängig von ihrer Kunstform; es geht um eine toxische Symbiose von Kunst und Schönheit. Kinder und Jugendliche, die sich für diesen Weg entscheiden, öffnen sich einer Welt, die menschenunwürdige Erziehungsmaßnahmen sowie ein surreales Schönheitsideal vertritt. Sowohl in meiner alten Privatschule, als auch in meiner Ballettakademie, habe ich unzählige junge Tänzer:innen kennengelernt, die von psychischen und physischen Problemen bis hin zu irreparablen Erkrankungen und Verletzungen betroffen waren. Tänzer:innen, die ihre Gesundheit und ihre Karriere aufs Spiel setzten. Und deshalb frage ich mich, zu welchem Preis man sein Wohlergehen und sein soziales Umfeld opfert? Die Tanzwelt dient seit Jahrhunderten der Unterhaltung der privilegierten und gehobenen Gesellschaft, wodurch sich die teilweise rassistischen, sexistischen und patriarchalen Schönheitsideale herauskristallisiert haben. Eine schlanke Frau galt als „gebrechlich“ und „zart“, weshalb sie durch einen starken“ und „muskulösen“ Mann Halt benötigte, um der Härte dieser Welt standzuhalten. 

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Der Körper eines:r Tänzers:in dient als Instrument. Wir arbeiten ausschließlich mit uns selbst – seit wir in der Ausbildung sind. Wir tragen enge Bodys und Strumpfhosen, um jeden noch so kleinen Teil unseres Körpers für jeden sichtbar zu machen. Dazu trainieren wir stundenlang in einem, von Spiegeln dominierten Raum und stehen somit ständig neben uns selbst. Wenn man sich von klein auf nur mit seinem Körper und seiner Leistung auseinandersetzt, entwickelt man nicht nur eine übermäßige Form der Disziplin, sondern auch eine krankhafte Obsession der Kontrolle. Allein das permanente Sich-selbst-Betrachten im Spiegel sorgt dafür, dass wir nach einiger Zeit anfangen, ein verzerrtes Selbstbild wahrzunehmen.

Mit der Frage „Bist du nicht dünn genug?“, wirst du darauf hingewiesen, dass du abnehmen musst. Bist du zu ungelenkig, musst du deine Muskeln und Sehnen überdehnen bis zur Umformung der Knochen und bist du technisch zu schwach, wirst du nach einiger Zeit rausgeworfen. Es klingt fast ironisch, wenn ich sage, dass nur die Harten mitspielen. Ich bin 20 Jahre alt und litt – und leide immer noch – an Body-Dysmorphie. Dabei handelt es sich um die wahnhafte Überzeugung, von einem körperlichen Defekt betroffen zu sein. Diese Wahrnehmungsstörung löste meine Essstörung aus. Es gab Momente in meinem Leben, da war ich mental so schwach und labil, dass ich jede Motivation und Freude an meiner Arbeit verlor.

All die Kritik und Bemerkungen von Lehrern:innen, Direktor:innen und die krankhafte Nutzung der sozialen Medien übten derart viel Druck auf mich aus, dass ich fast daran zerbrochen bin. Ich sah an mir nur das, was in den Augen anderer nicht gut genug war. Kommentare wie „Du solltest geschminkt ins Training kommen, so kann ich dich nicht ansehen“ oder „Du siehst aus, als ob dich ein Zug überfahren hätte“ oder „Du bist fett geworden!“, waren noch harmlos im Vergleich zu anderen Aussagen. Hinzu kam, dass ich viel Zeit auf Instagram und TikTok verbrachte und mich dafür hasste, nicht den „perfekten“, künstlich in Szene gesetzten Schönheitsidealen zu entsprechen.

