Es ist 6:15, mein Wecker klingelt und parallel höre ich unseren Kater vor der Schlafzimmertür maunzen. Alle anderen scheinen momentan wacher als ich zu sein, die Stadt unter mir brummt schon und ich kann die leichte Vibration der U-Bahn spüren. Um 8:00 Uhr werde ich bei meinem ersten Workshop diese Woche mit 9- bis 11-jährigen Grundschüler:innen in einer Volksschule sein und mit ihnen vier Stunden lang zum Thema Sexualität, Gefühle, Körper und Beziehung arbeiten, reden, spielen und lachen.

In Österreich – wie auch in anderen Ländern – haben Schulen die Möglichkeit, das Thema Sexualität von externen Fachkräften in Form von Workshops in ihre Klasse zu holen. Oft läuft das über Vereine, über deren Leitfaden und Wertehaltung man sich unbedingt im Vorfeld informieren sollte. So wurde 2018 von der Wochenzeitung Falter die sogenannten „Teenstar-Leaks“ aufgedeckt. Der christliche Verein, der vermeintlich jung und hip im Internet auftrat, verbreitete in seinen Ausbildungsunterlagen ultra-konservative und moralisch zweifelhafte Meinungen wie Homosexualität als „Schicksal“, legte sein Verhütungsaugenmerk auf „natürliche Familienplanung“ und maß Liebes- oder Familienkonstellationen abseits von Mann und Frau wenig Bedeutung zu. Nach dem Skandal reagierte die damalige Koalition aus ÖVP und FPÖ mit dem Ansuchen, externe sexualpädagogische Vereine ganz aus den Schulen zu verbannen, was zum Glück aufgrund von Widerstand sowie der Koalitionszerschlagung nicht durchgesetzt wurde, dafür wurde an einer „Clearing-Stelle“ gearbeitet, außerdem muss seitdem eine Lehrperson bei den Workshops durchgehend anwesend sein. Momentan kann die Clearing-Stelle bei den jeweiligen Bildungsdirektionen um Unterstützung gebeten werden, der Akkreditierungsprozess ist noch bis voraussichtlich Sommer 2022 im Gange. Die Plattform Sexuelle Bildung, die sich anlässlich der politischen Diskussionen rund um die Notwendigkeit von externer sexualpädagogischer Expertise an Schulen organisiert hat, ist hierbei in engem Kontakt mit den zuständigen Stellen und informiert über den aktuellen Stand.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich beim ersten Geräusch des Weckers schon darauf freue, gleich aufzustehen. Trotzdem habe ich einen guten Vergleich zu diversen Jobs, die ich auf dem geschlängelten Weg zu meiner jetzigen Arbeit als Sexualpädagogin und -beraterin schon gemacht habe. Und das waren viele unterschiedliche. Was sie oft gemeinsam hatten: Das Aufstehen war mit großer Unlust verbunden. Nicht nur, weil ich müde war, sondern weil mich die Aussicht auf den Tag oft schon umhaute bis deprimierte. Und das ist jetzt anders. Auf stressige Tage freue ich mich zwar nicht, aber da ist eine Grundüberzeugung in mir, die mir sagt, dass ich gut bin in dem, was ich mache. Dafür bekomme ich viel zurück und kann mich so richtig auf alles Weitere freuen, was da noch kommen mag. Nennt es optimistisch, aber es lässt sich damit tatsächlich so viel angenehmer leben, dass ich mittlerweile absolut einverstanden bin mit all den Unsicherheiten und Schwierigkeiten, durch die ich im Leben schon gegangen bin. Und lets face it: Das hört ja auch nicht auf – aber es verändert sich und das ist schön. Es fühlt sich selbstbestimmt an und trotz Müdigkeit ist es ein anderes Aufsteh-Gefühl.

Eine universitäre oder einheitlich geregelte Ausbildung zur Sexualpädagogin gibt es in Österreich sowie im ganzen deutschsprachigen Raum nicht. Es sind kostenpflichtige Weiterbildungen – offen für Menschen, die aus dem pädagogischen oder psychosozialen Umfeld kommen. Meistens – auch in meinem Fall – sind es berufsbegleitende Lehrgänge, in denen man sich über ein Jahr hinweg circa einmal im Monat ein langes Wochenende intensiv mit Theorie und Praxis beschäftigt und zusätzlich beginnt, bei Workshops zu hospitieren und Praktikumserfahrungen zu sammeln. (Übersicht Ausbildungsmöglichkeiten Österreich: www.sexuellebildung.at/aus-und-fortbildung).

