Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

wann haben Sie in Ihrer Funktion als Bundeskanzlerin das letzte Mal ein Konzert besucht? Mit Sicherheit war das vor dem Lockdown, oder? Was haben Sie sich angehört? Den Ring der Nibelungen in Bayreuth? Den „Paulus“ von Mendelssohn Bartholdy, wie 2018 in Ottobeuren? Oder eines der Themen-Werke von Beethoven in der letzten „normalen“ Spielzeit der Berliner Philharmonie?

Wann haben Sie in Ihre Funktion als Bundeskanzlerin das letzte Mal ein Konzert besucht, auf dessen Programm kein Stück der Klassik, der Romantik oder etwas Jazziges stand?

Das dürfte wesentlich länger her sein. Politisch verantwortlich sind sie einmal aufgetreten in Chemnitz im Rahmen der Veranstaltung #wirsindmehr und haben sich gegen Faschismus in diesem Land starkgemacht.

Bei diesem Event stehen sie in einer Reihe mit Gästen wie Trettmann, K.I.Z und Nura. Diese Künstler:innen machen Rap-Musik. Ein Stil, der in nicht-privilegierten Gruppen der US-amerikanischen Gesellschaft entstanden ist und hier in Deutschland Menschen inspiriert hat, die in Berlin-Neukölln, Hamburg-Mümmelmannsberg oder Dresden-Prohlis aufwachsen. Warum? Weil die Musik ihre ganz persönlichen Alltags-Probleme anspricht und ihre Gefühle artikuliert. Ob Schwesta Ewa ihr Leben im Rotlicht-Milieu darstellt, Trettmann über Stolpersteine und aktuellen Rassismus rappt oder SXTN erklärt, warum Menschen von den fernen Bergen übers Meer zu uns kommen. Rap Musik spricht an, was hier und heute die Probleme der Gesellschaft sind. Ungeschminkt, kunstvoll und berechtigterweise wütend. Rap-Musik provoziert, Rap-Musik ist für alle da, Rap-Musik ist eine Lupe gerichtet auf unterrepräsentierte Teile der Gesellschaft.

Damit sind SXTN, Trettmann und Capital Bra näher an Beethoven als die meisten Ihrer Partei-Kolleg:innen. Mit seiner „Eroica“ hat Beethoven nicht nur dem umstrittenen Demokratie-Kaiser Napoleon eine Hymne geschrieben. Er hat den Beginn einer neuen musikalischen Epoche eingeläutet und die gesamte Musik-Szene vor den Kopf gestoßen. Zu lang, zu laut, zu viel Geräusch unter zu wenig Musik. Das war die erste Reaktion nicht nur auf dieses Werk der klassischen Musik-Geschichte. Bei der Rap-Musik ist es heute nicht viel anders. Ob Wort-Gekotze, Müll oder schlicht keine Musik. Genauso abwertend und verkennend wie Beethovens Eroica vor 200 Jahren finden heute Kritiker unpassende Worte für das neue Album von K.I.Z.

Beethovens Eroica drückte das Bedürfnis einer bestimmten gesellschaftlichen Strömung nach politischem Fortschritt und Demokratie aus. Heute mahnt Trettmanns Stolpersteine den Horror des Holocausts, heute prangert SXTN mit Hass Frau den tief verwurzelten Gesellschaftssexismus an und der Suizident NMZS macht die Depression einer ganzen Generation hör- und fühlbar. Unabsichtlich enthüllen Texte von beispielsweise Fler oder Kollegah deutlich, wie viel Antisemitismus salonfähig ist. Und das macht Rap auf brutal ehrliche Weise.

Rassismus, Sexismus, die Depression meiner Generation vor der gesellschaftlichen Realität. Das sind unverkennbare und essenzielle Themen und Probleme unserer Gesellschaft und dieses Landes. Und dafür haben Sie als Bundeskanzlerin Verantwortung übernommen. Wieso hören Sie dann nicht hin? Sie sitzen in Samt-gepolsterten Sesseln und lauschen der Musik, die vor 200 Jahren die Sorge der Menschen widergespiegelt hat. Deshalb lade ich Sie hiermit sehr herzlich ein, sobald es möglich ist, ein Rap-Konzert zu besuchen. Und zwar Medien-wirksam. Zeigen Sie, dass Sie zuhören, und zwar nicht nur alten Leute von vor 200 Jahren, sondern auch den jungen Menschen von heute.

Mit freundlichen Grüßen
Noah Paul Lummitsch

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE  / Illustration: Telmo Castro

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