Sarah Julia Sabukoschek folgte mir auf Instagram. Neugierig, wie ich bin, warf ich einen Blick auf ihr Profil und war mir ziemlich schnell sicher, dass ich mehr über ihre Arbeit als Künstlerin und ihren Internetauftritt wissen möchte. Was ich dabei fühlte? Pures Empowerment. Was ich sah? Ziemlich viel Erotik – in meinen Augen, eine Kampfansage an das Slutshaming. Ihre Bilder, ihr Auftreten und die Videos aus dem Kit Kat Club auf ihrem kostenlosen OnlyFans Account.

Es brauchte also nicht viel, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich wollte mehr über Sarah und ihr Leben wissen und verabredete mich mit ihr zu einem Skype-Videocall.

DIEVERPEILTE: Ich kam als Kind schon früh mit dem Vorurteil in Kontakt, dass Gogo-Tänzer*innen sich und ihren Körper verkaufen – was zum einen etwas Schlechtes wäre und zum anderen kein „richtiger“ Beruf. Wie war das bei dir?
Sarah Julia Sabukoschek: Vorurteile bekam ich besonders von außen zu spüren. Vor allem Behauptungen wie „das sind doch alles Freaks und Perverse“ oder so Standardaussagen, dass sich dort nur alte Männer an jungen Frauen aufgeilen. Welche Folgen die Nacktheit in meinem Leben haben kann, merkte ich im Laufe einer Wohnungssuche. Ich wurde auf Facebook in einem Strip-Video verlinkt, in dem ich in einem Käfig im KitKat tanze, das meine potenzielle Vermieterin sah. Sie fragte mich im Anschluss, ob alles okay mit mir wäre. Unter dem Deckmantel der verrückten Künstlerin ging es dann durch, ich merkte aber schon, dass mein freizügiger Lebensstil gejudged wird.

Wie bist du zum KitKat gekommen?
Das war Zufall. Ich hatte damals schon einiges darüber gehört und war gespannt, mal dorthin zu gehen. Vor meiner ersten Party geriet ich an einen Fotografen, der fürs KitKat fotografiert. Nach einem gemeinsamen Shooting ging ich dann zum ersten Mal zu einem Event. Anfangs hatte ich noch Bedenken, so „nackt” zu sein, doch alle waren mega offen. Mir passiert es eher, dass ich in Alltagssituationen, wenn ich in „normalen” eher unauffälligen Klamotten gekleidet bin, komisch angeschaut werde.

Auf deinem OnlyFans-Account ist ein Video aus dem KitKat von dir zu sehen, was steckt dahinter?
Ein gemeinsames Videoprojekt mit dem Club, dass sich „In the Cage“ nennt und die Party repräsentieren soll.

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Hat das dein Leben nachhaltig beeinflusst?
Ich würde schon sagen, dass mich das Projekt an sich beeinflusst hat, doch viel mehr war es die ganze Szene, in die ich dadurch gekommen bin. Es war direkt ein Raum, in dem ich mich null verurteilt gefühlt habe, wo alles sehr frei und respektvoll abläuft. Geschlechtsidentität, Fetisch und Sexualität sind dort viel sichtbarer und es wird jede*m mit der gleichen Toleranz begegnet. Dadurch hatte ich selbst auch mehr Raum zum auszuleben. Etwa zeitgleich machte ich mein erstes professionelleres Nacktshooting, was mich in meiner Körperwahrnehmung sehr geprägt hat. Allgemein wirkte es sich sehr positiv auf mich aus, wodurch ich selbstbewusster wurde.

