Warnung: Dieser Beitrag enthält Schilderungen einer Essstörung.

Der früheste Zeitpunkt, an den ich mich erinnern kann, war in der Grundschule. Ich war etwa acht Jahre alt und versteckte unter meinem Bett eine Packung Milchschnitten, die ich nach und nach gegessen habe. Und das war oft so. Immer und immer wieder habe ich heimlich gegessen, meistens Süßes. Oder ich habe Eis aus dem Tiefkühlschrank stibitzt. Aber nicht eins – nein, zwei oder drei. Es war auch schon damals wie ein Drang, dem ich nicht widerstehen konnte. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es. Alles fing damit an, dass ich als ältestes Kind der Familie auch immer „das gesunde“ Kind war und sein musste. Familiär gab es sehr viele Einschränkungen durch Erkrankungen wie den Krebs meiner Mama, der mich sehr belastet hat.

Kurz nach der Geburt meines Bruders bekam meine Mama Lymphdrüsenkrebs. Es dauerte Jahre bis eine der vielen Chemos endlich wirkte. In der Zeit habe ich mich immer mehr zurückgezogen, habe versucht, die mangelnde Aufmerksamkeit durch Essen auszugleichen. Meine Eltern haben wirklich ihr bestmögliches getan, haben versucht, so gut es geht für uns alle da zu sein. Aber wie soll das möglich sein, wenn das eine Kind oft krank und am Ersticken war, das andere Kind Autismus hat, die Mama sehr krank und der Papa immer arbeiten musste?

Klar, die Caritas war da und hat uns betreut. Aber das ersetzt nicht die Aufmerksamkeit der Eltern. So war ich nach außen hin ein sehr ruhiges Kind. In mir aber brodelte es immer öfter. Ich war sehr oft traurig und fühlte mich einsam. Das hält kein Mensch lange aus. Irgendeine Kompensation sucht sich jeder irgendwann. Bei mir war es das Essen.

Die Traumata gingen weiter und damit konditionierte sich meine Essstörung immer mehr. Mein erster Freund, ich war sechzehn Jahre alt, hat psychische und physische Gewalt ausgeübt, ebenso auch sexuelle. Ich war ihm absolut hörig, hätte alles für ihn getan, nur damit er bei mir bleibt. Er war so manipulativ und hinterhältig, aber das erkannte ich leider sehr spät. Er hat immer wieder betont, wie „dick, fett und hässlich“ ich bin.

Dieser Satz hat mich so geprägt, dass ich bis heute noch an ihn glaube.

In diesem einem Jahr habe ich in sechs Wochen ganze achtzehn Kilogramm abgenommen, weil „er mich ja nirgendwo mit hinnehmen kann, ich wäre ja zu fett“. Damals hatte ich schon Kurven (im Nachhinein auch wegen dem Lipödem), aber es war eine 40/42. Also vollkommen okay.

Mein zweiter Freund war nicht so schlimm, aber gut getan haben wir uns nicht. Bei mir brach langsam die PTBS, Depression und Angststörung aus – eine Hinterlassenschaft meines Ex-Freundes. Ich aß immer mehr, nahm in den drei Jahren Beziehung auch ca. fünfundzwanzig Kilogramm zu.

Mir war immer noch nicht bewusst, dass ich eine Essstörung hatte und noch habe.

Dieser Freund war sehr cholerisch. Er verstand meine Unsicherheit und meine Ausraster nicht. Wie denn auch, wenn ich selbst nicht wusste, was mit mir los war? Ich war ständig angespannt und je angespannter ich war, desto mehr aß ich. Ich wurde sehr krank, meine Vitalfunktionen nahmen ab und das nur durch die psychischen Erkrankungen und Symptome. Ich wollte nichts mehr essen und nichts mehr trinken, nur noch schlafen. Selbst laufen funktionierte hinterher nicht mehr. Weil ich keine Nahrung mehr aufnahm.

In der Zeit muss ich um die zwanzig Kilogramm abgenommen haben. Meine Mutter kümmerte sich Tag und Nacht um mich. Ich musste meine Ausbildung abbrechen und zur Therapie gehen. Die andere Option war die Klinik oder, schlimmstenfalls, sterben.

Nach den drei Jahren und einer langen Krankheitsphase lernte ich meinen jetzigen Lebensgefährten kennen. Mit meinem zweiten Freund war Schluss, es war einfach zu viel passiert. Mein Lebensgefährte dagegen steht bis heute meine guten und schlechten Phasen mit mir durch, wodurch die Depressionen an sich viel, viel besser geworden sind. Aber mit den psychischen Erkrankungen begleitet mich halt auch meine Essstörung seit mittlerweile rund zwanzig Jahren.

In den letzten siebeneinhalb Jahren ist viel passiert. Geliebte Familienmitglieder sind gestorben.Ich konnte nicht mehr arbeiten gehen und wurde wieder sehr krank. Diesmal kamen noch mehr psychische Erkrankungen dazu: Somatisierungsstörung, Anpassungsstörung und einiges mehr. All das zeigt mir, wie viel ich erlebt habe in meinem Leben. Aber die längste Erkrankung ist die Essstörung.

