Timo ist Kiffer und vor ein paar Wochen in eine allgemeine Verkehrskontrolle geraten, bei der er auf Verdacht auf Cannabis getestet wurde. Im Gespräch schildert er, dass er zwiegespalten ist: Zwischen der Angst vor dem Gesetz und seiner Überzeugung, dass der Mensch ein Recht auf Rausch besitzt.

Seit sieben Jahren, seitdem er 17 ist, konsumiert er mit zwischenzeitlichen Pausen täglich Cannabis. Zudem ist er Vielfahrer und düst täglich mit seinem Auto von A nach B nach C. Der Tag, an dem die Polizisten ihn mit auf die Wache nahmen, um sein Blut auf THC* testen zu lassen, hat sein Leben verändert.

Lieber Timo, erzähl doch mal, was dir passiert ist.
Ja, das ist ganz spannend (lacht)! Aber vorher würde ich gern ein bisschen ausholen. Es ist bei mir nämlich so, dass ich lange Zeit Probleme mit dem Kiffen hatte, insofern, dass ich einfach nicht aufhören konnte. Ich wusste, dass das Maß zu viel war. Ich habe auch lange Bong geraucht, das mache ich jetzt seit Anfang des Jahres nicht mehr. Seitdem habe ich nur noch Joints geraucht und schaffte es auch, ein paar Tage oder eine Woche nicht zu kiffen. Aber es war für mich immer noch eine Belastung, weil es immer noch zu meinem Alltag gehörte. Naja an einem Mittwoch Ende August war ein Freund von mir da und hatte Hasch dabei, das wir dann am Abend genüsslich geraucht haben. Am nächsten Morgen sind wir dann zum Strand gefahren, um zu meditieren. Auf dem Rückweg bin ich dann einen Weg gefahren, den ich gar nicht hätte fahren brauchen. Nun ja, dann war plötzlich die Polizei vor mir. Ich bin hinter denen gefahren und dann kam auch schon „Achtung Kontrolle“ und ich bin rechts rangefahren. Ich war so „Woooow, was geht, ich bin jetzt echt ausgeliefert“. Die wollten meinen Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen; meinten dann, dass es nach Cannabis riechen würde, und wollten, dass ich einen Urintest abgebe. Den habe ich verweigert, weshalb sie mich mit auf die Wache genommen haben.

Wie haben die Polizisten dich behandelt? Wie würdest du es beschreiben?
Also, das war schon eine generalpräventive Handlung. Ich habe denen alle Dokumente rausgegeben, die sie haben wollten, und dann hing der eine Polizist so am Fenster und sagte „Kommen Sie mal kurz raus. Ich nehme hier einen süßlichen Geruch wahr. Waren Sie denn letzte Woche mal mit Leuten zusammen, die einen geschmökt haben?“ Das habe ich verneint. Die Position der Polizisten war einfach, dass ich für die verdächtig aussah. Die brauchen keinen Beschluss vom Richter mehr, das heißt, die können auf Cannabis testen, nur weil du glasige Augen hast oder weil du anscheinend nach Cannabis riechst. Dass ich nach Gras gerochen habe, ist völliger Humbug, weil ich an dem Tag nichts geraucht hatte und stundenlang am Strand war, wo es windig war. Glasige Augen kann man halt auch haben, wenn man müde ist. Ich war nüchtern. Unterschwellig lief es aber von Anfang an darauf hinaus. Die wollten von vornherein auf Drogen kontrollieren.

Wie hast du dich gefühlt, als so mit dir umgegangen wurde?
Ziemlich machtlos. Ich war gar nicht mehr Herr meiner Lage und habe mich sehr mitschleifen lassen. Die haben gemeint, dass es nicht so schlimm sei und einfach mit gezielten psychologischen Fragen versucht, mir Informationen rauszuleihern. Es war verdeckt manipulativ, bis ich es dann letztendlich zugegeben habe. Also ich habe es verheimlicht, dass ich am Abend vorher geraucht habe. Aber ich habe denen gesagt, dass ich am Wochenende geraucht hatte und regelmäßig konsumiere. Ich wusste einfach, dass die das machen dürfen und dass ich Folge leisten muss. Wie ein Fisch im Netz: Man kann nicht entkommen.

