In Barcelona protestieren die Katalanen auf der Straße, zuhause beschweren sich meine Mitbewohner über meinen dreckigen Teller in der Spüle, und im Radio wird behauptet, dass ich 1LIVE-Hörerin bin.

Mr. Moderator P., der jeden Sonntag die neusten Tracks der Woche vorstellt, sagte in einem kürzlich erschienen Interview mit der Webtalkshow folgendes: „Wenn ich eine Radiosendung mache und ich bin nicht mega aufgedreht, dann bin ich halt eher laid back unterwegs und das ist wichtig, und das ist das, was auch die Menschen oder der Hörer zu schätzen weiß, weil da jemand sitzt, der genau so ist, wie er ist und nicht dieses Aufgedrehte. Und dann wundern sich alle, dass kein Mensch mehr Radio hört, ja, weil Radio teilweise keine Seele mehr hat. Weil da nur noch Roboter sitzen. (…) Das ist nicht meine Art und Weise Radio zu machen.“

Tatsächlich offenbart diese scheinbar oberflächliche Blödelei eine bizarre Wahrheit – und enthält schon die ganze Geschichte. Sie handelt von einer jungen Frau, einer Frau, die sich in der Öffentlichkeit zu ihrem Alkoholproblem geäußert hat. Sie handelt davon, wie sich ein junger Mensch unter den unsozialen Bedingungen missverstanden und in eine Ecke gedrängt fühlt – eine Rundfunkmacht, die gefühllosen Moderatoren, von ein paar essenziellen Informationen und Geschichten abgesehen, das Wort überlässt. Wie konnte es dazu kommen?

Am 9. Oktober 2020 geht 1LIVE mit mir auf Sendung. P., ein Moderator mit einem Hang zum Boulevard und einem entschiedenen Interesse an einer erfolgreichen Show, hatte die Ehre, sich mit mir über mein Alkoholproblem zu unterhalten, doch ohne Erfolg. Sie gelingt ihm in der Hinsicht, dass das Feedback der Hörer „unfassbar krass positiv“ ausgefallen ist, doch nicht für mich, die Interviewte, die das Gefühl hat, zur Lachnummer Nordrhein-Westfalens geworden zu sein. Zumindest an diesem Freitagnachmittag.

Eines muss man ihm lassen, er besitzt ein atemberaubendes Gespür für Inszenierungen. Schon das Intro lässt erahnen, welchen Verlauf dieses Interview nehmen wird: „Tachchen zusammen, das ist 1LIVE gerade eben hier angeworfen. Wie sieht euer Freitagabend in Corona-Zeiten aus? Oder jetzt das Wochenende? Seit ihr vielleicht so ein bisschen zu Solotrinkern geworden? Aus einem Gläschen Wein werden dann zuhause drei oder vier oder fünf oder Open End? 1LIVE-Hörerin Sofia, die ist 27 und hat jetzt Schluss gemacht, komplett mit Alkohol. Sie sagt, sie hat so viel getrunken und dann, wie sie selber erzählt, peinliche Aktionen gebracht, dass sich sogar ihre Freunde von Sofia komplett distanziert haben. Darüber schreibt sie auch sehr offen in einem Blog im Netz.“

Als wir unser Gespräch am Freitagmorgen beginnen, hatte ich nicht damit gerechnet, dass wir sofort loslegen. Zumal ich seine Kollegin, die mich zuvor über Instagram kontaktierte, ein Hashtag verhalf ihr dabei, darum bat, das Gespräch langsam zu beginnen. „Ach, mach dir keine Sorgen! Ich sage P. Bescheid, dass ihr erst ein bisschen quatscht und dann easy reinkommt.“. Aber bei allem geschäftlichen Ehrgeiz bleibe es doch das Ziel, keine wertvolle Minute zu verstreichen – weswegen keine Zeit blieb, einen einfühlsamen Start hinzulegen.

Ich bin keineswegs eine Solotrinkerin und verstehe nicht, woher diese Information kommt. Auch war nie die Rede davon, dass sich meine Freunde „komplett distanzierten“. Oder wird der Begriff „Leute“ seit Neustem mit „Freunden“ gleichgestellt und „Entfernung“ mit radikalem Abbruch? Subjektivität, Unsensibilität und unbeabsichtigte Bespöttelung haben in einem Interview zu einem sensiblen Thema wie Alkoholismus nichts zu suchen. Ja, ihr seid das Format Radio, und ja, ihr müsst euch an eine gewisse Dauer der Beiträge halten – darf ich als Interviewte deshalb keine Erwartungshaltung an euch haben? Klar ist, dass ihr die komplette Unterhaltung nicht senden könnt, wobei ich der Meinung bin, dass das die Situation nicht besser gemacht hätte. Doch muss ich als „1LIVE-Hörerin“ davon ausgehen, dass ihr mich aufgrund dieser Begrenzung so darstellen dürft, wie ihr möchtet?

„Zu viel Saufen“, „peinliche Aktionen hat sie gebracht“, „Es ist nicht das erste Mal, dass du durch zu tief ins Glas gucken, die Kontrolle tatsächlich verloren hast. Warum hast du da erst jetzt an diesem Samstag reagiert und gesagt jetzt reicht‘s! Waren diese ganzen Ausschritte davor ins Bett pinkeln und so weiter nicht irgendwo schon so Wachrüttler genug?“ – so lautete der Wortlaut, mit dem ich mich auseinandersetzen durfte.

Eine Frage, die sich mir stellt: Wie wirkte ich auf die Hörer? Verloren? Unsympathisch? Meine Antworten waren abgehackt, es entstand kein Redefluss und ich wurde als exzessive Alkoholikerin abgestempelt. Ja, ich habe mich selbst als eine solche bezeichnet, denn seit meiner Jugend habe ich meine Schwierigkeiten mit Alkohol. Ja, ich bin ein Problemkind, doch ich bin in erster Linie ein Mensch, eine Person, deren Geschichte mehr enthält als „peinliche Aktionen“ und „zu viel Saufen“. Für das Interview hat sich der Hörfunk lediglich auf meine Eskapaden konzentriert, die weder etwas mit meiner Persönlichkeit noch mit meiner Geschichte zu tun haben. Mich auf meine Pisse im Bett zu reduzieren, vermittelt dem Hörer den Eindruck, ich hätte mein Leben nicht unter Kontrolle. Würde das der Wahrheit entsprechen, hätte ich mich dann für ein Leben ohne Alkohol aus eigener Willensstärke entschieden?

Ich war blauäugig und hatte andere Erwartungen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich den Fehler bei mir selbst sehe. Notgedrungen habe ich in ein Medium vertraut, dass nicht im Geringsten ein wahrhaftiges Interesse für mich übrig hatte. Ich eigne mich nun mal nicht als Roboterfutter und dass man ein so empfindliches Thema wie den eigenen Alkoholkonsum nicht in einem Radiointerview besprechen sollte, habe ich aus dieser Erfahrung gelernt. Erfreulicherweise gibt es auch noch andere Rundfunksender, die sich Zeit nehmen, Menschen kennenzulernen und als verlässliche Quellen geschätzt werden. Ich würde mich jedoch nicht wundern, wenn irgendwann kein Mensch mehr Radio hört, da seelenloses Futter keinen Mehrwert für unsere Gesellschaft hat. Aber hey, im Radio klingt‘s besser!

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One Comment on “Dumm gefragt: Wer vertraut eigentlich noch dem Radio?”

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