Ich fing an, Mahlzeiten auszulassen und Kalorien zu zählen. Und als mein Körper sich veränderte und ich immer mehr „Komplimente“ für meinen starken Gewichtsverlust bekam, löste das in mir Glücksgefühle aus, weshalb ich immer weiter in diesen Teufelskreis abrutschte. Wären meine Schwester und mein Freund nicht gewesen, weiß ich nicht, wie ich ohne professionelle Hilfe da rausgekommen wäre. Manchmal frage ich mich, wie es passieren konnte, dass die Meinung anderer und die übermäßige Nutzung der sozialen Medien mich so stark beeinflussen und erniedrigen konnten. Ich wünschte mir einerseits, kein Teil dieser idealistischen Gesellschaft zu sein. Auf der anderen Seite kann ich aber sagen, dass es genau dieser Weg und diese Entscheidungen waren, die mich zu der ehrgeizigen und disziplinierten jungen Frau gemacht haben, die ich heute bin.

Warum lassen sich die meisten Tänzer:innen, solch harte Kritik und persönliche Angriffe von Vorgesetzten gefallen? Ich kann mir das nur durch die Liebe zum Tanzen erklären. Die absolute Hingabe für eine Kunstform, bei der keine Worte nötig sind, um Emotionen auszudrücken und somit das Publikum zu berühren. Diese Liebe gibt den meisten Betroffenen die Kraft, über den Schmerz und das Leiden hinwegzusehen.

Die toxischen Züge dieser Welt sind nicht ausschlaggebend für ihren Zauber. Der obsessive Drang zur Perfektion und das Streben nach einem veralteten Schönheitsideal sind keine Voraussetzungen, um Karriere in der Tanzwelt zu machen. Jede:r einzelne Künstler:in ist auf individuelle Art und Weise einzigartig. Mein Ziel ist es, nicht länger zu versuchen, mich selbst als größte Feindin und Konkurrentin wahrzunehmen, sondern meinem Ehrgeiz und meiner künstlerischen Begabung vollste Aufmerksamkeit zu widmen. Die Enttabuisierung und aktive Auseinandersetzung dieser wichtigen gesellschaftlichen Defizite sind der erste Schritt in die richtige Richtung und genau aus diesem Grund müssen wir offen über unsere Gedanken sprechen können.

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Trotz vieler Ups and Downs habe ich vor Kurzem meinen ersten Job an einem staatlichen Opernhaus angetreten und blicke sehr gespannt und voller Aufregung auf die mir noch bevorstehende Reise. Vor allem danke ich meiner Familie und meinem Freund, denn ohne sie wäre ich in ein tiefes Loch gefallen, aus dem ich allein nicht herausgekommen wäre. Der größte Ansporn für mich ist die Hoffnung, dass sich die Tanzszene von ihren toxischen Zügen verabschiedet und ein gesundes Selbstbild unterstützt.

„Zum Tanzen braucht man ein dickes Fell“, sagt meine Schwester, die ebenfalls eine Karriere als professionelle Bühnentänzerin anstrebt. Es gibt kein „perfektes Rezept“, wie man sich gegen persönliche oder verbale Angriffe schützen kann. Ich habe mir jede einzelne Kritik zu Herzen genommen und die Meinung anderer immer priorisiert, bis ich erkannt habe, dass ich nur mich und niemand anderen glücklich machen will. Diese Erkenntnis war nötig, um mich selbst lieben zu lernen. Ich versuche jeden Tag der Realität ins Auge zu blicken und mir nichts vorzumachen. Der Heilungsprozess und das Abschließen mit meinem alten Ich wird weiterhin viel Zeit in Anspruch nehmen. Mein Nahziel ist es, nichts zu erzwingen und mich nicht für meine Gedanken und Gefühle zu schämen. Recovery ist ein nie endender Prozess und ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich am Ziel bin. Mein angestrebtes Fernziel ist es, bewusst im Moment und nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ zu leben.

Autorin: Victoria Patronas

*Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Erfahrungsbericht und gilt mitnichten für alle Menschen, die im Bühnentanz tätig sind. Es geht hier um eine persönliche Perspektive, nicht um Pauschalisierung. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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