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Foto: Julia Pratz 

Es gibt ja einige Tipps von Menschen, die Cannabis konsumieren, die man befolgen sollte bei einer Kontrolle. Hast du in dem Moment daran gedacht?
Ne, ich habe einfach alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Früher, als ich noch bekifft gefahren bin – also als ich wirklich einen Joint geraucht habe und dann direkt ins Auto gestiegen bin – hatte ich immer Clean Urin dabei. Aber das habe ich irgendwann schleifen lassen, weil ich nüchtern war und mich fit gefühlt habe. Im Nachhinein ärger ich mich etwas, dass ich so ehrlich war. Ich hätte einfach keine Angaben machen sollen. Aber dadurch, dass es so psychologisch und persönlich ist, weil man nicht mit einem Computer spricht, sondern mit einem Menschen, bist du einfach ehrlich.

Was hat das Ereignis im Nachhinein mit deinem Leben gemacht?
Also für mich ist der Führerschein so eine Sache, die mir wirklich Freiheiten gibt. Ich bin ein Kind des Autofahrens. Umwelttechnisch ist das eine andere Sache… Dass mir diese Freiheit nun genommen werden kann, macht mir Angst! Das will ich nicht noch mehr aufs Spiel setzen und daher habe ich den Konsum nun komplett eingestellt, auf null gefahren. Direkt nach dem Vorfall hat die Angst mich so gelähmt, dass ich den Drang nach Gras gar nicht verspürt habe. An einem Abend zwei Wochen danach, an dem es mir nicht so gut ging, habe ich ein paar Krümel in meine Zigarette gemacht. Aber seitdem gar nicht mehr. Mittlerweile ist auch das Suchtempfinden weg. Für mich stand fest: Du musst jetzt darauf hinarbeiten, dass du deinen Führerschein behältst! Letztendlich kann ich das sogar positiv empfangen: Dieser Vorfall hat mich von diesem Sucht-Aspekt weggeführt. Und wenn es mit dem Führerschein durch ist, werde ich einen verantwortungsbewussten Umgang mit Cannabis finden.

Du möchtest also schon irgendwann wieder anfangen?
Ich möchte es nicht komplett aus meinem Leben verbannen, nein. Man braucht es nicht zu verteufeln. Ich will es nicht brauchen, aber als Genussmittel möchte ich es weiterhin nutzen.

Wie stehst du denn allgemein zu der Illegalität von Cannabis?
Das ist ein großes Thema. Dadurch, dass es von der Gesetzeslage her illegal ist, wird versucht, es aus der Gesellschaft zu verbannen. Man tut so, als würde die Droge nicht existieren. Es nervt echt, an Alkohol kommt man ganz leicht ran. In manchen Zeiten, wenn ich mal keine Kontakte hatte, wusste ich nicht, woher das Zeug kommt. Da kann dir jeder Dulli was verkaufen. Leute werden auch bedroht, weil sie in ein „falsches“ Gebiet eingedrungen sind und so ein Quatsch. Es wird zur Kriminalität, weil es keine Alternative gibt. Was es braucht, ist ein kontrollierter Markt. Denn ich sehe ein Recht auf Rausch als Grundbedürfnis eines jeden Menschen an. Wir dürfen uns mit Kaffee vollpumpen, können uns in einen Zuckerrausch oder Alkoholrausch begeben, können Tabak rauchen, warum nicht auch Cannabis?

