Warnung: Dieses Interview entstand aus Sofias Faszination für Dirk Bernemanns 2005 erschienenes Erstwerk „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ heraus und verläuft sich im Chaotismus.

Am Anfang war es der Zauber eines Buches, und wie es mit den wirklich echten Büchern so ist, war es vielleicht gar keine Illusion, sondern nur die Illusion von etwas, das schon lange, unbewusst, nach Wirklichkeit drängte.

Ich habe mich kürzlich mit Dirk Bernemann zu einem digitalen Kaffee verabredet.

Und wer weiß, vielleicht hätte sich diese Verabredung zum Valentinstag nie so ergeben, hätte ich nicht sein Buch zugeschickt bekommen, indem er über die typischen Zustände unserer Gesellschaft schreibt, wodurch brutale Gedanken auf mein Kopfkissen trafen, die mir aber keine Albträume bescherten, weil ich sie mir dafür viel zu vertraut waren – es setzt mich unter Druck, meine Gedanken zu dir auszudrücken Dirk, aber ich probiere es trotzdem.

Vielleicht wäre es dir lieber gewesen, ich würde dich nicht auf dein kommerziell erfolgreichstes Ding „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ reduzieren, aber vielleicht hättest du mir dann nie das Vorurteil genommen, Literat:innen wären allesamt Schal tragende Langweiler. Du hast mir meine Angst genommen, den finsteren Realitäten meine Stimme zu geben, indem du sagtest, dass es allemal einen Versuch wert ist, sich dieser mit einer gewissen Art von aggressiver Kunst zu stellen.

Was zur Verteidigung meiner Denkfähigkeit einmal hervorgebracht werden muss: Du konfrontierst auf eine faszinierende, nur schwer vergessbare, undenkbare, nahe, reale und auch ein bisschen abartige und bestimmte Weise.

Du: „Ich habe über viele Sachen geschrieben, die ich aus einer Ich-Perspektive nie hätte schreiben können, aber da die Sachen passieren, muss ich diesen Dingen der Realität eine Stimme geben, damit Menschen, die damit vielleicht nichts zu tun haben, auch damit konfrontiert werden, dass die Welt an vielen Ecken nicht in Ordnung ist“.

Ich: Wie war es dir möglich, deine Kunstfiguren in „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ auf so reale Weise zum Leben zu erwecken?

Du: „Es geht um Beobachtung, um die Empathie, die man selbst mit schrecklichen Gestalten aufbauen kann. Für Denkrichtungen, die einem überhaupt nichts sagen oder die man ablehnt, hat man trotzdem ein bisschen Empathie, weil auch sie in derselben Welt wie wir leben. Also muss es da irgendeine Verbindung geben von uns zu denen, auch wenn wir das sehr oft ablehnen.“

Ich nicke dir zu.

Du: „Auch wenn wir sagen, wir sind nicht böse, wir denken nicht böse, scheiß Menschen, müssen wir uns immer hinterfragen, ob wir nicht vielleicht selber auch diese bösen scheiß Menschen sind, da ein Teil davon auch immer in uns steckt. Weil wir einfach in der gleichen Welt leben. Und alles, was uns so verrückt anmutet, ist nicht von vornherein verrückt, sondern viele Verrückte haben Geschichten, die den Leuten vielleicht auch helfen, einerseits der Verrücktheit zu begegnen, andererseits auch, um damit irgendwie fertig zu werden. Um einen Ansatzpunkt zu haben, wie gehe ich mit der Scheiße um.“

Ekel und Hilflosigkeit, das treibt dich an. Nun, das sind auch Zustände, woraus Literatur entstehen kann. Aus dem Ekel der Welt, um es mit deinen Worten zu sagen.