Ich tanze privat und vermisse es gerade jetzt in der Pandemie am meisten. Passend dazu schreibst du auf deinem OnlyFans-Account „I miss dancing naked so much, this beautiful feeling of freedom“. Hast du momentan einen Ausgleich dafür oder wie dealst du damit?
Es ist für mich schon schwierig momentan. Ich bin noch nicht sehr lange in Berlin, die längste Zeit während der Pandemie, und es sind natürlich alle Möglichkeiten eingeschränkt. Meinen Ausgleich habe ich im Malen oder anderen kreativen Beschäftigungen gefunden. Der sportliche Aspekt, die Bewegung beim Tanzen oder Feiern gehen, fehlt einfach. Für das Feeling und die Atmosphäre gibt es ja nicht so wirklich einen Ersatz. Aber dafür versuche ich die Zeit zu nutzen, um meinen Blick auf andere Dinge zu werfen.

Empowerment: „Es wirkt so, als würde in dem Moment, in dem du nackt oder fast nackt bist, alle anders mit dir umgehen. Und weil alle gleich verletzlich sind, verhält sich die Gruppe irgendwie nicht so, wie beispielsweise in konventionellen Clubs. Wenn es zu irgendeinem Vorfall kommen würde, kann man sich sicher sein, dass die Verantwortlichen direkt rausgeworfen werden”.

Was kam zuerst, das Projekt oder der OnlyFans-Account?
Das Cage-Projekt, damit hat praktisch alles begonnen.

Das hat also den Weg geebnet?
Es war auf jeden Fall einer der großen Faktoren. Die Dinge, die ich tue, teile ich gerne mit anderen Menschen. Auf Instagram ist das nicht möglich, da mein Account aufgrund von „zu viel” Nacktheit schon drei Mal gelöscht wurde. Ich wollte eine Plattform, auf der mein Körper nicht gegen die Richtlinien verstößt. Das dann in Kombination mit dem Wunsch nach einem Podcast, der bisher leider noch nicht zustande gekommen ist, hat sich dann zu diesem OnlyFans-Account ergeben, den ich als Blog benutze und auf dem ich mich frei austoben kann.

Wie kommt es, dass du als Künstlerin deinen OnlyFans-Account, und den damit einhergehenden Content bisher kostenlos zur Verfügung stellst?
Mit der Entscheidung habe ich tatsächlich gestrugglet. Also überlegte ich, worum es mir dort wirklich geht – nämlich vor allem um die Messages, das Teilen meiner Kunst und meinen Content. Es gibt mit Sicherheit Menschen, die sich daran nur sexuell aufhängen, doch da steckt viel mehr dahinter und diese Message kann auch Menschen erreichen, die sich das eventuell nicht leisten können oder aber sonst keine Berührungspunkte mit Sexismus-Kritik haben. Was ich dort schreibe und poste, soll niemandem enthalten werden.

Überdenkst du das manchmal?
Ich hab mir eigentlich von Anfang an vorgenommen, dass das mein Space wird und ich das mache, was ich will, also setze ich mir auch wenig Grenzen. Es kommen immer wieder mal DMs, in denen nach Sexvideos oder Bildern gefragt wird. Da habe ich für mich persönlich aber von Anfang an eine klare Grenze gezogen. Darauf soll nicht das Hauptaugenmerk liegen. Trotzdem gibt es natürlich aufgrund des kostenlosen Abos Möglichkeiten, Einnahmen zu haben, wie ein Pass zum Livestream oder das Freischalten von bestimmten Nachrichten. Für die Zukunft ist einiges geplant. Ich könnte mir zum Beispiel eine künftige Videoreihe gut vorstellen, wo man einen Teil des Contents kaufen muss. Aber ich möchte es schon so beibehalten, dass der Hauptcontent für möglichst alle zugänglich bleibt.

Gehört dein neuster Post schon dazu?
Oh, nein das war noch vom letzten Projekt – gehörte auch mit zur Repräsentation vom KitKat. Dort zu sehen ist ein Pärchen, das sich auf unseren Aufruf gemeldet hat. Ich habe sie also beim Sex gefilmt, da das ja auch ein Teil ist, der dort stattfindet.

Eine Kampfansage ans Slutshaming: „Die Zielgruppe ist gut, sie wollen wahrscheinlich eher meinen nackten Körper sehen als Statements lesen, doch sie kriegen eben nur beides zusammen”.

