Seit drei Jahren wohne ich jetzt in einer Großstadt. In der drittgrößten Stadt Deutschlands. Für mich das Aufregendste und Tollste, was ich mir vorstellen kann. Aufgewachsen bin ich jedoch in einer Kleinstadt. Gerade mal 30 Tausend Einwohner leben dort. Und ich? Ich lebe jetzt in der Stadt. Bin jetzt Städter oder Städtischer. Finde im Umkreis von einigen Kilometern nur Mehrfamilienhäuser, Büros und Stahlbeton. Hier und da mal ein kleiner Park oder Spielplatz.

Ein Jahr der drei in der Großstadt habe ich nur genossen. Habe das städtisch sein nicht hinterfragt und bin als Teil des Konzeptes Stadt in mir und eben jener aufgegangen. Ein weiteres Jahr habe ich statt Stadt zu akzeptieren, Stadt hinterfragt. Was mache ich hier? Fühle ich mich wohl? Was sehe ich? Der Horizont ist für mich nicht mehr sichtbar. Früher schaute ich über triste, wüste Felder. Jetzt ein Anblick den ich genieße. Mal eine Abwechslung zu Glasfassaden oder eingezäunten Baulücken, die Kritik anziehen wie auf dem Bürgersteig der Hundekot die Fliegen.

Wir Menschen brauchen Gesellschaft. Sind angewiesen auf das Miteinander. Schon in antiken Hochkulturen wie in Ägypten, China und Mittel – sowie Südamerika entwickelten sich erste einer Stadt ähnelnden Gemeinschaften. Bereits im ersten Jahrhundert lebten in der größten Stadt circa eine Million Menschen. Rom galt als pulsierendes Herz. Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs, das sich alle umliegenden Gebiete unterworfen hat. Die ersten Großstädte, wie wir sie kennen, waren London, Paris und New York. Die einzigen Millionenstädte des 19. Jahrhunderts. Heute gibt es ungefähr 500. Insgesamt wohnen 1.6 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt in Millionenstädten.

Die Stadt scheint also ein funktionierendes Konzept zu sein. Viele unterschiedliche Menschen treffen aufeinander und leben in symbiotischer Harmonie miteinander. Falls das nichts für dich ist, du einfach nicht so harmonisch mit anderen leben kannst, Pech gehabt kannst ja aufs Land ziehen, wenn es dir hier nicht gefällt. Städtische Arroganz ist nur ein Stereotyp, der UNS nachgesagt wird.

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Illustrationen: Die Städtischen

Durch die globale Corona-Pandemie werden Städte nun anders betrachtet. Eine so große Ansammlung von Menschen birgt bei solchen Krankheitsausbrüchen immer ein hohes Risiko. Gerade für die Menschen in den Städten, die meist keinen Garten haben, wirken die eigenen vier Wände noch einmal deutlich kleiner. Das Reduzieren der Kontakte noch deutlich belastender und das schwarz-weiße Bild, auf dem Paris und der beleuchtete Eiffelturm zu sehen sind wie ein ferner Traum. Verrückt. Gerade Paris hat es in früheren Pandemien ziemlich hart erwischt.

Die Stadt wird heute verändert wahrgenommen. Sie ist ein Ort voller Räume. Einige davon leer, andere sind überfüllt. Wieder andere werden gar nicht erst als solche wahrgenommen. Das wird jetzt im Frühling deutlich. Sobald die Sonne rauskommt, sitzen viele Menschen an wenigen Orten. Ob es die Stufen einer Kirche oder eines Theaters sind, ist dabei egal. Diese Räume zeigen, dass in einer Stadt sehr viel mehr steckt, dass nur darauf wartet, erkannt zu werden. Die Stadt ist unser Lebensraum, wieso nutzen wir ihn dann nicht für mehr als nur für das Nötigste? Wieso überlegen wir als Städter nicht, was uns fehlt und was WIR vermissen und packen genau da an und verändern etwas? Gerade jetzt, wo wir uns auf das, was in unserer unmittelbaren Nähe ist, beschränken müssen.

Viel weiter weg als 15 Kilometer. So lautet der Untertitel von einem Bild, das ich auf Instagram gepostet habe. Es zeigt einen Baum, der gesund und grün strahlt, im Hintergrund blauer Himmel und weiße, fluffige Wolken. Er steht auf einem kleinen Hügel in Leichlingen. Irgendwo im Rheinland, wo die Dörfer mit den Namen Zeit, Sonne und Trompete liegen. Echt! Schaut ruhig nach. Im Gegensatz dazu freue ich mich hier in der Stadt schon darüber, wenn die Sonne sich im gegenüberliegenden Haus so spiegelt, das ich mit wenig akrobatischen Verrenkungen am Schreibtisch sitzend einen Sonnenbrand im Nacken bekomme.

Baum
Foto: Louis Lafos

Städtischer Aktivismus, ein Begriff, der nach viel Arbeit klingt. Nun fast schon im Mainstream angekommen ist. Heißt jedoch einfach nur machen. Anfangen und Projekte umsetzen. Auf dem Weg zum Supermarkt kaputte Werbetafeln sehen, sie auf dem Rückweg mitnehmen. Zu Hause provisorisch reparieren. Ein Plakat drucken. Es wieder an Ort und Stelle aufhängen. Gedichte an Ampeln platzieren. Eine improvisierte Möbelkollektion zu bauen, aus kaltem Stein bequeme Sitze machen. Am 1. Mai Sonnenblumen pflanzen. Gespräche führen.

Es musste nur eine Pandemie mit bald drei Millionen Todesfällen kommen, um die eigene Umgebung so zu gestalten, dass man gar nicht mehr weg will. Hätten wir das mal früher gewusst. Einfach so können wir Projekte umsetzen, für die wir brennen und Leidenschaft für etwas entwickeln, das allen etwas bringt. Im letzten Jahr habe ich ein Theaterstück auf einer Kreuzung aufgeführt. In Berlin bringen Rocco und seine Brüder Farbe wie Kritik in den öffentlichen Raum und morgen (08.04.2021) beginnt in einem REWE eine Ausstellung verschiedener Künstler:innen. Es geht also. Die Stadt als Medium nutzen und jedem, der will eine Stimme geben. Missstände und Potenzial erkennen, darauf aufmerksam machen und etwas umsetzen.­­ Im nächsten Jahr möchte ich genau das machen. Mir meine Umgebung gestalten und es mit Freude tun. Mit tollen Menschen zusammenarbeiten und Ergebnisse sehen. Es gibt für mich kein schöneres Gefühl.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.
Autor: Louis Lafos

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