Ich bin grundsätzlich ein sehr rastloser Mensch.

Bin ständig auf der Suche nach etwas, was ich selbst Mehr nenne, ohne zu wissen, was dieses Mehr eigentlich ist. Alles, was ich weiß ist, dass ich noch nie so weit davon entfernt war wie seit dem Beginn der Pandemie. Weshalb ich daher manchmal gerne Zeitreisen würde. Denn manchmal will ich in der Zeit zurückgehen. In eine Zeit, die mir damals zu tief vor kam, heute aber eine fast schon krankhafte Melancholie für diese Seekrankheit in mir auslöst.

Möchte noch mal all die Heimwege antreten mit der Musik auf meinen Ohren, die mich den Tränen nahe brachte. Möchte noch mal dieses Gefühl in meiner Brust spüren, bei dem ich immer dachte, es zerreißt mich irgendwann.

Denn das hat es schlussendlich nicht.

Es waren nur meine Gefühle, meine Emotionen, die stärker an meinen Brustkorb hämmerten wie vielleicht jemals zuvor. Das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren, verschlungen zu werden von dem Ozean, der mich zu ertrinken drohte.

Und doch war ich niemals zuvor so lebendig.

Zerrissen zwischen zwei Leben, zwei Menschen, zwei Vorstellungen, zwei Vorstellungen von mir.

Es stimmt schon, dass es jetzt besser ist. Auf Dauer wäre es wahrscheinlich wirklich dem Ertrinken nahegekommen, doch diese Atemlosigkeit hat mich erst das Atmen gelehrt. Mir die Lust an jedem Atemzug vorgeführt, die Lust, die sich in meinem ganzen Körper ausgebreitet hat. Ein Verlangen, das in jeder Faser meines so unschuldigen Körpers erzitterte. Ein Verlangen nach Mehr.

Ein Verlangen nach allem, nach allem und dem Leben. Und heute?

Etliche Atemzüge später frage ich mich nur noch, ob ich wirklich nach vier Tagen mal wieder duschen gehen sollte. Und während das warme Wasser auf meine unberührte Haut prasselt und das nur weil ich mich den gesellschaftlichen Hygienemaßnahmen unterlegen fühle, frage ich mich, wie es sich anfühlte Mehr zu wollen.

Aus demselben Grund wie der, weswegen ich immer noch dusche, fand ich mich nur ein paar Tage später auf der Jagd nach einer Waschmaschine an genau diesem Ort wieder.
Lief die Straße entlang, die solange mein Heimweg war, mit der Musik auf meinen Ohren, die mich den Tränen nahe brachte. Nahm alles wahr wie damals jeden Tag, meine alten Gewohnheiten übernahmen die Führung und ich ließ mich von ihnen treiben.
Ohne mich großartig dafür anstrengen zu müssen, wurde ich mit jedem Schritt von einer Welle der Erinnerungen erfasst.

Und so lief ich umher, viel länger als geplant, mit einer Gänsehaut, die nicht von der Kälte kam.
Wehmütig trat ich irgendwann die Rückreise an, doch auf halben Weg erkannte ich auf einmal meine neue Vertrautheit. Lief die Straße entlang, die mein neuer Heimweg war, nahm alles wahr wie jeden Tag die neuen Gassen, die neuen Gebäude um mich herum, die neuen verspiegelten Fenster vor den ich Halt machte, um zur Erheiterung der dahinter lebenden Menschen meinen Lippenstift nachzuziehen.

Und ich begriff, dass ich das Leben damals mochte, mit all den Erinnerungen, all den aufregenden Situationen, die manchmal schön und manchmal anstrengend waren. All den Gefühlen und mit all der Zerrissenheit.

Ich denke gerne zurück an die Zeit, in der ich das Atmen lernte und manchmal auch wieder verlernte, in der ich mich in die Wellen stürzte und manchmal in ihnen ertrank.

Dennoch möchte ich heute nicht mehr dahin zurück, möchte lieber mit der Zeit vorwärtsgehen, anstatt rückwärts mit diesem neuen Gefühl in meiner Brust. Ruhe gefunden zu haben.

So hat es also erst eine Zeit gebraucht, die mich quasi zum Stillstand zwingen musste, um mich zu lehren, dass ich nicht ständig nach Mehr gieren muss.

Denn auch in dieser Zeit konnte ich Erinnerungen sammeln, hatte teilweise aufregende Situationen, neue Vorstellungen von mir und dabei die Ruhe in all diesen Momenten auch verweilen zu können.
Und so begriff ich, dass ich trotz allem mein Leben heute liebe.

Und dabei das Mehr in mir fühlen kann.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.
Foto: Sophie Unterbuchberger

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