Was in dem Job sicher ist: Als Sexualpädagogin ist man ziemlich viel unterwegs. Ich fahre zu Schulen oder Bildungseinrichtungen in allen Himmelsrichtungen rund um Wien, sehe alles, von der kleinen Dorfschule auf dem Land bis zur riesigen Berufsschule mitten in der Stadt, und habe im Vorfeld dabei und danach Kontakt zu den verschiedensten Lehrer:innen und Eltern. Mit ihnen rede ich über die mit den Workshops verbundenen Vorstellungen, gebe Input und Fachwissen in Fortbildungen und gehe auf mit dem Thema verbundene Ängste ein. Und das können einige sein, ganz vorne mit dabei: „Das ist doch viel zu früh“ oder „Das überfordert mein Kind“. Oftmals gelingt es mir, die Eltern doch mit ins Boot zu holen und ein Verständnis dafür herzustellen, dass dieser Bereich des Mensch-Seins eben auch zu Kindern gehört und es viele Vorteile hat, wenn sie auf ihre Fragen (und da gibt es jede Menge!) klare und kindgerechte Antworten bekommen, anstatt ein mysteriöses Gewaber an Fehlinformationen zu Fragen wie „Was ist Sex?“, „Was heißt Hurensohn?“ oder „Wie wird ein Baby gemacht?“. Denn das Interesse ist da und der Zusammenhang zwischen „Ich weiß etwas“ und „Ich will das machen“ ist falsch. Vielmehr müsste man sagen: „Ich weiß etwas, – ich habe größere Selbstbestimmtheit und Entscheidungsfreiheit“.

Um ganz ehrlich zu sein: Manchmal gelingt es mir auch nicht. Ich kann Sorgen ernst nehmen und versuchen, durch mein Wissen und Erfahrung zu beruhigen; Aber wenn sich jemand auf seine Meinung versteift hat und die eigene Reaktion auf das Thema Sexualität nicht reflektieren will, dann kann ich wenig tun. Es tut mir leid, dass das in wenigen Fällen dazu führt, dass ein Kind z. B. nicht am Workshop teilnehmen darf. Denn das vermittelt ja schon einiges: „Über dieses verbotene Thema darfst du nichts erfahren! Das muss etwas Schlechtes sein.“ Und das ist schade. Denn auf die „schlechten Seiten“ von Sexualität wird noch genug eingegangen werden. Früher oder später werden wir alle mit Themen wie Geschlechtskrankheiten, Verhütungsmittel, Sexualisierung, sexualisierte Gewalt konfrontiert. Hier kann man sich natürlich darüber streiten, ob das nun negativ oder positiv ist. Wichtig ist es in jedem Fall, aber eben oft auch anstrengend. Das gehört dazu. Aber es ist eben nicht alles: Sexualität hat mit Lust zu tun. Jeder Mensch hat seine eigene Sexualität, hat einen eigenen Körper, mit dem er auf ganz unterschiedliche Art lustvolle Momente erleben kann. Beim Schaukeln, wenn der Beckenboden vor und zurück schwingt, beim Spielen im Matsch, beim Eintauchen in die warme Badewanne, durch Berührungen, durch Selbstbefriedigung, beim Sex mit jemandem. Ihr seht: Da geht es nicht nur um den Zeitraum von der Pubertät bis ins späte Erwachsenenalter, sondern um das ganze Leben.

In der heutigen Schule gab es beim Elternabend eine hitzige Diskussion, die anscheinend danach noch in privaten WhatsApp-Gruppen weitergeführt wurde. „Zu früh – zu viel, bitte nur über Körperteile und nicht über Sex reden“ – das war das Credo einiger Eltern, von denen sich manche auf ein Neu-Abwägen ihrer Position eingelassen haben, andere nicht. Wird mir die Lehrerin gleich erzählen, dass einige Kinder nicht dabei sein durften? Wie ist die Klassendynamik? Denn einen Zusammenhang kann man deutlich wahrnehmen: Je tabuisierter das Thema Sexualität zu Hause oder in der Schule ist, desto aufgeregter sind alle. Das Wort „Penis“ oder „Vulva“ kann in Sekunden dafür sorgen, dass Kinder – nicht nur im übertragenden Sinne – vom Stuhl fallen, es zu lang anhaltenden Kicheranfällen kommt und man sich auch körperlich ein Stück weit austoben muss, um die ganze Spannung loszuwerden. Dafür ist zum Glück im Workshop gesorgt, immer wieder bauen wir Bewegungsteile ein und versuchen, so gut es geht, darauf einzugehen, dass Kinder eben nicht vier Stunden lang still dasitzen wollen und sollen.

