Haut an Haut, Menschen, die sich selbst oder andere berühren, Sex, Liebe, Vertrauen, sich jemandem öffnen und das verletzlichste, intimste seiner selbst preiszugeben. Es sind diese so wunderschönen Momente des Lebens, vor denen ich mich den Großteil meines Daseins fürchtete und versteckte. Ich habe all diese Emotionen in mir gesammelt und in eine große Truhe gepackt, abgeschlossen und den Schlüssel geschluckt. Damit weder ich und schon gar nicht ein anderer auf die dumme Idee kommen könnte und diese Seite von mir herauslässt. Wie sich das anfühlt? Beschissen. Ich machte mich jahrelang selbst zum Wrack, limitierte und verwehrte mir selbst die wohl schönsten und süßesten Momente des Lebens. Irgendwann habe dann auch ich verstanden, dass in mir irgendwas gewaltig schiefläuft und so fing ich an, mich selbst zu therapieren. Ich malte. Haut an Haut, Menschen, die sich selbst oder andere berühren, Intimität, Sex, Liebe. Erotische Kunst hat mir geholfen, all diese wunderbaren Emotionen, vor denen ich so Angst hatte zu normalisieren und zwang mich letztendlich, den Schlüssel auszuspucken. Eine Künstlerin, die es mir besonders angetan hat und diese Truhe wieder einen Spalt öffnete, ist Sonja Lekovic. Ein Interview, dass euch nicht nur die Socken ausziehen wird. Versprochen.

DIEVERPEILTE: Du kommst aus Belgrad. Wie verlief deine Kindheit in Serbien?
Sonja Lekovic:
Ich fühlte mich dort immer wie ein Alien. Weder in Ästhetik, Mentalität noch im Vibe konnte ich mein zu Hause finden. Belgrad hat seine coolen Momente, aber ja, um ehrlich zu sein, denke ich die ganze Zeit daran, woanders hinzugehen. Aktuell ist die Luft hier unerträglich.

Wie steht es um die serbische Fotografie, ist das dort etwas Übliches?
Ich weiß nicht, ob es gängig ist, aber ich würde sagen, dass kommerzielle Fotografie hier sehr wohl ein passabler Job sein kann. Das Leben als Künstler:in in Serbien ist emotional, aber extrem herausfordernd. Finanziell gibt es zum Glück andere Möglichkeiten. Ich verkaufe meine Fotos z. B. über das Internet. Zwar habe ich einige Kunden in Serbien, aber die meisten kommen aus dem Ausland.

Wie steht es um Nacktheit in Serbien, sind die Menschen dort offen für so was?
Das würde ich so nicht sagen, nein. Aber anscheinend treffe ich immer wieder auf Leute, die mit Nacktheit offen umgehen. Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine Fotografie die serbischen gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Nacktheit durchbreche, und ich betrachte das als einen zusätzlichen Zweck meiner Arbeit, diese Grenzen neu zu definieren.

Du beschreibst deine Fotografie als sinnlich erotische Kunst. Was verstehst du darunter?
Ich würde sinnliche Erotik als erotische Stimulation und Erregung definieren. Das geschieht, indem man im Körper und nicht in seinem Verstand präsent ist. Die sexuelle Energie wird geweckt, wenn man sich auf das Erfahren von Gefühlen konzentriert, die von allen Körpersinnen kommen und die Energie einer anderen Person, mit der man interagiert fühlt. Kunst schafft es, diese Momente einzufangen. Aber ich würde sagen, es gibt nicht viel über erotische Kunst zu diskutieren, entweder man fühlt sie oder man fühlt sie nicht, entweder sie macht einen an oder nicht. Meine persönliche Wahrnehmung hat sich durch meine Arbeit von wie sieht es aus zu wie fühlt es sich an verändert.

Auf deiner Website schreibst du, dass du nach acht Jahren im Marketing deinen Job aufgeben hast, um dich deiner Kunst zu widmen. Wie kam es dazu?
Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich einfach mehr vom Leben wollte als einen 9 to 5 Job, den ich nur des Geldes wegen mache. Ich wollte Freiheit und Freude daran haben, was ich leidenschaftlich gerne mache. Also habe ich in mich hinein gespürt und gemerkt, dass ich unerforschte Potenziale habe. Ich ging das Risiko ein und gab mir selbst die Zeit und den Raum, um zu sehen, was dabei herauskommen würde. Am Anfang wusste ich nicht einmal, dass es Fotografie sein wird. Meine Idee, als ich meinen Job kündigte, war eigentlich, Schriftstellerin zu werden. Aber ich habe mir einfach den Freiraum, für das was sich ergibt, gelassen. Ich habe mir gesagt, ich werde morgens ohne Pläne und Verpflichtungen aufwachen und einfach spüren, worauf ich Lust habe und dem folgen. Und ich hatte Lust, durch die Stadt zu laufen und Fotos mit meinem Handy zu machen. Später habe ich mit ihnen in Photoshop gespielt und gemerkt, dass mich das so antreibt, dass ich das bis 6 Uhr morgens machen könnte. Ich folgte einfach diesem Antrieb, kaufte meine erste Kamera und ging weiter in diese Richtung und es trieb mich einfach immer mehr an.

