Neben meinem Studium arbeite ich als Schulbegleiterin in einer siebten Klasse. Ich muss oft darüber schmunzeln, wo 13-Jährige überall Sex sehen und hören können. Alles, was wie ficken klingt, löst Gekicher aus. Es ist wirklich bemerkenswert, aus wie vielen Wörtern man das verstehen kann! Und was alles nach Spermaflecken aussieht!

Heute habe ich gelernt: Wir befinden uns im No Nut November. Nope, das hat nichts mit Nüssen zu tun. Sondern mit Masturbation. Beziehungsweise genau damit nicht, denn es geht darum, sich den ganzen November lang nicht selbst zu befriedigen. Nut heißt übersetzt auch so viel wie ejakulieren. Diese Social Media-Challenge gibt es wohl schon seit vier Jahren (mal wieder nichts davon mitgekriegt) und richtet sich vor allem an Männer. Dieses Jahr erlebt der Trend einen neuen Hype – im tristen Lockdown an sich selbst rumzufummeln, ist natürlich noch verlockender. Sozusagen die No Nut November Pandemie Edition. Mit der Motivation, dass Enthaltsamkeit förderlich für die Gesundheit sein soll. Derlei Behauptungen gehen immer mal wieder durch die Medien, meistens durch die NoFab-Bewegung vertreten, deren Anhänger*innen unabhängig vom Monat auf Spaß mit sich selbst verzichten. Ob diese Art von Enthaltsamkeit positive Effekte auf die Gesundheit hat, ist aber ein anderes Thema.

Ich kann es mir natürlich trotzdem nicht verkneifen, meine Meinung dazu zu äußern: Es ist für mich ein großes Rätsel, wie jemand, der nach einem intensiven Orgasmus gespürt hat, wie sich das wohlige Entspannungsgefühl im ganzen Körper ausbreitet, auf die Idee kommt, das wäre schlecht für die Gesundheit. Aber es geht hier nicht darum, Menschen zum Masturbieren zu bringen. (Dafür ist der Destroying Dick December da – wartet ab.)

Mein Problem mit diesem Internet-Trend ist, dass sich die Challenge ausschließlich an Männer richtet. Weil Männer ständig Lust auf Sex haben, an nichts anderes denken können als Brüste und Ärsche und vor allem immer können. Frauen fassen sich selbst nicht an und wenn, dann nur, um Männer damit anzuturnen. Frauen gucken keine Pornos und wenn sie zu oft Lust auf Sex haben, sind sie notgeil oder Schlampen. Ein Internet-Trend, der solche Vorstellungen von geschlechterspezifischer Sexualität befeuert, ist wirklich das Letzte, was wir brauchen. Es heißt Masturbation, nicht Mensturbation.

Während die Jungs in der Schulklasse, die ich betreue, ständig Witze über’s „Wichsen“ machen, habe ich noch kein Mädchen sagen hören, dass sie gestern ihren G-Punkt gesucht hätte. Auf der einen Seite traurig, dass sich diese Unterschiede schon so früh zeigen, auf der anderen Seite haben die noch viel Zeit, ihre eigene Sexualität zu entdecken. Ich habe allerdings auch Freundinnen, die mit Mitte 20 sagen, sie würden sich selbst nicht anfassen, weil das eklig wäre. Und dann rot werden. Das erste Synonym, das mir für Selbstbefriedigung bei Frauen einfällt, ist „sich selbst beflecken“. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Männliche Varianten wie „Das Rohr polieren“ brauche ich gar nicht erst aufzuzählen, davon kennt jede*r genug.

