Da lieg ich wieder mal – und starre die Decke an. Emotionen? Fehlanzeige! Da ist nichts in mir. Nur gähnende Leere, eine Käseglocke über mir und weit, weit entfernt höre ich Stimmen. Was sie sagen? Ich weiß es nicht. Höre nicht hin, höre nicht zu, – so ist es bei allem, auch wenn ich mich mit anderen unterhalte. Und wenn ich es dann doch mal schaffe, meinem Gegenüber für zehn Sekunden zu folgen, habe ich es sowieso direkt wieder vergessen. Meine Gedanken springen hin und her – und drehen sich im Kreis. Tag für Tag. Ich spüre mich nicht mehr, – mein Körper ist mir fremd geworden. Ist das überhaupt mein Körper? Ach egal, alles egal.

Wer bin ich nur geworden? Warum muss ich dieses Leben führen, das gar kein Leben mehr ist? 

Meine Freund:innen sagen: „Lach doch mal!“ oder „Geh doch mal wieder raus!“ 

Meine Eltern meinen: „Du brauchst Hilfe!“ 

Mein Chef fragt: „Dauert das noch lange?“ 

Und ich starre weiter nur vor mich hin und frage mich: „Wie konnte das nur passieren? Wird es jemals wieder anders sein oder bleibt das jetzt hier so?“ 

Ich will weinen, aber ich kann nicht. 
Ich will aufstehen, aber es geht nicht. 
Mein Körper ist ein aus Beton gegossenes Häufchen Elend!

Mir ist kalt, ich liege auf der Couch und starre weiter vor mich hin und mir kommt die Idee, einen Eimer neben meiner Couch zu platzieren, damit ich diese schier unüberwindbare Hürde zur Toilette nicht mehr bezwingen muss. Doch dazu kommt es nicht! Das war der Punkt, an dem ich endgültig verstanden habe, dass ich Hilfe brauche. 

Depression – schwere Episode. 

Einweisung in die Psychiatrie? Was sollen die Leute denken? Mein Chef? Hm, geht vielleicht auch Tagesklinik? Sagen wir vier Wochen, maximal sechs? 

Und dann begann meine langwierige Therapie. 

Zwölf Wochen Tagesklinik. Acht Wochen vollstationärer Aufenthalt in der Psychiatrie. Sechs Wochen Reha-Klinik und im Anschluss noch einmal zehn Wochen Tagesklinik. Das alles passierte innerhalb der letzten zwei Jahre. 

Ob die Therapie ein Zuckerschlecken war? Nein! Sie war mein persönlicher Albtraum. Während meines ersten teilstationären Klinikaufenthalts bekam ich eine Panikattacke nach der nächsten, ich stand völlig neben mir und war emotional so abgestumpft, dass meine Ärzt:innen mehr als sechs Wochen brauchten, um mir überhaupt irgendein Gefühl zu entlocken. Als sie das endlich schafften, gab es den ersten Riss in meiner Schutzmauer. Ich fing an zu weinen, fühlte auf einmal alles total intensiv und war überfordert von den ganzen Emotionen, die plötzlich da waren. Nach zwölf Wochen hatten sie es also geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Alleine lebensfähig war ich da aber noch lange nicht.

Meine ambulante Psychotherapeutin, die ich mir während meiner Zeit in der Tagesklinik gesucht hatte, teilte mir mit, dass ich dringend in eine vollstätionäre Therapie müsse. So kam ich nach Ahrweiler, wo ich acht Wochen lang lernen musste, mein Leben wieder zu strukturieren, zum Sport zu gehen, über meine Traumata zu reden und vor allem viel zu schlafen sowie einfach nur mit mir zu sein. Während andere Patient:innen ihren Terminplaner mit Ausflügen zuballerten, habe ich in der ganzen Zeit keine einzige Wanderung durch die Weinberge unternommen oder mich mit einer größeren Gruppe getroffen, weil ich es einfach nicht aushalten konnte. Nach acht Wochen meinte das Ärzteteam dann, ich sei wieder so stabil, dass man mich nach Hause lassen könnte. Zum Glück hatte ich da schon meinen Reha-Bescheid in der Tasche und konnte fast nahtlos in die Pfalz, um mich dort weiter zu erholen. In der Rehaklinik bekam ich weitere Diagnosen, aber auch das erste Mal das Gefühl, dass es wieder besser werden könnte. Ich fühlte mich alles andere als gut, aber ich traf Menschen, die bereits ganz aus ihrer Depression herausgekommen waren oder andere, denen es generell viel besser ging. Und diese positive Energie, gepaart mit dem Urlaubsfeeling der Reha, gab mir die Hoffnung und Kraft, die ich brauchte. Denn nach Beendigung der Reha entschloss ich mich umzuziehen.

