Ich hatte letztens wieder eine Therapiesitzung. Erst zuvor hatte ich meine Master-Arbeit abgegeben, einen neuen Job angefangen und Weihnachten stand auch vor der Tür. Es war also mal wieder Zeit, um für 50 Minuten mein derzeitiges Leben auszuwerten und meine gegenwärtige Überforderung mit meinem Therapeuten zu teilen. Verzweifelt fragte ich ihn:

„Herr Dr. E., warum ist Erwachsensein eigentlich so schwierig?“ 

Daraufhin fing er an zu lachen. Doch die Antwort darauf, beschäftigte mich auch noch nach der Therapiestunde.

„Erwachsensein ist eigentlich gar nicht so schwer. Der Weg dorthin, ja. Aber wenn sie erst einmal erwachsen sind, ihre Bedürfnisse und Grenzen kommunizieren können, dann ist Erwachsensein eigentlich ganz einfach.“

Puh. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich kann zwar auch nicht explizit sagen, was ich erwartete. Ich weiß nur, dass es nicht die Antwort „Erwachsensein ist einfach“ war. 

Ich hatte immer Angst davor, erwachsen zu werden – oder zumindest einen Heiden Respekt. Irgendwie war der Gedanke, dass ich erwachsen werde und mich um alles Anfallende in meinem Leben selbst kümmern muss, furchteinflößend.

Aber was bedeutet es eigentlich erwachsen zu sein? Gibt es irgendwelche Vorgaben, die wir erfüllen müssen? Erreichen wir das Erwachsensein mit der Volljährigkeit oder hängt es von der Reife ab?

Fragen über Fragen, die ich alle mit Ja, aber auch mit Nein beantworten könnte.

Weil mich die Frage nicht losließ und die Antwort meines Therapeuten auch nur bedingt zufriedenstellend für mich war, begann ich im Internet zu recherchieren und stieß auf den Psychologen Jeffrey J.A.. Dieser stellte Hunderten Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren die Frage, ob sie sich erwachsen fühlen. Aus den Antworten ließen sich drei Punkte herauskristallisieren: Verantwortung übernehmen, eigene Entscheidungen treffen und finanziell unabhängig sein. 

Ich hätte ähnlich geantwortet. Vor allem selbstbestimmt zu entscheiden, was ich machen möchte, wo ich wohnen will und wie ich mir mein zukünftiges Leben vorstelle, sind für mich die ersten Schritte des Erwachsenwerdens. Auch der Abschluss und der erste Vollzeitjob mit dem ersten eigenen Gehalt gab mir das Gefühl, dass ich nun erwachsen bin – zumindest erwachsener. Meine 16-jährige Schwester stimmt dem auch zu. Als erwachsen würde sie sich dennoch nicht bezeichnen. „Dafür muss ich noch zu viel lernen.“, erklärt sie mir. „Erwachsensein bedeutet für mich, dass man die Kontrolle über sein Leben hat, selbstständig auf beiden Beinen steht und eine ordentliche Geldeinnahme hat.“, führt sie fort. Also das, was auch der Psychologe Jeffrey J.A. bei seiner Befragung feststellte.

Aber wie sehen das Menschen, auf die alle drei Punkte zutreffen? Bedeutet Erwachsensein die finanzielle Unabhängigkeit, selbstständig zu entscheiden, was man machen möchte und für seine Entscheidungen die Konsequenzen zu tragen? Oder ist es gar nichts davon? Wenn jemand für mich erwachsen ist, dann doch meine Mama, dachte ich mir. 

Die Frage, ob sie sich selbst als erwachsen sieht, bejahte sie, ergänzte aber auch, dass sie, dass mit frühestens Mitte 20 war – und auf alle Fälle nicht als sie 18 geworden ist. 

„Erwachsensein bedeutet für mich bei allem, was ich tue, mir die möglichen Konsequenzen meines Handelns zu überlegen. Außerdem geht es mit der Verantwortung für mein Umfeld und meine Umwelt einher. Als Erwachsener ist man nicht mehr „allein“.“, erklärt sie mir. Es bedeutet für sie ebenfalls, dass man aufgrund eigener Erfahrungen vieles im Leben leichter sieht und aus Fehlern lernt.

Aber wovon ist das Erwachsenenwerden denn jetzt abhängig: vom Alter oder der inneren Reife? Immerhin wohnen im Schnitt 8,1 Prozent der 18-Jährigen nicht mehr zu Hause. Sie wohnen in der eigenen Wohnung, meistern ihren Alltag alleine und sind im besten Falle noch finanziell unabhängig. Aber ist man deswegen gleich erwachsen?

Neurowissenschaftler:innen der Cambridge Universität untersuchten die neuronalen Prozesse von Personen zwischen 14 und 24 Jahren. Sie beobachteten dabei die Veränderungen des Gehirns und wie diese das Verhalten von jungen Menschen beeinflussen. Das Ergebnis: Von der Pubertät bis in die Mitt- und teilweise sogar Spätzwanziger passieren relevante Reifungsprozesse. Also nicht nur soziale Aspekte spielen beim Erwachsensein eine Rolle, sondern auch neurologische. 2019 sagte der Cambridgeprofessor bei einem medizinischen Kongress sogar, dass wir erst so „richtige Erwachsene“ sind, wenn wir unsere 30er erreichen. 

Aber was bedeutet das jetzt für die Frage, ob Erwachsensein einfach ist oder nicht? 

Das ganze Leben ist nicht immer einfach. Egal wie alt wir sind. Und natürlich ist der Weg zum Erwachsenwerden auch alles andere als einfach. Selbstständigkeit zu lernen, ist manchmal unangenehm. Allerdings gehen damit so viele Freiheiten einher, die ich absolut nicht missen möchte. Von banalen Dingen wie eine Tiefkühl-Lasagne zum Frühstück essen, bis hin zu wichtigeren Entscheidungen, wie zum Beispiel der Wohnort. Klar ist es erst einmal ein harter Weg dorthin. Die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu kommunizieren, ist ein Lernprozess. Dieser Lernprozess ist alles andere als einfach, aber wenn man es erst einmal geschafft hat, ist Erwachsensein gar nicht so scheiße, wie wir es gerne darstellen.

Illustration: Marc Lewis Ramage

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Seit 2020 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Kommunikationswissenschaften studiert und machte 2022 ihren Master in Journalismus. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik, Mental Health und Musik.

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