Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen von sexuell übertragbaren Krankheiten.

Ich treffe M. in einem Hamburger Park nah an der Schanze. Wir sitzen auf einer Bank, schauen in den Park und nippen an unseren Kaffees.

M. gehört zu den weltweit 500 Millionen Menschen, die an Genitalherpes leiden. In Deutschland sind 10-15 Prozent von Genitalherpes betroffen, damit zählt die Krankheit zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten in unserer Gesellschaft und wird typischerweise durch den Herpes-Virus Typ 2 ausgelöst. Dieser ist verwandt mit dem Herpes-Virus Typ 1, also mit dem, der für lästigen Lippenherpes verantwortlich ist. 

Trotzdem wusste ich vor der Recherche zu diesem Thema nicht viel. Auch M. wusste nicht viel darüber, bis das Virus bei ihr zum ersten Mal ausbrach. Im Gespräch erzählt sie mir, was Genitalherpes ist, wie sich ein erster Ausbruch anfühlt, wie sie selbst sich damit fühlte, wie sie lernte, mit der Krankheit umzugehen und welche Tipps sie für andere Betroffene hat.

DIEVERPEILTE: Wie lange bist du schon an Genitalherpes erkrankt?
M.: Meinen ersten Ausbruch hatte ich vor drei Jahren im Ausland. Ich war wegen meines Studiums in Australien. Aber wann ich mich infiziert habe, kann ich nicht sagen. Nicht bei jedem Menschen, der Herpes-Viren in sich trägt, bricht die Krankheit sofort aus. Der erste Ausbruch kann Wochen, Monate oder Jahre nach der eigentlichen Infektion auftreten. Das nennt man dann Schläferviren. Ich kann deswegen auch nicht sagen, wer mich angesteckt hat.

Wie hat sich dein erster Ausbruch angefühlt? Kannst du uns die Symptome beschreiben?
Wir waren damals auf einem Rave, hatten getrunken und lange gefeiert. Zuhause wurde mir warm und ich dachte, das wären die Nachwirkungen der Party. Leider wurde es nur nicht besser, sondern immer schlimmer und plötzlich taten mir die Gelenke weh. Ich wusste gar nicht, was mit mir passiert. Es war richtig krass. Dazu hatte ich auch plötzlich einen starken Ausfluss, was ich aber anfangs nicht in Verbindung miteinander gebracht habe. Noch am selben Tag habe ich einen starken Ausschlag im ganzen Genitalbereich bekommen. Da wusste ich, es stimmt etwas ganz und gar nicht.

Tat der Ausschlag weh?
Es war die Hölle. Diese Schmerzen wünsche ich nicht meinem schlimmsten Feind. Ich konnte nicht laufen, nicht liegen und nicht auf Toilette. Ich konnte nichts mehr tun und lag nur noch in meinem Zimmer, in meinem eigenen Sumpf und vegetierte vor mich hin.

Was hast du dann gemacht? Bist du zum Arzt?
Ja, bin ich, ich brauchte Hilfe. In Australien konnte ich aber nicht sofort zum Frauenarzt wie in Deutschland, sondern musste zuerst zum Allgemeinmediziner. Das war etwas unangenehm.

Warum war es unangenehm?
Auf der einen Seite war da die leichte Sprachbarriere und auf der anderen Seite war es nicht meine gewohnte Frauenärztin und natürlich schämte ich mich auch!

Konnte dir der Arzt trotzdem helfen?
Ja. Es wurde ein Abstrich gemacht, ich bekam ein Medikament und durfte wieder gehen. Ein paar Tage später teilte er mir dann mit, dass ich Genitalherpes habe. Die Medikamente, die ich bekommen hatte, waren dagegen wirkungslos. Ich bekam dann die richtigen Medikamente und ungefähr zwei Wochen nach dem Ausbruch waren alle Symptome abgeheilt. Aber diese zwei Wochen waren verdammt schmerzvoll.

Du meintest eben, du hättest dich geschämt. Wie hast du dich in dieser Situation insgesamt gefühlt? Wie bist du anfangs mit der Diagnose umgegangen?
Ich hatte totale Angst und das Gefühl, dass mein Leben nie wieder normal sein würde. Ich habe mich dreckig gefühlt und mich erst mal eingeschlossen. Nach fünf Tagen habe ich das Zimmer zum ersten Mal wieder richtig verlassen. Ich musste klarkommen, für mich sein. Denn Genitalherpes ist nicht heilbar, das ist nicht wie eine Erkältung, die wieder verschwindet. Ich musste akzeptieren, dass da etwas in mir ist, was mich krank machen kann. Ich fühlte mich nicht gesund, auch wenn die Symptome verschwanden. 

