Der Generationen-Clash ist ein altbekanntes Phänomen. Unterschiedliche Bedürfnisse, teilweise fehlendes gegenseitiges Verständnis, Veränderung der Sprache sowie Unterschiede in der Art und Weise, wie Dinge ausgedrückt werden, bilden oftmals Barrieren zwischen Alt und Jung. Diese haben auch politische Auswirkungen, besonders auf die jüngere Generation.

BildungsCent e. V. hat sich diesem Thema angenommen und organisiert in diesem Jahr am 24. und 25. November 2021 die zweite Generationen Challenge. In der digitalen Veranstaltung werden ältere (ab 60 Jahren) und jüngere Menschen (von 16 bis 28 Jahren) sowie Personen aus der Fachöffentlichkeit (alle Altersgruppen) zusammengebracht, die in Gruppen über gesellschaftliche und politische Themen, die die junge Generation bewegen, diskutieren. Die Ergebnisse werden in einem Manifest festgehalten, das an den Deutschen Bundestag übergeben wird, um die Stimmen der Teilnehmenden gemeinsam hörbar zu machen.

Ich habe mit Silke Ramelow, Gründerin und Vorstandsvorsitzende, sowie Yannes Kiefer, Programmentwicklung, Kooperation, Akquise von BildungsCent e. V. über ihren Einsatz und die diesjährige Generationen Challenge gesprochen.

DIEVERPEILTE: Wofür setzt sich der BildungsCent e. V. ein und was sind eure primären Themen?
Silke Ramelow: BildungsCent e. V. wurde 2003 gegründet, kurz nach der Erstveröffentlichung der Pisa-Ergebnisse, die gezeigt haben, dass das deutsche Bildungswesen stark renovierungsbedürftig ist. Das Ziel war, Schulen darin zu unterstützen, in eine neue und nachhaltige Lernkultur einzusteigen und so die alten Arten und Weisen des Lehrens und Lernens sein zulassen. Wir haben nie den Unterricht im Fokus gehabt, sondern die Orte in Schulen, in denen es stark um Projektarbeit geht. Da, wo Schüler:innen auch ohne Noten anfangen, sich Dinge zu erschließen und wo sie selbst tätig werden: Schüler:innenbeteiligung ist ein ganz wichtiges Thema bei uns, aber auch das Unterbringen wichtiger gesellschaftspolitischer Themen, wie Klimaschutz, Klimawandel oder Nachhaltigkeit.

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ALLE ILLUSTRATIONEN: @tarantrullart

Was ist die Generationen Challenge genau und wie ist die Idee dazu entstanden?
Silke: Vor ungefähr vier Jahren sind wir auf das Thema Generationsgerechtigkeit gestoßen. Wir haben dann überlegt, ob wir nicht ein bisschen aus dem Setting „Schule“ rausgehen und mehr in den kommunalen Raum gehen, um zu gucken, wie es gelingen kann, jüngere und ältere Menschen zusammenzubringen. Wir haben sofort gemerkt, dass es eine große Distanz zwischen den Generationen gibt, die immer weiter auseinandergeht und das Mindeste, was man da anbieten muss, ist die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Damals hat uns die Story „Ring your Granny“im Jahr 2015 in Irland inspiriert. Dort gab es immer wieder den Versuch, die gleichgeschlechtliche Ehe zu ermöglichen. Das Referendum wurde aber immer wieder abgeschmettert. Studierende des Trinity College in Dublin fingen dann damit an, ihre Tanten, Onkels, Omas und Opas anzurufen und ihnen zu erklären, warum für sie als jüngere Generation die gleichgeschlechtliche Ehe wichtig sei. Daraufhin ist das Referendum nach ca. elf Versuchen durchgegangen. Ich finde die Geschichte so toll, weil sie zeigt, dass durch Gespräche Politik gemacht werden kann. Das war ein Auslöser und wir haben dann angefangen, dieses Konzept von Generation und Gespräch zu entwickeln und das mit der Bundeszentrale für politische Bildung umzusetzen. Durch einen weiteren großen Förderer konnten wir das dann realisieren, auch während Corona und dieses Jahr machen wir nun unsere zweite Generationen Challenge.

Worum wird es dieses Jahr in der Generationen Challenge genau gehen?
Silke: Im Verlauf von Generationen im Gespräch haben wir gemerkt, dass es in unseren Kommunen immer sehr anregend war, wenn wir Generationen-Manifeste geschrieben haben. Die Teilnehmenden haben aufgeschrieben, was sie machen wollen, worum es gehen soll, welche Probleme sie lösen wollen und wie man anbahnende gesellschaftliche Verwerfungen erkennen kann, wenn die Generationen nicht mehr miteinander sprechen oder sich nicht begegnen. Dies ist nun ein zentraler Aspekt der Generationen Challenge. So haben wir einen politischen Aspekt mit drin, d. h. wir müssen auch die Stimmen der „Betroffenen“ so aufbauen, dass wir sie an die Politik spielen können. Das Ziel ist es, eine Art Forderungspapier insbesondere für die neuen Parlamentarier:innen zu verfassen. Und das ist, im Gegensatz zu letztem Jahr, ein qualitativer Unterschied.