Angekommen in der Klasse finde ich den ganz normalen Morgentrubel vor: Schüler:innen kommen an, es wird noch mal schnell ins Brot gebissen, herumgetobt und parallel auf Corona getestet. Der:die Lehrer:in ist selbst schon ganz gespannt auf den Workshop und freut sich sicher auch darauf, mal für vier Stunden zuzuschauen und anderen das Feld zu überlassen. Seitdem ich so viel in Schulklassen bin, habe ich noch mehr Respekt vorm Lehrberuf bekommen. Jeden Tag könnte ich das nicht. Denn man muss immer präsent sein, aufmerksam und ansprechbar, – das laugt ganz schön aus, wie ich nach den Workshops immer wieder merke.

Jetzt beginnt er aber erst und wie so oft wissen die „Kleinen“ schon ganz schön viel, auch wenn, wie erwartet, einige Wörter für große Aufregung und Spaß sorgen. Was ich nach einiger Zeit klar wahrnehme: Das Interesse am Thema ist groß, es gibt viel Halbwissen und es kommen Tausende von Fragen, aber nur wenige haben schon Antworten oder sehen das Thema als etwas „Normales“. Ohne Zweifel ist es ja auch hochspannend, wenn plötzlich jemand Fremdes in die eigene Klasse kommt und dort über dieses eben doch noch ganz schön sagenumwobene und tabuisierte Thema Sexualität spricht. Und es scheint für viele hier in der Klasse das allererste Mal zu sein, dass eine erwachsene Person ehrliche und unaufgeregte Antworten gibt und wirklich jeden Begriff – auch sonst verbotene Schimpfwörter – erklärt.

Das Tolle daran ist, dass meine Kollegin und ich schon gegen Ende des Workshops merken: Jetzt läufts schon entspannter. Auf einmal scheint eine Sprache über Sexualität benutzbar – gekichert werden darf natürlich trotzdem immer – und die Kinder und wir spüren, dass ein sicherer Raum da ist, in dem über alles geredet werden darf. Ziel erreicht!

Nach dem Workshop nimmt mich die Lehrerin zur Seite. „Das war wirklich spannend. Jetzt waren ja auch alle Kinder da und ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass das Thema zu früh kommt.“ So geht es Lehrpersonen häufiger, vor allem dann, wenn das Thema im eigenen Unterricht noch nicht vorkam. Es gibt Schulen, an denen sexuelle Bildung bis zu unserem Workshop völlig ausgespart wird. Auch das steht oft in Zusammenhang mit dem persönlichen Umgang der Lehrperson mit dem Thema. An anderen hat schon eine ganze Projektwoche dazu stattgefunden, oder das Thema wurde über altersgerechte Bücher reingeholt – so ist die Lehrperson ohnehin bereits Ansprechpartner:in für die Kinder. Und darum geht es letztendlich auch: Ein Stück weit Ansprechpartner:in werden und das Thema nicht von sich weisen, sondern auf Fragen eingehen. Da zählt oft mehr die Bereitschaft, als dass man sofort alles perfekt und zu 100 % pädagogisch wertvoll beantworten kann. Das versuchen wir als Sexualpädagog:innen immer wieder an Eltern oder Lehrende zu vermitteln.

12:00 Uhr. Ich stehe am Bahnhof, die Sonne ist rausgekommen und ein Wind pfeift mir um die Ohren. Mein Kopf ist voll – voll von Stimmengewirr, Gelächter und Gesichtern. Ich schließe die Augen, atme tief durch und sehe den heranfahrenden Zug. Mit dem Gefühl, heute schon viel erlebt zu haben, steige ich ein und fahre nach Hause.

Autorin: Anna Dillinger

Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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