Kaum am neuen Wohnort angekommen, bewarb ich mich wieder um einen Platz in einer Tagesklinik. Denn eines wollte ich nicht: Mich nochmals so hilflos fühlen. Ich organisierte mir eine Psychiaterin, die mir sehr half, während ich darauf wartete, dass meine teilstationäre Therapie wieder aufgenommen wurde. Vom ersten Anruf bis zum Tag der Aufnahme verging sicherlich ein Vierteljahr. Ich versuchte weiterhin mein Leben in Eigenregie auf die Reihe zu bekommen – und scheiterte oft.

Als ich im Frühsommer 2021 endlich das zweite Mal in eine Tagesklinik aufgenommen wurde, platze der Knoten. Ich hatte das Glück, ein fantastisches Pflegeteam zu haben und eine noch stärkere Gruppe. Außerdem fand meine Ärztin endlich ein Medikament, das Wirkung zeigte. Während der vielen Wochen dort habe ich wieder Lebensfreude entdeckt, wurde stabilisiert, habe Ziele entwickelt und wieder angefangen zu lachen. Ob es jetzt an der Therapie liegt, an den Medikamenten oder an beidem? Who cares? Ich werde die Antidepressiva so schnell nicht absetzen, denn mir geht es gut! Das will ich nicht wieder verlieren! Zusätzlich nehme ich heute ambulante Dienste in Anspruch, wie Ergotherapie, Rehasport und bald auch ambulante Psychotherapie.

Was ich gelernt habe? Depression kann jeden treffen, – niemand ist sicher davor. Man kann Hilfe bekommen, man muss sich allerdings selbst bemühen; in schweren Verläufen scheint das undenkbar. Viele Hürden, viel Bürokratie. Zeit- und vor allem kraftraubend ist das. Kraft, die man so dringend braucht, um zu genesen.

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Alle Illustrationen: Teresa Vollmuth

Und „Genesung“ ist auch das Stichwort. Würden wir in einer Gesellschaft leben, in der die psychischen Erkrankungen offen thematisiert würden, gäbe es das Stigma in dem Maße, wie wir es kennen, wahrscheinlich nicht. 

Gäbe es flächendeckend verpflichtenden Unterricht, der sich mit der seelischen Gesundheit beschäftigt, würde es im Erwachsenenalter wahrscheinlich viel weniger Betroffene geben. Wenn ich als Kind schon all das gelernt hätte, was man mir die letzten zwei Jahre predigte, hätte ich mir selbst zu helfen gewusst und wäre wahrscheinlich nicht so tief gefallen.

Anfang des Jahres 2021 habe ich eine Petition ins Leben gerufen, die genau das forderte: Mehr Aufklärung an Schulen. Damals habe ich 15.000 Unterschriften sammeln können und wurde von Nora Tschirner und Klaas Heufer-Umlauf supportet. Wahnsinn!

Doch was hat das alles gebracht? Nichts! Ich fuhr mit einer Leserin von mir nach Stuttgart, um uns anzuhören, wie viel das Land Baden-Württemberg für die Prävention macht, – allerdings auf freiwilliger Basis. Ich habe alle Bildungsminister:innen der Länder kontaktiert, bei einigen warte ich bis heute auf eine Rückmeldung, andere haben sofort abgesagt. Nur wenige wären überhaupt gesprächsbereit gewesen. Ein trauriger und auch entmutigender Schnitt!

Warum ist das so? Sicherlich ist es eine große finanzielle Frage, – allerdings eine, die viele Menschenleben retten könnte. Auch bin ich der Überzeugung, dass Lehrer:innen und Psycholog:innen auf Dauer günstiger wären als Therapieplätze und Betten, die sowieso Mangelware sind.

