Ich stehe in einem Land vor unserer Zeit im Getränkemarkt und suche die perfekte Mische für heute Abend. Schnaps muss es auf jeden Fall sein und dazu noch irgendwas Süßes, damit er schnell runtergeht. Die Wahl fällt auf Weinbrand mit Spezi. Ab in den Rucksack, ab ins Kühlfach, dann wieder ab in den Rucksack und los zur WG-Party meiner Studienkolleg:innen. Die meisten kennen und freuen sich. Und lachen über meine Mische: „Weinbrand? Trinken doch sonst nur Opas!“ Stimmt. Weinbrand stand in Teenager-Jahren in jedem (nicht) abgeschlossenen Schnapsschrank der elterlichen Kellerbar, zumindest bei uns in der Voreifel. 

In Kombination mit Zucker soll der ganze Spaß noch mal extra wirken – vielleicht ist da was dran. Ich überprüfe das gerne noch ein Mal. Unsere Erfindung taufen wir auf den Namen „Mezzocron“. Auf dem Balkon werden Joints rumgereicht und die kommen zur Kater-Rechnung dazu. „Puff puff pass“ und alle sind glücklich. Die Leute kommen und gehen und auf dem Balkon entsteht eine Parallelgesellschaft. Hier sind sich alle einig, dass ohne Gras gar nichts geht, weswegen aus Weed und Hasch eine „Königsmische“ gerollt wird. Interessantes Wort, schöner Euphemismus. Fremdwörter gehen noch, also alles im Lot. In der Ecke stehen zwei Jungs. Sie sind aus der Wohnung oben drüber. Niemand kennt sie, aber sie scheinen entspannt zu sein, also gehören zur Gruppe. Der eine scherzt mit zwinkerndem Auge: „Gleich rauchen wir ’nen richtigen Joint!“.

Diesen Satz hat man schon ab und zu gehört und auf diese indirekte Herausforderung lassen wir uns gerne ein. Die Leute in der Runde nicken wissend und freuen sich, dass sich um das leibliche Wohl von allen Seiten gekümmert wird. Mittlerweile wird im Wohnzimmer ausgelassen getanzt. Dinge fallen zu Boden und werden lachend liegen gelassen. Die Flaschen sind leer und die Gäste voll. In der Küche kann man sich kaum noch fortbewegen und der Sauerstoffgehalt der Wohnung strebt gen null. Ich gehe mit einem halb vollen Glas zurück auf den Balkon, spucke in den Hinterhof und lache mit den anderen. Irgendwann kommen die Jungs von oben dazu und zünden ihren „richtigen“ Joint an und geben ihn weiter, bis er bei mir ankommt. Zum Nachspülen schnell einen Schluck Mezzocron, damit der Druck in der Lunge vom Brennen in der Kehle abgelöst wird. Ich spucke noch mal vom Balkon. Mittlerweile ist der weiter vom Boden entfernt, als er es eben noch war. Die Leute um mich herum husten auch. Das beruhigt mich. Ich halte mich am Geländer fest und merke, dass es vielleicht bald Zeit für ein Wasser ist.

In der Küche gilt jetzt Ausnahmezustand: Zwischen sauberen und dreckigen Gläsern wird schon lange nicht mehr unterschieden. Du musst nur aufpassen, dass du keinen Drink mit eingebautem Aschenbecher erwischst. Ich greife nach der Wasserflasche und halte sie vor meine Augen, wundere mich kurz und stelle sie zurück. Der Weinbrand scheint nicht so viele Fans zu haben, also mache ich mir ein Glas voll. Jetzt wäre der Zeitpunkt, um zu tanzen. Der Spruch „wie in Trance“ kommt mir in den Sinn, aber ich bin das Gegenteil: Ich bin hyperfokussiert, sehe jede Schweißperle auf jeder Stirn. Ich registriere alle Personen im Raum, höre jedes Gespräch und merke, wie die Musik schneller und schneller wird. Ich sehe mich selbst aus der Vogelperspektive. Die Zeit staucht und streckt sich. Was bitte schön ist hier los? Wie durch ein verkehrt herum vors Gesicht gehaltenes Fernglas schrumpft mein Sichtfeld auf Briefmarkengröße. Ab diesem Moment bin ich allmächtig. Denn das, was ich mir vorstelle, passiert, während ich noch drüber nachdenke.

Ich muss aufs Klo. Auf einmal stehe ich im Bad und pinkel den Boden voll. Jetzt brauche ich eine Zigarette. Unmittelbar nach diesem Gedanken stehe ich rauchend auf dem Balkon, quatsche Leute voll und verliere die Kontrolle. Es fühlt sich an, als würde die Party wie auf einem alten Walkman manchmal an Kraft verlieren. Alles wird langsamer. Zäher, wie Kaugummi. Dann wiederum wird alles schnell und die Leute sehen aus wie in Stummfilmen: ihre Bewegungen hektisch, ihre Gesichter unter dem Druck der Zeit zur Grimasse verzerrt. Ich stehe in der Küche und muss mich festhalten. Wie bin ich hierher gekommen? Wie lange stehe ich hier und warum schaut mich mein Gegenüber besorgt an? „Geht’s dir gut?“ Warum fragt sie das? „Du siehst echt nicht gut aus, geh mal raus vor die Tür.“ Ich stehe frierend und nass geschwitzt vor der Tür. Bekomme Paranoia, dass ich mein Handy oben zwischen den zuckenden Gestalten verloren habe. Ich hole es aus der Tasche und rufe meinen Mitbewohner. Er geht nicht ran und ich wieder hoch „feiern“. 