Erotische Fotografie ist oft ein Tabuthema und wird von einigen sozialen Medien sogar gesperrt. War es für dich, während du aufgewachsen bist, jemals ein No-Go?
Ich würde sagen, dass Erotik ein Tabu für den Großteil der Menschheit ist. Nur wenige Menschen ziehen ihre Kinder ohne ein Tabu rund um das Thema Sexualität auf. Sex ist mit Scham, Angst und Begrenzungen behaftet und das erzeugt Blockaden im Körper und im natürlichen Lebensenergiefluss. Das kann ein ernstes Problem für einen Menschen sein. Ich hoffe, die Menschheit kommt endlich in eine Evolutionsphase, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich sehe, dass es sich langsam ändert und ich möchte gerne ein Teil der Lösung sein.

Deine Motive sind vorwiegend nackte Menschen, wie wählst du diese aus?
Oft wähle ich sie aus und manchmal wählen sie auch mich durch eine Kombination aus Anziehungskraft und Vertrauen. Ich suche Menschen aus, die offen sind für das, was ich tue, und es mögen. Vor dem Shooting bespreche ich immer ihre Grenzen in Bezug auf Nacktheit, und was immer diese sind, respektiere ich und arbeite innerhalb dieser Bedingungen. Diese Art von Vertrauen führt normalerweise dazu, dass sich die Personen wohlfühlen und über diese Grenzen sogar hinausgehen wollen. Außerdem bin ich auch häufig mein eigenes Model.

Mir selbst würde es große Überwindung kosten, mich so vor der Kamera zu zeigen. Wie schaffst du es, dass sich Menschen wohlfühlen vor der Kamera?
Die Leute kommen fast immer mit der Erfahrung zu mir, dass sie sich vor der Kamera nicht entspannen können, dass sie sich nicht so präsentieren, wie sie es gerne hätten, und dass sie nicht damit zufrieden sind, wie sie auf dem Bild aussehen. Am Ende des Shootings sagen dann immer alle: „Aber mit dir ist es anders.“ Ich sorge dafür, dass sie sich wohlfühlen, indem ich einen sicheren Raum der Akzeptanz und Zufriedenheit schaffe, damit sie sich so zeigen können, wie sie wirklich sind. Das kann man nicht vortäuschen oder einfach verbal kommunizieren, es wird durch Energie und Körpersprache vermittelt. Die Menschen spüren dadurch, dass sie mir vertrauen können. Das ist der Hauptgrund, warum ich gerne alleine mit einem Model arbeite, weil jede einzelne Person auch ihre eigene Energie und mentale Einstellung mitbringt.

Was bedeutet für dich Sinnlichkeit und Erotik? Hat sich deine Wahrnehmung durch deine Arbeit verändert?
Für mich bedeutet es das Leben selbst, das Leben im menschlichen Körper, das Spüren der Empfindungen und der eigenen Lebensenergie im Körper. Es hat sich dahingehend verändert, dass je mehr ich mich damit beschäftige, desto feiner und intensiver wird meine eigene Wahrnehmung und Erfahrung.

Durch wen oder was findest du deine Inspiration?
Durch mich selbst. Ich fühle mich inspiriert, wenn etwas aus dem Außen mit mir selbst räsoniert und mich in meiner inneren Welt berührt. Ich fühle mich stark von der schwer fassbaren Magie der absoluten Stille und der spirituellen Dimension des menschlichen Lebens angezogen, dem Element Wasser, der träumerischen Melancholie, der äußerst eleganten Schönheit, den Formen und Texturen des menschlichen Körpers, der Sinnlichkeit, Berührung und der Sexualität, die sich zwischen Urlust und göttlicher Liebe erstreckt.

Was war deine erste Kamera und womit fotografierst du heute?
Meine erste Kamera war eine Nikon D90 und jetzt benutze ich meistens eine Canon 5D mark III. Beides sind solide Kameras in ihrer eigenen Reihe, aber ich habe immer noch nicht die Kamera gefunden, die meinen Bedürfnissen und dem Bildstil entspricht, den ich mir wünsche und vorstellen kann.

Was findest du am menschlichen Körper am schönsten?
Ich bin besessen von Körperformen, Kurven, von Haut und schönen Händen. Das ist auf meinen Fotos ziemlich offensichtlich. Aber für mich ist die ultimative Schönheit, wenn sich ein Körper langsam und anmutig bewegt. Deshalb liebe ich es auch, Videos zu machen.

Die Menschen auf deinen Bildern sind nahezu perfekt. Hat das einen Grund?
Das ist tief in meiner Persönlichkeit verwurzelt, so mag ich es eben und ich kann auch nicht anders. Um etwas nahezu Perfektes zu erschaffen, braucht man eine hoch entwickelte Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für Details, einen natürlichen Sinn für Ästhetik, Harmonie, Balance und ein sehr feines Händchen, um diese Eigenschaften in ein Kunstwerk umzusetzen. Ich habe diese Fähigkeiten und sie verlangen, innerlich danach genutzt und ausgedrückt zu werden.

Was ist für dich das Schönste an der Fotografie?
Die Fähigkeit, eine neue Welt in ihr einzufangen, in die der Betrachter:in eintauchen, sie wirklich fühlen und Teil davon sein kann.

www.sonjalekovic.com
www.stocksy.com/sonjalekovic.

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