Wie unterscheiden sich Übergriffigkeiten auf OnlyFans und Instagram?
Das ist interessant: Auf Instagram ist es so, dass ich auf meinem früheren Account, auf dem ich nicht so freizügigen Content gepostet habe, wie ich es jetzt tue, sehr viele Dick Pics zugeschickt bekommen habe. Ich weiß nicht, ob die Menschen jetzt vielleicht direkt mein Highlight sehen, in dem ich DMs veröffentliche und es dann lieber lassen. Aber es passiert trotzdem, auf Instagram bekomme ich hauptsächlich respektlose Nachrichten und Dick Pics zugeschickt, wobei ich auch sagen muss, dass ich Instagram brauche, da ich damit mehr Menschen erreiche. Auf OnlyFans ist es ein anderer Kontext, da ist es ja auch naheliegend, nach einem Sexvideo zu fragen, doch so respektlos mit mir auf Instagram umgegangen, wird dort eher nicht. Allgemein ist es höflicher.

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Hast du ein Beispiel für dieses respektlose Verhalten? 
Es gibt diesen einen Typen, der sehr obsessed mit mir ist und mega viele Accounts auf Instagram hat. Er schreibt jetzt sogar schon meiner Mitbewohnerin, weil ich ihn auf OnlyFans blockiert habe. Nachrichten wie „du brauchst mein Geld ja nicht, du blöde Nutte”. Mir schrieb er mir Sachen wie „du siehst aus wie ein Vergewaltigungsopfer” und „Ich hoffe, dass du an AIDS stirbst”.

Letzte Frage- Wie geht deine Familie mit deinen Internetauftritten um?
Unterschiedlich. Meinen zwei älteren Schwestern habe ich erst mal alles erklärt, das ist ja neu für sie. Ein Fetisch Club in dem Menschen nackt feiern, vielleicht auch Sex haben und dass ich dort teilweise nur in Unterhose rumlaufe, da haben sie schon erst mal geschluckt. Sie verstehen meine Beweggründe, sie haben nur Angst, dass dort eher was Übergriffiges passiert. Aber das passiert eben nicht, dass das aber nicht davon abhängt, was wir anhaben, hat noch nicht jede*r verstanden. Sie sagen aber auch, dass hinter mir stehen und es muss ihnen ja auch nicht alles gefallen, was ich mache. Mein Vater hat ein paar Mal meinen Instagram angesehen und hat einfach mit mir darüber geredet. Es ist eben genau das, es sollte egal sein, ob ich nackt bin und nicht automatisch etwas Sexuelles hervorrufen. Und auch wenn sie es vielleicht nicht gut finden, sie akzeptieren es, da habe ich Glück.

Sarah verbindet mit ihrer Kunst, ihren Projekten und dem Content, den sie produziert, empowernde, feministische Messages und Erotik. Und das ist doch genau das, was wir sehen müssen: Frauen* dürfen sich sexuell ausleben und dies darstellen, ohne geslutshamed zu werden und dabei Feministinnen sein, die gegen die Sexualisierung der weiblich gelesenen Körper sind. Es widerspricht sich nicht, es geht Hand in Hand. Genau diese Selbstbestimmung ist das, was uns die Macht über unseren Körper zurückgibt. Sich sexuell oder auch nicht sexuell auszuleben, wie wir wollen – und dabei nicht zum Objekt fremder Fantasien gemacht zu werden, sondern die Sexualisierung klar von Erotik zu trennen. Wir wünschen uns die Normalisierung der Nacktheit und einen vorurteilsfreien Umgang mit der Sexualität der Frau.

*Mit Frauen spreche ich nicht nur biologisch identifizierte Frauen an, sondern natürlich alle Menschen, die Frauen sind oder gesellschaftlich als Frau gelesen werden, wodurch sie gleichen und oder mehreren Strukturen unterliegen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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