Und dann gibt es noch deinen aktuellen Roman „Schützenfest“, der im Herbst veröffentlicht wird. Du sagtest, es ist ein Heimatroman, worin du über Westfalen, die Region, in der du aufgewachsen bist und die Volksrituale schreibst. Um den Weg eines jungen Mannes, der in einer Großstadt wohnt und in das Dorf seiner Jugend zurückkommt und sich mit verschiedenen unbearbeiteten Baustellen konfrontiert sieht. Du konzentrierst dich also nur auf ein Individuum, auf das Elend einer einzelnen Person. Dazu stellt sich mir eine Frage. Nämlich, um was geht es da genau?

Du: „Es geht um die Entwicklung, darum, was Heimat eigentlich aus einem macht. Um die frühkindlichen Erfahrungen und Gebräuche, die in einem Dorf umhergehen, die man verinnerlicht hat und die ein Leben lang bleiben.“

Ich: Was hat das mit dir zu tun?

Du: „Ich bin super katholisch aufgewachsen, das hängt mir bis heute in meinem Denken nach, weshalb ich über eine bestimmte Grenze in diesem ganzen religiösen Kontext nicht hinausdenken kann, weil ich damit immer noch diese Möglichkeit verbinde, dass es doch irgendwie einen Gott gibt, eine Anschauung, die frühkindlich in mich rein gedroschen wurde jetzt habe ich dieses Denken.“

Da muss ich an meinen Großvater und seine rassistischen Ansichten denken, die auch ich verinnerlicht habe, irgendwie, wenn er von seinem total netten rumänischen Nachbarn erzählt.

Du: „Und je dörflicher das ist, umso heftiger sind solche Sachen vertreten.“

Diese Erkenntnis brachte uns dazu, eine sehr nette Unterhaltung über das Thema Kommunikation zu führen. Erinnerst du dich noch daran, dass du mir diese Anekdote von den zwei benachbarten Bauern erzählt hast? Die in einen Streit geraten sind und nicht fähig waren, diesen mit Worten zu klären, sondern lieber darauf warteten, dass der jeweils andere stirbt …

Du: „ … und damit war der Konflikt zu Ende.

Das ist die Region, aus der du kommst. Zwar habe ich deine anderen 15 Bücher nicht gelesen, aber so wie ich mir das erträume, wirst du auch diesmal einen emotionalen Höhepunkt in mir auslösen. Unausgesprochene Dinge, um die sich niemand kümmern will, kennst vermutlich auch du, du stumme:r Zuhörer:in.

Du: „Wenn man über bestimmte Sachen nicht redet, bleiben diese einfach in der Welt. Deshalb sollte man Konflikte, die man nicht lösen kann, vermeiden. Das ist eine Strategie, die ich in meinem Leben gelernt habe. Aber auch viel mehr über Konflikte reden und Kommunikation als Schlüssel für alles anerkennen.“

Ich: „Das muss man sich aber auch erst mal einhämmern.“

Du: „Stimmt, das ging mir auch so. Du hast ja eben meine Geschichte mit den Bauern eingeräumt und das ist die Methode, die ich lernte, Konflikte zu lösen. Also eher abwarten, dass sich der Konflikt verpisst.“

Ich: „Schweigen, Raum verlassen und denken, damit hat es sich erledigt.“

Du: „Wie, wenn sich Kinder die Hände vor die Augen halten und denken, niemand kann sie sehen, weil sie selbst niemanden mehr sehen. Aber wie viele Menschen gibt es noch auf der Welt, die auf diese Art Konflikte führen? Aber wie viele Menschen gibt es noch auf der Welt, die so Konflikte führen? Es begegnet mir in der Tat immer noch sehr häufig, dass Leute durch „ghosten“, wie man das heute so schön nennt, aus meinem Leben verschwinden. Menschen, die nie wieder auftauchen und Baustellen hinterlassen, halb fertige Ruinen, die da im Weg rumstehen und niemand kümmert sich darum. Das ist doch sehr belastend, finde ich. Natürlich kommt es dabei auch immer auf die Art des Konfliktes an und ob man diesen überhaupt lösen möchte.“

Sofia hat das Zoom Meeting verlassen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Illustration: Victoria Schumacher

www.dirkbernemann.de
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