Und bezogen auf die Gesetzeslage, wenn man Auto fährt und THC im Blut hat?
Super unlogisch: Du darfst mit 0,5 Promille Alkohol im Blut Auto fahren. Das ist schon echt viel. Wenn jemand nicht oft trinkt, ist er da schon gut angetrunken. Wenn du kiffst, kannst du schon bei einem Wert von einem Nanogramm aktivem THC im Blut deinen Führerschein verlieren. Zwischen 100 und 200 Nanogramm hast du einen Vollrausch vom Rauchen. Wenn du ein Promille Alkohol im Blut hast, bist du auch im Vollrausch. Setzt man die Promillegrenze bei Alkohol in dasselbe Verhältnis wie die Nanogrammgrenze bei THC, würdest du schon bei 0,01 Promille Alkohol im Blut deinen Führerschein verlieren. Das ist mehr als absurd und nicht verhältnismäßig! Und das Ding ist, wenn du regelmäßig kiffst, hast du immer diesen einen Nanogramm im Blut. Der Vollrausch geht schnell vorbei, aber dieser kleine Rest bleibt. In Holland liegt die Grenze bei 7 Nanogramm, da kommen sie den regelmäßigen Konsumenten also entgegen.

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Foto: Julia Pratz 

Du schränkst also deinen Konsum ein, aus Angst, deinen Führerschein zu verlieren, obwohl du es moralisch gesehen unlogisch findest. Trennst du da also diese Ebenen?
Ja genau, ich passe mich jetzt an die Gesetzeslage an. Ich habe einfach Angst vor einem MPU und vor dieser ganzen Maschinerie, die dann in Gang kommt. Total bescheuert: Wenn du zur MPU angeordnet wirst, musst du eine halbjährige Abstinenz vorweisen. Wenn du den Brief bekommst, hast du aber nur noch zwei Monate. Das heißt, es ist strukturell gewollt, dass die Menschen, die Cannabis konsumieren, durchfallen. Die wollen sich selbst beweisen, dass der Mensch ein psychisches Problem hat, die wollen es einfach nur verteufeln. Und das kann nicht sein in einem Rechtsstaat. Moralisch habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich habe nicht bis morgens durch die Nacht gezecht und mich dann ohne zu pennen ins Auto gesetzt. Ich habe am Abend einen Joint mit einem Freund geraucht, habe meine 8 Stunden Schlaf bekommen, um 10 Uhr bin ich Auto gefahren und wurde um 14 Uhr dann kontrolliert.

Würdest du dich beugen, sollte es jetzt zu einer MPU kommen?
Muss ich letztendlich, wenn ich meinen Führerschein wieder haben will. Die Gesetzeslage ist so: Wenn der THC-Wert unter einem Nanogramm liegt, passiert nichts. Ab einem Nanogramm ist es auf jeden Fall eine Ordnungswidrigkeit. Ich muss 500 Euro zahlen, bekomme zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot. Und die 200 Euro für den Bluttest muss ich auch zahlen. Wenn ich dann den Führerschein beim Amt abgebe, prüft die Fahrerlaubnisbehörde den Fall und schaut sich die Polizeiakte an. Da wird dann entschieden, ob es zu einer MPU kommt oder nicht. Und es steht ja alles im Bericht: Dass ich regelmäßiger Konsument bin, dass ich auch noch ab und zu Alkohol trinke. Die meinen dann, dass ich komplett krank im Kopf bin und dass sie mich aus dem Verkehr ziehen müssen! Und davor habe ich Angst. Die 500 Euro, die Punkte und das Fahrverbot für einen Monat nehme ich in Kauf. Aber MPU und ein Jahr den Lappen los sein. Das wäre zu hart. Ich arbeite jetzt darauf hin und hoffe, dass es klappt. Vielleicht schneide ich mir auch meine Haare vorher ab, weil die da sonst was finden, was wahrscheinlich schon Jahre alt ist. Das ist einfach unverhältnismäßig