Die armen Männer, die schwerste Qualen durchmachen, wenn sie freiwillig auf Masturbation verzichten, fühlen sich laut Erfahrungsberichten im Netz dadurch noch männlicher. Dabei kommt der richtige Ego-Boost, doch erst im Dezember. Im Destroying Dick December. Daran, dass ich da als Frau nicht mitmachen darf, lässt der Name keine Zweifel. Er macht mir irgendwie auch ein bisschen Angst – stellvertretend für alle Menschen mit Penis: Das Ziel ist es, nach dem Monat der Enthaltsamkeit jeden Tag zu masturbieren. Klingt erst mal machbar. Allerdings nicht nur einmal pro Tag, sondern die Palme wird so oft gewedelt, wie der Kalendertag zählt. Also am zweiten zwei Mal, am neunten neun Mal, am zwanzigsten zwanzig Mal und so weiter. Der Dezember hat 31 Tage. Im Internet wird übrigens davor gewarnt, dass das ernsthafte medizinische Folgen haben kann. Zu viel Reibung, sensible Körperstelle und so. Gegen Ende des Monats ist die Challenge darüber hinaus eine logistische und physische Herausforderung. Im letzten Monatsdrittel masturbiert man bei acht Stunden Schlaf im Schnitt jede halbe Stunde. Das ist nicht mal mit Homeoffice vereinbar.

Um der Standard-Anklage, auch diese „aggresiv-feministische“ Stellungnahme würden den Männern etwas wegnehmen wollen, vorzubeugen: Niemand will euch euer Recht auf Masturbation wegnehmen, wir wollen nur klarmachen, dass alle Geschlechter gleich viel Recht auf Spaß haben! Und auch euch den Druck nehmen. Wenn pubertierenden Jungs vermittelt wird, dass es da draußen Männer gibt, die quasi den ganzen Tag einen Ständer haben können, welche Dimensionen sollen die Selbstzweifel bei Männern annehmen, wenn sie mal nicht können? Dabei ist das genauso natürlich wie masturbierende Frauen. Ihr seht, das ist keine hysterische Kritik von Frauen, die einfach mal wieder flachgelegt werden müssen. Das erledigen wir schon selbst, wenn es dringend nötig ist. Es geht darum, veraltete Rollenerwartungen durch Social Media Trends nicht wieder aufleben zu lassen oder zu verstärken, sondern sie endlich hinter uns zu lassen.

Ich würde mir wünschen, dass den eigenen Körper zu erkunden, sich selbst zu berühren und sexuelle Bedürfnisse frei auszuleben, für alle Geschlechter ein gleichermaßen selbstverständliches Recht wäre. Froh, dass ich nicht 31 Mal am Tag die Coochie streicheln soll (ha, doch noch ein Synonym gefunden), bin ich trotzdem. So viel Kokosöl kann ich mir nämlich nicht leisten.

Weil Aufklärung zuhause beginnt, folgt hier unser Erziehungsauftrag:

Es liegt in der Verantwortung von Eltern und Schule, Kinder über ihren Körper aufzuklären und sie zu ermutigen, ihre eigene Sexualität zu entdecken – Mädchen und Jungen gleichermaßen. Aufklärungsunterricht in Schulen ist nicht bloß dazu da, den biologischen Aufbau der Geschlechtsorgane zu erläutern, sondern soll Fragen beantworten, die Jugendliche sich über ihren Körper und Sex stellen. Die Pubertät ist geprägt von zahlreichen Unsicherheiten und Selbstzweifeln. Um diese Verunsicherung im Laufe des Erwachsenwerdens hinter sich lassen zu können, sind Anlaufstellen von enormer Bedeutung, bei denen Jugendliche besprechen können, was sie wirklich beschäftigt. Mit 13 Jahren gehört dazu vor allem die Frage „Bin ich normal?“. Nur wenn offen über Sex geredet wird, haben Jugendliche die Chance, zu begreifen, dass es dort kein richtig und falsch gibt. Genauso sollten Eltern ihren Kindern vermitteln, dass Sexualität, inklusive Selbstbefriedigung, kein Thema ist, über das man besser schweigt, sondern spannend und schön.

Foto: cottonbro

Dieser Text erschien zuerst auf dieverpeilte.

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2 Comments on “No Nut November: Wie Social Media Trends unsere Sexualität differenzieren”

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