Mit dreißig bin ich verheiratet und schwanger mit unserem zweiten Baby. So oder so ähnlich habe ich noch vor zwei Jahren gedacht. Verrückt, jetzt sitze ich hier – dreißig, Single und Mama eines Dreijährigen. Ohne Plan und ungevögelt. 

Ich habe es geschafft, meine Glaubenssätze hinter mir zu lassen, habe mich von der Sicherheit abgewandt und mich ins Ungewisse gestürzt. „Du bist so mutig!“ Wenn ich jedes Mal einen Euro bekommen hätte, während jemand diesen Satz zu mir sagte, müsste ich nicht immer am Ende des Monats das Kleingeld aus der Spardose meines Sohnes klauen. Vor allem kam das meistens von Frauen und Männern, die selbst ziemlich unglücklich und unzufrieden gewirkt haben. Das kam mir zumindest so vor. Ja, Mut gehört dazu, wenn man nach sieben Jahren Beziehung geht. Vor allem, wenn augenscheinlich alles passt. Sorgender Familienvater, Haus bald abbezahlt, zweimal Urlaub im Jahr. Natürlich immer am gleichen Ort. Wer fährt denn nicht gerne fünfmal hintereinander in ein und dasselbe Hotel nach Kroatien und bestellt mittags Cevapcici und Calamari fritti!

Wenn ich mir das durchlese, könnte ich kotzen. Eins habe ich mir selbst versprochen: Ich lasse nie wieder jemand anderes ans Steuer meines Lebens. 

Jetzt bin ich seit einem Jahr Single, meist glücklich, aber manchmal auch todunglücklich und frustriert. Ich fühle mich wirklich oft allein, obwohl da ja immer dieser kleine Mensch um mich herum ist. Immer.

24/7 für jemanden verantwortlich zu sein ist eine Herausforderung, die mich persönlich regelmäßig an meine Grenzen bringt. Um sich das mal vorstellen zu können: Ich war seit drei Jahren fast nie mit geschlossener Tür auf dem Klo und mir legt seit eineinhalb Jahren immer ein kleiner Mensch seine Hand aufs Bein und feuert mich bei jedem Klogang an. Dazu der ständige Schlafmangel und die unmenschlichen Sorgen, Wutausbrüche, Schmerzen, Gemeinheiten und die immerwährenden Fragen. Ich liebe meinen Sohn über alles und könnte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Das sagt man so, nachdem man sich Luft gemacht hat. Wenn man es nämlich nicht sagt, schauen einen die Leute an als hätte man jemanden umgebracht.

Wobei, vorstellen könnte ich es mir nämlich schon. Ich stelle mir zum Beispiel vor, ich wäre frei. Ich hätte die Freiheit zu machen, was ich möchte die Freiheit mit jemanden Sex zu haben, – ohne Verpflichtung und Terminabstimmung, die Freiheit zu reisen, die Freiheit umzuziehen, die Freiheit 30, 40 oder 50 Stunden pro Woche zu arbeiten. Ich stelle mir vor, wie ich maßlos trinke und feiere. Wie ich die Nächte durchmache und am Tag schlafe.

Manche meinen, das geht alles – auch mit Kind. Ich sage, das geht nicht. Zumindest nicht mit einem Dreijährigen, dem man nicht den Boden unter den Füßen wegreißen möchte. Nicht nachdem man diejenige war, die gegangen ist und laut Gesellschaft alles kaputtgemacht hat. Jaja, Self-Love, Midlife-Crisis. Die Vorwürfe und das schlechte Gewissen werden seit einem Jahr nicht weniger. Dieses Doppelleben als Mama und Suchende geht auch nicht ohne Aufputschmittel. Ich rede nicht von Kaffee. Ich bin immer noch auf der Suche nach etwas Stärkerem als Koffein, aber Schwächerem als Kokain.

Also wie geht man das Thema an? Lernen, mit sich allein happy zu sein? Lernen, die Freiheit auch mit Kind zu spüren? Ich spüre keine Freiheit und auch das Alleinsein fällt mir nicht leicht. 

Und wo bleibt dabei der Sex? Mir ist Sexualität unglaublich wichtig. Ich bin experimentierfreudig und will überrascht und mitgerissen werden! Sex mit mir selbst funktioniert perfekt und ich schaffe es auch, mich selbst zu lieben und zu befriedigen. Dafür brauche ich niemanden. Ich vermisse in der Regel auch keinen Mann in meinem Leben. Ich sehne mich nach Aufregung, Kribbeln, Nähe, Berührungen, einem Körper auf, unter oder hinter mir. Ich sehne mich nach tiefen, wilden Küssen.

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Alle Illustrationen: Teresa Vollmuth

Deswegen habe ich mich auf Tinder angemeldet, – einfach weil es bei mir schnell gehen muss und wir in verrückten Zeiten leben. Doch mir wurde schnell klar, dass es hier entweder nur den Kuschelkurs oder eben den Hardcore-Porno gibt. Ich suche irgendwas dazwischen. Und am liebsten mit einem kalten Getränk davor und einem heißen Getränk danach. Bis jetzt wurde ich fünfmal geghostet, habe zwei neue Brieffreunde und einen, der sich nach dem ersten Treffen in mich verliebt hat. Yaaaay!

Ich bin mir wirklich nicht sicher, wo die Reise hingeht, aber eins ist sicher: Noch ein Jahr ohne Mund, Zunge, Finger und einem Penis halte ich nicht aus! Ich bin ja jetzt schon vier bis fünfmal im Monat kurz davor, einem fremden Mann auf der Straße einen Quicky hinterm nächsten Busch anzubieten. Leider sind die meisten Männer hier in der Kleinstadt verheiratet oder kennen jemanden, der jemanden kennt. Der ein oder andere wäre wahrscheinlich trotzdem am Start. Dann hätte ich aber lebenslängliches Spielgruppen-Verbot und am Spielplatz würde man mich mit Steinen bewerfen.

Aktuell sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels und auch keinen Penis, aber ich bin eine unverbesserliche Optimistin und wer weiß, vielleicht treffe ich ja nächste Woche einen netten Typ in einer Bar. Einer, der mich zum Lachen bringt, der weiß, wie er mich zum Kommen bringt und mir in der Früh einen Kaffee macht. Natürlich nur jedes zweite Wochenende und Mittwoch Abend. Da bin ich frei.

Autorin: Yana Molina

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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