Aber ein System ändert sich nicht von heute auf morgen. Mittlerweile gibt es immer mehr Rufe nach besseren und ganzheitlichen Ansätzen. Denn Depression ist alles, aber keine Modeerscheinung. An den Folgen eines Suizids sterben in Deutschland mehr Menschen als an Verkehrsunfällen, Drogen, AIDS und Mord zusammen. Alle 57 Minuten stirbt eine:r, alle fünf Minuten versucht eine:r, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Jeder dritte Notarzteinsatz geht auf psychische Krisen zurück. Unter jungen Menschen ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache! 

Aber: Nur 35 Prozent der Betroffenen holen sich überhaupt Hilfe – und diese müssen bis zu einem Jahr warten, bis sie einen Therapieplatz finden.

Deutschland, wir haben ein massives Problem! Merkste selbst, ne?

Von einer Modeerscheinung reden wir schon lange nicht mehr. Schockierenderweise ist dies aber genau das, was Patient:innen immer wieder berichten, – so habe auch ich es während meiner vielen Klinikaufenthalte wahrgenommen. Fast täglich erreichen mich Nachrichten aus meiner Community, die ähnliches schildern. Sie berichten von Ärzt:innen und Therapeut:innen, die das Problem nicht ernst nehmen. Von Eltern, Freund:innen und Partner:innen, die diese seelische Schieflage als Gejammer und Aufmerksamkeitshascherei abtun, von Chef:innen, die darüber klagen, dass jede:r nur krank machen wolle und eine Depression da ganz gelegen käme.

Seelische Erkrankungen sind da – genau unter uns! Jede:r kennt eine Person, die still leidet, – eben weil es so viele gesellschaftliche Vorurteile gibt. Und so lange das so ist, erhebe ich meine Stimme für alle, die sich nicht trauen, über ihre Depression zu sprechen.

Heute bin ich so stabil, dass ich wieder lachen kann und auch wieder die schönen Dinge des Lebens wahrnehme. Emotionen sind wieder in meinen Körper gezogen. Ich male, lese, habe meine Ängste weitgehend abgebaut und werde im Februar eine Umschulung beginnen – ich habe mich quasi auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt. Das Leben kann sich für uns alle positiv wenden, – manchmal dauert es nur etwas länger. Wichtig ist, dass wir nicht aufgeben und uns immer daran erinnern, dass es mal anders war! Und dieses Gefühl kann jede:r wiederfinden. Auch wenn es bedeutet, in der Tanztherapie wie ein Affe herumzuhüpfen, in der Ergotherapie auf Ton einzuschlagen, im sozialen Kompetenztraining deinem Gegenüber mitzuteilen, dass du ihn/sie doof findest, in der Gruppentherapie plötzlich zu weinen oder Dinge zu tun, die dir absolut zuwider sind. Mein Genesungsbegleiter sagte immer: „Gar nicht nachdenken, einfach machen! Könnte ja gut werden!“

Mein Name ist Jennifer Buschtöns, Betroffene und Mental-Health-Aktivistin. Auf Instagram blogge ich unter dem Pseudonym @ennefee. Ich befürchte, dass ich das noch eine ganze Weile tun werde.

Autorin: Jennifer Buschtöns

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Solltest du aktuell in einer seelischen Krise sein, scheue dich nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren und über dein Problem zu sprechen! Telefon: 0800-111-0-111. Außerdem hast du immer die Möglichkeit, den Notruf unter der Nummer 112 zu alarmieren. Weitergehende Informationen zu Hilfsangeboten findest auf folgenden Seiten:

www.depressionsliga.de 
www.deutsche-depressionshilfe.de
www.frnd.de
www.janssenwithme.de/de-de/gemeinsam-gegen-depression

Mein Tipp: Um die langen Wartezeiten zu überbrücken, kannst du dir eine digitale Gesundheitsanwendung von deinem Arzt oder deiner Ärztin verordnen lassen, die dich keinen Cent kostet, dir aber tolle Tipps und Aufgaben gibt, um deine Symptomatik zu mildern: 

www.hellobetter.de
www.de.deprexis.com
www.selfapy.com

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