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Eigendynamik und Sachen werden aufgeworfen, an die ihr vorher gar nicht so wirklich gedacht habt?
Yannes Kiefer: Was die Themenauswahl angeht, haben wir Klima, Migration, Antirassismus, Vielfalt, Kultur, Bildung, politische Teilhabe und Gesundheit: Das sind die Themen, die für junge Menschen am wichtigsten sind. Deshalb haben wir versucht, Leute einzuladen, die darüber sprechen und Impulse geben können. Was sich aber daraus entwickelt und in welche Richtung die Forderung des Manifests geht, das ist dann stark davon abhängig, welche Prioritäten die Teilnehmenden setzen. Es ist ein absolut offener Prozess. Wir machen Themen auf, aber wir diktieren sie nicht. Es geht viel darum, einen Raum zu schaffen, um in dieser Distanz, die zwischen den Generationen herrscht, Gemeinsamkeiten zu entdecken oder Unterschiede zu explorieren; es ist als Lösungsansatz gedacht.

Silke: Das Motto ist entstanden, als wir uns überlegt haben, wie wir vor allem die junge Generation ansprechen können. Denn die sind, und das zeigen auch die Studien, besonders wegen Corona durch viele Netze gefallen. Es gibt inzwischen Einigkeit darüber, dass die Stimmen der Jugendlichen überhaupt nicht mehr gehört wurden, weil man sich nur um die Älteren gekümmert hat. Sie haben so viel mitgemacht und tatsächlich Rücksicht genommen – auch in dem katastrophalen Bildungsbereich, in dem sich auch keiner um die jungen Menschen gekümmert hat. Das war unsere Motivation zu sagen, vielleicht können wir da ein Angebot machen. Mit „Sprecht es an“, wollen wir den jungen Menschen wieder eine Stimme geben.

Wenn Generationen aufeinanderprallen, dann entstehen auch häufig Konflikte. Wodurch bilden sie sich und wie werden sie gelöst?
Silke: Wir haben viele Moderator:innen, weil jemand von außen oftmals andere Lösungsmöglichkeiten aufzeigen muss. Das erleichtert in der Regel alle, denn keiner hat Lust, die Rolle des:der Beschuldigten einzunehmen. Im Moment braucht es dafür auch noch eine Moderation, weil das oft ein eingefleischter Habitus ist, der, wie ich glaube, bei den Älteren vielleicht stärker ist. Häufig machen sie eine Einteilung in richtig und falsch. Bei den Jüngeren ist eher das Argument: „Wenn ich das mit mir verbinde und diese Meinung teile, dann muss ich das auch 100-prozentig vertreten, wodurch ich auch viele Sachen ausschließen muss.“ So etwas löst sich möglicherweise über Geschichten oder über Fragen auf, wie beispielsweise, was schlussendlich überhaupt das Richtige ist.

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Yannes: Zudem werden die Themen, um die es dort geht, schnell persönlich und somit identitätsbezogen. Wenn man diese Themen dann auch so betrachtet, dann kann jeder Punkt, an dem jemand etwas anders sieht wie ein persönlicher Angriff wirken. Davon muss sich aber auch ein stückweit gelöst werden, weil sonst viele Emotionen hochkommen, wodurch es schwierig wird, sich zu unterhalten.

Abgesehen von dem politischen Aspekt und dem Manifest, was ist noch toll an der Generationen Challenge?
Yannes: Was wirklich toll ist, ist die interaktive Gestaltung und das Zusammenbringen der Leute, die sich sonst nicht treffen würden. Was dann fast immer passiert, ist, dass die Teilnehmenden auch über die anderen überrascht sind: Anfänglich sind die Leute, ob jung oder alt, immer etwas kritisch, vielleicht wegen Erfahrungen, die beide in ihrem Alltag gemacht haben und sich Themen so häufig an Themen entzünden. Außerdem ist das auch eine gute Chance für jüngere Menschen, sich nicht nur mit älteren Menschen aus dem näheren Umfeld auszutauschen, sondern auch mit anderen, die Interesse haben. Es ist spannend, welche Gemeinsamkeiten man entdecken und welche Forderungen man zusammen entwickeln kann. Deswegen ist es wichtig, dass sich vielfältige, laute, interessierte junge Menschen anmelden.

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Was erwartet die Teilnehmenden in dem Programm und wie wird die Generationen Challenge über Zoom genau ablaufen?
Yannes: Das Programm wird am 24.11. und 25.11.2021 digital über Zoom stattfinden, jeweils von 15 bis 18 Uhr. Es wechselt zwischen unterschiedlichen interaktiven Formaten, Vorträgen und Impulsen ab. Wir werden Gruppen von Teilnehmenden bilden, die wechseln können in den zwei Tagen. Zwischendrin werden wir auch Fragen einwerfen, Impulse reingeben, usw. Die kurzen Vorträge werden eingeladene Expert:innen zu gesellschaftspolitischen Themen geben. Am Ende ist das Ziel, dass jede Gruppe eine Forderung formuliert, die in der letzten Stunde am zweiten Tag auch mit Abgeordneten des neuen Deutschen Bundestages besprochen werden können. Wir haben dazu Politiker:innen aller demokratischen Parteien angefragt und Jakob Blankenburg (SPD), Maximilian Funke-Kaiser (FDP) und Gesine Lötzsch (Die Linke) haben bisher fest zugesagt.

Vielen Dank für das Interview.

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Du bist zwischen 16 und 28 Jahren oder 60+? Du arbeitest für eine Organisation, Institution oder ein Unternehmen, das sich mit demografischer Entwicklung beschäftigt? Dann registriere dich online über die Homepage der Generationen Challenge. Nimm am 24. bis 25.11 von jeweils 15 bis 18 Uhr an der Online-Veranstaltung teil und sprich an, was dir wichtig ist!

Hier kannst du dich anmelden: www.generationen-challenge.de
Die Teilnahme ist nur nach vorheriger Online-Registrierung möglich.

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