Bewusst geworden ist es mir tatsächlich erst vor circa vier Jahren. Davor gab es immer viele Entschuldigungen, Ausflüchte und vor allem das Verdrängen. Ich habe mich mit Sätzen getröstet wie „Ich hab halt schwere Knochen“, „Das ist Vererbung“ und Ähnlichem. Was halt nur zur Hälfte stimmt. Klar, Vererbung spielt auch eine Rolle und ich habe wirklich keinen zierlichen Knochenbau. Aber dass da noch mehr dran hängt, habe ich immer ganz gut verdrängt.

Irgendwann machte es Klick! Und ich dachte mir, warum ich immer so viel esse. Und WAS ich vor allem immer esse. Wie viel Süßes dabei ist und wie wenig Gemüse. Langsam fing ich an, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber wirklich langsam. Denn trotz der Erkenntnis sträubte sich immer noch alles in mir. Einzusehen, dass man für die eigene Situation selbst zuständig ist, ist ein ziemlich langer Weg. Dazu muss man von „Die sind schuld daran!“ zu „Was habe ich dazu beigetragen und was kann und will ich ändern?“ gehen. Und es hat in diesem Fall auch nichts mit Schuld zu tun. Es ist einfach so viel passiert, dass es sich irgendwann konditioniert hat. Als es meinen Eltern auffiel, war es zu spät. Sie haben versucht mir zu helfen, aber das heimliche Essen blieb.

Es gibt einen Menschen, der mit wirklich böser Absicht gehandelt hat: mein erster Freund. Und ihm gebe ich auch Schuld an den Folgeerkrankungen, die bis heute anhalten. Aber auch damit musste ich irgendwann abschließen, sonst beherrscht er ja noch bis heute mein Leben und das ist er nicht wert.

Bis jetzt ist immer wieder der Drang da, zu essen. Ich handele dann oft fremdgesteuert, will einfach das Gefühl „wegessen“, was gerade hochkommt. Inzwischen weiß ich das und kann diesem Vorgang manchmal zuvorkommen, indem ich mich frage, welches Gefühl dahintersteckt und warum. Es gibt auch die therapeutische Arbeit zu dem inneren Kind. Also welches innere Kind gerade was braucht. Oder die verschiedenen inneren Anteile. Das finde ich super interessant, weil ich dadurch gelernt habe, manchmal diese konditionierten Prozesse zu unterbrechen. In depressiven oder ängstlichen Situationen klappt das auch nicht. Dann esse ich wieder. Aber es ist schon viel weniger geworden, weil es mir bewusster geworden ist. Und alleine diese Erkenntnis ist viel wert.

Eine Essstörung kann man nicht bekämpfen, ansonsten ist es auch teilweise ein Kampf gegen einen selber. Es ist wichtig, Verständnis aufzubringen, sehr viel Verständnis. Ohne dieses wird keine:r weiterkommen. Denn es ist doch so: Ich wollte keine Essstörung.

Es belastet mich unheimlich im Alltag. Aber wenn ich dann noch kein Verständnis für mich aufbringe, mache ich mich doch noch mehr fertig. Und was bringt mir das dann? Nichts! Ich habe, wie jeder andere Mensch auch, gute und schlechte Tage. An guten Tagen esse ich Porridge zum Frühstück (außer am Wochenende), an schlechten ist es die Schoki. Auch wenn ich nichts zu Hause habe – ich gehe und kaufe mir etwas. Nichtsdestotrotz ist eine Essstörung bei mir auch eine Art Esssucht. Also versuche ich gesündere Alternativen zu finden. Und ab und zu erlaube ich mir auch mal ein Stück Schokolade oder ein Eis.

Es wird immer wieder Tage und Wochen geben, wo ich meine Ernährung nicht kontrollieren kann, weil ich keine Kraft mehr dafür habe. Dafür gibt es einfach zu viele Baustellen und ich schaffe es noch nicht, alles in Einklang zu bringen. Aber ich bin auf einem guten Weg und überzeugt davon, dass ich irgendwann auch wieder ein Gewicht habe, mit dem ich mich wohlfühle.

Eine Essstörung begleitet einen oft ein Leben lang, deswegen ist es auch so schwer, damit umzugehen und zurechtzukommen.

Mein Lieblingszitat, letztens erst entdeckt, hilft mir doch sehr dabei, alles etwas entspannter anzugehen. „Es gibt kein Scheitern, außer es nicht weiter zu probieren“ von Elbert Hubbard. Ich finde es sehr ermutigend, außerdem nimmt es den Erwartungsdruck etwas raus. Denn wenn es heute nicht klappt mit dem Essen – morgen ist auch noch ein Tag!

Autorin: Ricarda Buntrock
Illustration © Mathilde Weber
Editorin: Alina Dietrich

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