Oben angekommen sind meine Beine aus Wackelpudding. Von meiner Stirn rinnt der Schweiß und ich lasse mein Glas fallen, welches lange braucht, um auf den Teppich zu landen. Es ist Zeit, nach Hause zu rennen. Nicht sprichwörtlich, sondern wirklich: Ich renne. Die pulsierenden Lichter, die infernalische Lautstärke und die tanzenden Fratzen versinken hinter mir im Dunkeln der Nacht.

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Illustration: Jens Peters

An den nächsten Tag kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass ich lange geschlafen habe. Wie mein Voreifel-Opa zu sagen pflegte: „Wer mit kegelt, muss auch mit aufstellen.“ Der Kater ist nun mal der Preis, den man blind einwilligt und später bereut, aber das ist nichts Neues. Was allerdings neu ist, ist mein Gefühl: Ich hatte an dem Abend Panik. Die unbestimmte Angst, dass etwas nicht stimmt und das, obwohl ich Übung „in der Sache hatte“. Alkohol – kenn dein Limit, klar. Und Gras ist doch easy … Ist gar nicht so witzig, wenn Dinge passieren, die man nicht kontrollieren kann – wie zum Beispiel sich selbst – aber dermaßen nach Halt ringt. Tage später spreche in der Mensa über die Party, anderen Balkonbesuchern ist es ähnlich ergangen. Wir freuen uns, dass wir den Abend überstanden haben und geben ihm das Siegel „Gerne wieder!“.

Was die beiden Jungs in diesen Joint gemischt haben? Keine Ahnung! Ich kann nur Vermutungen anstellen. Nachdem mir eine Freundin erzählt hat, dass sie mal experimentell Crack geraucht hat und von ihrer Erfahrung erzählte, war ich mir sicher: Ich habe an dem Abend ebenso Crack geraucht. Aber kann man das überhaupt in einer Tüte verbrennen? Ich merke, dass ich von manchen Sachen keine Ahnung habe. Egal was es war, meine Herangehensweise hat mich im Nachgang schockiert: Ich musste nicht nur unnötig viel Schnaps trinken, ich musste dazu auch Joints rauchen. Nicht nur das! Wahrscheinlich habe ich auch irgendeine krasse Substanz konsumiert, ohne davon zu wissen. Ob ich im Wissen um den Inhalt an der Tüte gezogen hätte? Weiß ich nicht. 

Erst war ich sauer auf die Jungs, die ohne etwas zu sagen irgendwelche Mischen verteilen. Das erinnerte mich an Geschichten, in denen Pillen ins Getränk geworfen werden. Dieser Umgang mit der Gesundheit anderer Menschen ist verantwortungslos. Jede Person, die so etwas macht, sollte schleunigst checken, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Ich glaube ich hatte Glück, dass es mir soweit gut ging. Menschen mit schwächerem Immunsystem oder einer Vorgeschichte mit der unbekannten Substanz hätten sicherlich anders reagiert. Nach und nach wurde mir aber bewusst, dass es auch mein Fehler war! Es hat mich niemand gezwungen, Alkohol zu trinken und Zeug von Fremden zu rauchen. Das war ich alles selbst. Vielleicht lag es auch an der Bubble, in der ich mich an dem Abend wähnte. Normalerweise fühle ich mich in Anwesenheit der meisten Leute und ihrer Drogen sicher. Es muss jede Person für sich wissen, was sie tut. Dafür muss sie aber den Umgang lernen.

Vielleicht brauchte ich die Erfahrung. Vielleicht nicht. Seitdem bin ich jedenfalls bewusster im Mischkonsum. Außerdem frage ich jetzt, was man mir anbietet. Generell sollte man sich immer über Substanzen informieren. Egal, ob man sie bewusst konsumieren möchte oder in Gefahr gerät, sie unbewusst verabreicht zu bekommen. Vor allem im Mischkonsum ist Vorsicht geraten: Die Chemie, die den Drogen und damit meine ich ausdrücklich auch Alkohol zugrunde liegt, kann sich multiplizieren, verändern und nicht nur einen Abend versauen. Sprich mit anderen über deine Erfahrung. Gib Menschen um dich herum Bescheid, was und wann du etwas genommen hast. Wenn du jemandem was anbietest, dann sei ehrlich. Nicht nur für den Ernstfall, sondern für einen offenen Austausch über Dinge, die allzu oft nur in Köpfen passieren.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. / Foto: @lmknipse

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