WARNUNG: Dieser Text enthält Inhalte von Alkoholismus und psychischen Erkrankungen. 

Samstag, 19. Mai 2010  

Der Wecker klingelt. Ich wache benebelt auf. Mein Kopf gleicht einer Bombe, die jeden Moment explodieren könnte. Der Geschmack in meinem Mund ist mir so vertraut. Vom Alkohol und den Kippen. Er ist eklig. Klebrig. Trocken. Mit verkrusteten Augen stehe ich wackelig auf und trinke ein Glas Leitungswasser. Die Gedanken kreisen um den gestrigen Abend:

„Was hab ich gestern Abend noch mal gemacht? Ach ja, ich war mit N. und T. zuerst in unserer Stammkneipe und auf dem Weg dorthin habe ich schon einige Biere getrunken. Danach sind wir tanzen gegangen. Hat Spaß gemacht. Waren es ein, zwei oder doch drei Kettenfett? Und wie viel Bier hatte ich dann noch?“ Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Genauso wenig wie an den Rückweg nach Hause. Meine Klamotten riechen nach Alkohol, Pisse und Kippen. Ekelhaft. „Ich ekel mich vor mir selbst!” Alles ab in die Wäsche und unter die Dusche.

Unter der heißen Dusche fällt es mir wieder ein: „Boah, ich bin ja bis zum Schluss geblieben, nachdem N. und T. schon längst weg waren. Um mich weiter zu betrinken. Mein Leben, meine Erinnerungen und mich selbst komplett wegzutrinken. Hat mal wieder nicht geklappt!“

Depressiv und verkatert blicke ich auf mein Handy, als ich aus dem Badezimmer komme. N. hat angerufen. Zweimal. „Scheint ja ganz schön dringend zu sein“, denke ich mir. Eigentlich habe ich an solch einem Kater-Depri-Tag gar keine Lust, mit irgendwem zu reden. Doch resultierend aus Sorge, – ich mache mir schnell Sorgen und fahr ’nen überzeugenden Film, – rufe ich N. zurück. Nach dem zweiten Klingeln geht N. ans Telefon. „Na du Schnapsdrossel! Wie gehts? Gestern noch gut nach Hause gekommen?“, fragt N. „Öh … joar. Geht so, ne? Bin ziemlich verkatert. Und hab ’nen übelsten Filmriss. Weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin“, antworte ich N.

„Du, wir sollten mal über deinen Alkoholkonsum reden. Der geht mal so gar nicht mehr klar. Du hast dich gestern total daneben benommen, Leute angepöbelt und dir ein Bier nach dem nächsten reingezogen. Mache mir echt Sorgen um dich!“, knallt N. auf einmal raus. Ich fühle mich von dieser Aussage frontal konfrontiert, bin überfordert und undurchdringliche Ängste kommen in mir hoch. Mit einer schnellen Entschuldigung und einem „Das ist mir echt peinlich. Wird nicht wieder vorkommen!“, gelingt es mir, N. halbwegs zu beruhigen.

Danach lege ich mich zurück ins Bett und starre an die Decke. Die Ängste lassen mich nicht mehr los: „Habe ich gestern was Schlimmes verbrochen? Wird N. auf Distanz zu mir gehen? Wie – in Gottes Namen – bin ich nach Hause gekommen? Ist mir zwischenzeitlich vielleicht sogar was passiert, woran ich mich nicht mehr erinnern kann?“ Meine Gedanken und Ängste dazu werden durch die mir altbekannte Kater-Übelkeit unterbrochen. Mein Magen rumort. Ich habe großen Appetit und gleichzeitig keinen. Am liebsten würde ich jetzt einfach ein Konter-Bier trinken. Aber dafür ist es zu früh. Mit Beinen aus Gummi und einem schwachen Kreislauf ziehe ich mich an und gehe vor die Tür.

