Schon vor der Krise war das Smartphone ein fester Bestandteil meines Alltags. Seit Beginn der Pandemie hat sich dieses Verhältnis zu etwas entwickelt, was man mit einer Liebesbeziehung vergleichen könnte. Morgens nach dem Aufstehen etwa spüre ich den starken Wunsch, meinem Handy einen guten Morgen zu wünschen. Manchmal sitze ich einfach nur da und starre es eine Zeit lang regungslos an. Außerdem fängt mein Herz an zu klopfen, wenn ich eine Nachricht auf meinem Display entdecke. Damit stehe ich nicht allein da. Meine Freundin Vanessa, die als Sozialpädagogin im Münchner Waisenhaus arbeitet, sagt, dass mein Smartphone-Verhalten mindestens genauso schockierend ist wie das ihrer Kids. Zusammen mit den 120 Mitarbeiter*innen des städtischen Heims übernimmt sie die Mutterrolle von 134 Flüchtlingskindern. Ziemlich oft, wie zum Beispiel während ihrer Schicht, erschrickt sie, wie häufig die Kinder aufs Smartphone schauen, und darin eine Art Rückzug aus dem Sozialleben entwickelt haben. Was fehlt, ist die Bewegung, die verhindert, dass sich die Hirnstruktur der Jugendlichen überhaupt erst ins Negative entwickeln kann. 

DIEVERPEILTE: Du warst das Gesicht des Adventskalenders der Süddeutschen. Warum?
Vanessa Geiger: Letztes Jahr im September habe ich ein Sportprojekt ins Leben gerufen. Ein Wochenende, an dem ich mit den Kids aus meiner Gruppe vom Waisenhaus zusammenkomme und ihnen die Handys abnehme. Der Sinn dahinter ist, dass die Kinder weniger konsumieren und sich dafür mehr bewegen. Sport ist meiner Meinung nach das Beste, was man machen kann. Wir sind dann nach Bad Tölz in eine Sportjugendherberge gefahren, wo wir alles Mögliche gemacht haben: Von Karten bis Fußball, Basketball oder Völkerball spielen. Das sind Sachen, die Kinder eigentlich brauchen. Freizeitbeschäftigungen, die sagen wir mal in unserer Generation ganz normal waren. Und das fehlt den Kindern heutzutage einfach.

Woher stammt der Name FC Bayern goes green?
Mein Gedanke daran war, da ich selbst bei Bayern spiele, dass das Projekt über den Verein laufen könnte. Also habe ich dort angefragt, und daraufhin bekam ich die Antwort, dass sie die Kosten für T-Shirts und das Projektlogo übernehmen. Danach habe ich das Logo entworfen, die Shirts bestellt und da wir eben vom FC Bayern gesponsert werden und ich mit den Kids ins Grüne gefahren bin, habe ich die beiden Dinge miteinander verbunden.

Und wie ging es dann weiter? 
Die Kids haben das voll schön angenommen, weswegen ich ein jährliches Ding daraus machen wollte. Wo man hinfährt, wie bei einer Ferienfreizeit und Sport macht, ohne Handy. Das war dann auch schon alles geplant. Ich hatte einen Spendenantrag gestellt, damit wir die erste Woche der Frühlingsferien wegfahren können. Das Sportcamp war bereits reserviert, doch dann fehlte mir das Geld dafür.

Und dann? 
Mein Chef stellte einen Spendenantrag bei der Süddeutschen nach dem Motto: Hey, wir haben da ein cooles Projekt, dass unsere Mitarbeiterin verwirklichen möchte, dafür bräuchten wir die Summe X. Und das hat geklappt!

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FOTO: SOFIA

Warum die Süddeutsche? 
Weil die Redaktion jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Projekt aus der Stadt unterstützt, wofür Spenden gesammelt werden und da gibt es für jedes Gebiet Anträge, die man in Anspruch nehmen kann. Irgendwann kam die Zusage, dass sie sich für mein Projekt entschieden haben und über mich schreiben möchten.

Wieso glaubst du, dass es wichtig ist, dass Kinder auch Zeit ohne Smartphone haben? 
Meiner Meinung nach ist es einfach gefährlich. Menschen, bei denen das Gehirn noch im Wachstum ist, sollten weder mit Dingen belustigt werden, mit denen sie sich gar nicht beschäftigen, noch sollten sie permanent Handystrahlung ausgesetzt werden. Ich bin noch so aufgewachsen, dass man rausgegangen ist und mit anderen Kindern gespielt hat. Wir haben Baumhäuser gebaut oder mit dem Ball gespielt. Der Ball war schon von klein auf mein Begleiter. Hinzu kommt das Fahrrad, womit ich mich mit mir selbst befassen konnte. Die Kids von heute hingegen konzentrieren sich auf Dinge wie TikTok, Instagram und Co. Während des Lockdowns haben sie alle gesagt, dass sie wieder raus wollen. Und dann war die Quarantäne vorbei und die Kinder saßen samstags da am Handy.