Von den Drogenbeauftragten des Bundes hört man ja auch immer wieder, dass die gar keine Ahnung haben. Derzeit ist es Daniela Ludwig von der CSU. Hast du dazu was zu sagen?
Ja, das ist halt das Ding. Das hat nichts mit logischem Verständnis zu tun. Die rationale, logische Argumentation führt automatisch zur Legalisierung, zu einem kontrollierten Markt, zu erhöhter Steuereinnahme und letztendlich dazu, dass man Prävention betreibt. Dass Polizisten in die Schulen gehen und den 16-Jährigen sagen „Wir wollen nicht, dass ihr Alkohol trinkt, und wir wollen nicht, dass ihr kifft“. Das ist bescheuert. Es sollte nicht darum gehen, Dinge zu verbieten, zu tabuisieren, sondern darum, einen gesunden Umgang zu finden und erwachsen zu werden. Zu erfahren, was das Kraut macht; sich zu informieren, sodass ein verantwortungsbewusster Konsum möglich ist. Ich habe mich mal gefragt, was wäre eigentlich gelaufen, wenn das Ding legal wäre. Wenn es diesen Reiz nicht gegeben hätte, etwas zu tun, was gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, rebellisch zu sein, sich von dem Normalen abzugrenzen, ein Kiffer zu sein. Da steckt ja ein ganzer Lebensspirit hinter. Die Zahlen in Holland und in Deutschland unterscheiden sich nicht so sehr. Wenn die CDU sagt „Wir wollen Jugendschutz blabla“, dann ist das eine hohle Argumentation, sie ist einfach leer. Es ist einfach nur, weil sie es nicht wollen. Dass es vielleicht sogar gut für den Staat, für die Gesellschaft wäre, ist denen egal.

Es ist deiner Meinung nach also komplett überholt?
Ja, absolut. Überhaupt zu sagen, dass eine Pflanze illegal ist, wenn du andere Leute in die Luft sprengen kannst. Wenn Glyphosat verwendet wird, das umweltschädlich ist oder wenn durch Fracking das ganze Grundwasser verseucht wird. Das sollten die eher verbieten. Aber das Recht auf Rausch, das Recht, sich selbst ein Genussmittel zuzuführen, das kann doch nicht verwerflich sein. Man muss ja noch trennen zwischen Gras oder Pilzen und chemischen Drogen. Bei den natürlichen Dingern ist es ganz klar: Das ist ne Pflanze. Dieses ganze Hochgezüchte muss auch nicht sein, lasst die Pflanze so wie sie ist, und raucht sie. Was soll daran falsch sein?

Es ist echt etwas ganz Natürliches im Endeffekt.
Ja. Speed, Kokain, Heroin – das ist was ganz anderes. Aber jeder hat doch das Recht, mit seinem Körper so umzugehen, wie er das möchte. Wenn es gutes Zeug ist, nicht gestreckt mit irgendeiner Scheiße und eine Aufklärung über die Dosierung gegeben ist, dann ist da nichts dabei. Auch dass man, ohne verurteilt zu werden, sagen kann, dass man ein Problem mit einer Substanz hat, sollte gegeben sein. Bei vielen ist es so, dass sie sich nicht trauen, irgendwo hinzugehen, weil sie dann in eine Schublade gesteckt werden und im besten Fall in der Klapse landen. Das ist doch bescheuert. Wenn wir offen mit Drogen, mit Substanzen umgehen würden, würde es zu so schlimmen Fällen wahrscheinlich gar nicht erst kommen. Letztendlich passiert es ja eh, Menschen nehmen trotzdem Drogen.

Da stimme ich dir zu. Danke für das Gespräch und ich drücke dir die Daumen, dass es nicht zu einer MPU kommen wird!

*THC – Tetrahydrocannabinol, der berauschende Wirkstoff der Cannabispflanze.

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One Comment on “Ein Gespräch über das Recht auf Rausch und die Angst vor dem Gesetz”

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