Es ist schon Mittag und die Sonne so grell, dass meine Augen es kaum ertragen. Menschen kreuzen meinen Weg. Der Markt wird bereits abgebaut und ich denke mir: „Fuck! Eigentlich hatte ich mir doch fest vorgenommen, was Gutes und Leckeres zu kochen. Whatever! Scheiß auf  Selbstfürsorge! Geht auch ohne Essen oder notfalls mit ’ner Tiefkühl-Pizza.“ 

An einer roten Ampel überkommen mich die Ängste wieder. Mir wird schwindelig und am liebsten würde ich mich an einem fremden Menschen festhalten, der gerade neben mir steht. Ich fühle mich klein, verloren und dreckig. Mein Herz rast und der Schweiß bricht mir aus jeder Pore. Irgendwie schaffe ich es ohne Kollaps über die Ampel, die nun erst auf Grün springt. Im nächsten Kiosk kaufe ich mir eine Cola und setze mich in den Park. Es wäre eigentlich ein schöner frühsommerlicher Tag. Der Park ist bereits mit vielen Menschen gefüllt, die ihre Zeit beim Grillen, Fußball spielen oder einfachem Rumgammeln genießen.

„Ich fühle mich einsam!“ Und diese Einsamkeit möchte ich direkt wieder im Alkohol ertränken. Am Abend geht das Spiel von vorne los. G. ruft an und lädt mich auf eine Party ein. Etwas in mir weiß seit geraumer Zeit, dass das keine gute Idee ist. Aber der Alkohol ist verlockend. Stunden später sitze ich mit G. auf einer alten Couch, wir trinken gemeinsam das x-te Bier und ich kann mich und mein verdammtes Leben endlich wieder vergessen.

Donnerstag, 03. Februar 2022  

Seit drei Jahren bin ich trocken. Hab es endlich geschafft mit knapp 36 Jahren. Viele meiner Freund:innen haben bereits eine Familie gegründet und ich? Ich kämpfe nach wie vor mit meinen inneren Dämonen, meinen traumatischen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Doch seit drei Jahren endlich ohne Alkohol. Weil ich mir mein Leben mit dieser Droge nicht mehr verbauen möchte. Weil ich doch frei und unabhängig sein will. Und so habe ich vor drei Jahren beschlossen, diesen Weg ohne Alkohol weiter zu gehen. Geholfen hat mir dabei der Austausch mit Gleichgesinnten. Ich war beim Blauen Kreuz angedockt, bin ab und an mal zu einer Selbsthilfegruppe gegangen, aber am besten hat mir das Töpfern in dieser Einrichtung gefallen. Kreativ tätig zu werden, mit den Händen etwas herzustellen und gleichzeitig Menschen um mich herum zu haben, die ebenfalls den Teufel Alkohol aus ihrem Leben verbannt haben, aber genau wissen, wie es sich anfühlt, alkoholabhängig zu sein, hat mir verdammt noch mal den Arsch gerettet.

Ich bin danach offen mit der Thematik Alkoholismus umgegangen. Dabei gab mir der Austausch mit engen Freund:innen sowie deren mentale Unterstützung Halt und half mir so, dem Alkohol dauerhaft die Rote Karte zeigen zu können. Seit einiger Zeit mache ich wieder eine Therapie, die sich ebenfalls stabilisierend auf mich auswirkt. Meine Therapeutin und ich achten darauf, dass der Teufel nicht wieder Einzug in mein Leben hält und für dieses In-Schach-Halten bin ich unheimlich dankbar! 

Allen Menschen, die von Alkoholismus betroffen sind, kann ich nur sagen: Versucht euch davon zu befreien! Auch wenn es ein harter und steiniger Weg ist, es lohnt sich! Und verachtet euch nicht dafür, dass ihr trinkt, denn das tut ihr mit Sicherheit nicht grundlos. Verzeiht euch selbst, seid gut zu euch und geht das Monster an! Ihr könnt es schaffen. Peace!

Autorin: Momo
Illustration: Johanna Richter

Trinkst du auch zu viel?
Hier gibt es Infos und Hilfe: www.gesundheitsinformation.de

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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