Wie hast du darauf reagiert?
Ich dachte mir erst mal, ist das eigentlich euer Ernst? In meiner Schicht gehe ich mit der Einstellung rein: Auf gehts! Nach dem Essen ziehen sich die Kids an, danach gehen wir raus und machen Sport. Und alle sind dabei, ob nun beim Federball spielen oder etwas anderem. Ich denke, so entfalten sich Kinder viel besser. Bewegung ist wie eine Therapie, die man zum Abschalten nutzen kann, oder um Aggressionen loszuwerden – das kommt ganz darauf an, worauf man die Energie richtet.

Gibt es denn Kinder mit Aggressionsproblemen in deiner Gruppe, bei denen du im Nachhinein ein positiveres Verhalten beobachten konntest?
Auf jeden Fall. Also alle Kids, die wir hier bei uns haben, sind mit Schicksalsschlägen oder einem traumatisches Erlebnis aufgewachsen. Entweder sind sie aus Kriegsgebieten geflohen oder Bildungsflüchtlinge.

Bildungsflüchtlinge?
Das sind meistens afrikanische Kinder, die nach Deutschland geschickt werden, damit sie Bildung bekommen. Das ist hier ein Recht, das Recht auf Bildung. Und das haben die Kinder eben eher als Erwachsene. Deswegen schicken die Familien ihre Kinder zu uns, damit aus ihnen mal was wird. Das macht schon Sinn.

Wenn du von Verhaltensstörungen sprichst, meinst du …
Kinder, die mit Bomben oder Hunger aufgewachsen sind, haben in sich eine Aggression oder sind einfach nicht mit ihren Eltern zusammen. Die sind ja bestimmt voll traurig die ganze Zeit. Wenn man sich aber ablenkt und das noch sinnvoll, indem man den eigenen Körper bewegt, glaube ich schon, dass eine positive Entwicklung möglich ist. Zum Beispiel Stress! Wenn ich nicht laufen oder Basketball spielen würde, dann würde ich vermutlich durchdrehen.

Hast du denn ein Beispiel für so eine Verhaltensveränderung?
Da gibt es einen Elfjährigen, der ziemlich aggressiv war. Er schlug um sich und war total auf Angriff. Also habe ich ihn zum Basketballplatz mitgenommen und ihm beigebracht, wie man spielt. Er wurde immer besser, sodass die anderen Kinder anfingen, ihn zu pushen. Dadurch kam er aus sich raus. Das gibt einem ja voll das gute Gefühl als Kind, wenn alle jubeln, also wenn andere an dich glauben. Und so ist er aufgeblüht und viel ruhiger geworden, wollte sich einfach bewegen. Immer wenn ich in den Dienst reingekommen bin, hat er mich gleich gefragt, ob wir rausgehen. Und da merkt man eben, dass sich ein Kind entwickelt und bereits ist, an seinen Stärken zu arbeiten.

Deine Kolleg*innen haben das bestimmt auch gefeiert. 
Die fanden es voll cool. Das war auch so geil, wie sich das alles entwickelt hat. Ich habe geträumt, dass ich so etwas mache. Also dass ich mit den Kids draußen bin und klettere oder so. Am nächsten Tag bin ich mit meiner Idee, dass ich gerne etwas anbieten würde, in die Arbeit gegangen und schrieb das Konzept. Als ich fertig war, legte ich es meiner Chefin auf den Tisch und meinte nur: „Ich hab Bock da drauf, wie seht ihr das?“. Meine Chefin hat das Projekt von Anfang an unterstützt, ich bekam das Geld und dann ging es los.

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FOTO: SOFIA

Deine Einstellung gefällt mir. Wie hat sich dieser Erfolg für dich angefühlt?
Voll geil! Ich wollte das Wissen, dass mir im Studium vermittelt worden ist, anwenden, um etwas Gutes zu machen, was den Kids auch hilft. Gleichzeitig wollte ich aber auch etwas erschaffen, womit ich mich selbst identifizieren kann und woran ich als Sozialpädagogin wachsen kann. Nachdem ich die Unterstützung bekommen habe, bastelte ich Plakate, die ich im ganzen Waisenhaus aufgehängte. Ich wollte, dass alle Kids sehen können, was ich mir für sie ausgedacht habe, ganz nach dem Motto: „Willst du dabei sein? Dann wende dich an Frau Geiger! Danach kamen sie zu mir und wollten wissen, wann ich wieder so ein Projekt mit ihnen mache. Voll süß (lacht).

Danke für das Interview, mein Schatz. Hab dich lieb!
[wirft ihr einen Luftkuss zu]

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