Wurden diese Gedanken nach dem ersten Ausbruch schlimmer oder hast du schnell einen Weg gefunden, damit umzugehen?
Sie wurden definitiv schlimmer. Viel schlimmer. Es war der absolute Horror. In der Zeit ist auch meine Großmutter verstorben, ich war im Ausland und dann noch die Diagnose. Zum Glück hatte ich eine gute Freundin in meiner WG, ohne die hätte ich das sicherlich nicht gepackt. Diese Scham und mein eigener Selbstekel haben mich fertiggemacht. Ich habe mich fertiggemacht.

Hast du dich deiner Mitbewohnerin anvertraut?
Ich musste, denn ich hatte das Gefühl, ich wäre extrem alleine mit allem. Ich musste mit jemandem darüber sprechen. Meinen Eltern habe ich es auch am Telefon mitgeteilt. Es tat gut, darüber zu reden. Klar, der Arzt klärt einen auf, aber da bleiben viele Fragen, viel Bedarf zum Reden und verdammt viele Gedanken.

Hast du dich danach noch mal informiert? Und wenn ja, wie?
Ich habe viel gegoogelt, aber bitte macht das nicht, das hat meine Ängste nur noch mehr geschürt. Wenn du liest, dass diese Krankheit bei der Geburt auf das Kind übertragen werden kann, dann ist das nur niederschmetternd. Allgemein fand ich wenige Aussagen von Betroffenen, nur Informationen.

Deswegen ist es umso toller, dass du heute deine Erfahrungen mit uns teilst. Wie ging es für dich weiter nach dem ersten Ausbruch, hattest du weitere?
Danke, finde ich auch. Zu der Frage: Im ersten Jahr häufen sich die Ausbrüche bei den Betroffenen. Im Schnitt sind es vier Ausbrüche, bei mir waren es mehr. In Deutschland musste ich noch mal zu meinem Frauenarzt und bekam einen Viralhemmer verschrieben. Das ist ein Medikament, das die Vermehrung der Viren blockiert, sie aber nicht vernichtet. Die Herpes-Viren nisten sich im Rückenmark der unteren Wirbelsäule ein und bleiben dort. Bevor der Genitalherpes ausbricht, wandern die Viren aus dem Rückenmark in den Genitalbereich und lösen die typischen Symptome wie Ausschlag, Schmerzen oder Jucken aus. Die Auslöser für einen Herpes sind noch nicht ausreichend erforscht, aber Stress spielt wohl eine wichtige Rolle, ebenso die Verfassung des Immunsystems.

Wie bist du mit weiteren Ausbrüchen umgegangen? 
Ich habe mich genauso zurückgezogen wie beim ersten Ausbruch. Ich habe mit niemanden aus meinem Freundeskreis geredet. Wenn ich einen Ausbruch hatte und etwas anstand wie Party, Feier oder ein Treffen, dann habe ich abgesagt und behauptet, ich hätte Migräne. Ich konnte mich nicht öffnen, weil ich das Gefühl hatte, für alle anderen wäre es ein unangenehmes Thema. Mir war es ja selbst unangenehm.

Gehst du heute mit deiner Erkrankung anders um?
Ja, und das ist auch gut so. Ich konnte mich irgendwann nicht mehr verstecken, habe meine eigene Isolation nicht ausgehalten. Also habe ich mich guten Freund:innen anvertraut und mit ihnen geredet. Nach einer Weile stellte sich raus, dass auch andere betroffen waren oder Betroffene kannten. So fand ich Verbündete, die meine Situation teilten oder nachvollziehen konnten. Ich habe mich mit meinen Freund:innen ausgetauscht und Unterstützung gefunden. Denn Genitalherpes ist weiter verbreitet als viele denken.

Deswegen ist der Schutz davor umso wichtiger. Wie sprichst du das Thema gegenüber potenziellen Sexualpartner:innen an?
Akut ansteckend sind Betroffene nur, wenn es einen aktuellen Ausbruch gibt. Allerdings können sich auch Herpes-Viren auf den Schleimhäuten befinden, wenn kein Ausbruch vorliegt. Deswegen sollten beim Sex Kondome benutzt werden. Ich tue das immer, auch um mich vor anderen Krankheiten oder einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen. Es wäre verantwortungslos, das nicht zu tun. Und eine Straftat, wenn ich das Virus wissentlich weitergebe. Das heißt, ich könnte deswegen wegen Körperverletzung angezeigt werden. Wenn ich in einer Beziehung bin, spreche ich mit meinem Partner über die Krankheit und erkläre meine Situation. Bei einem One-Night-Stand würde ich das vielleicht nicht machen und einfach für einen sicheren Sex sorgen.

Hast du abschließend noch einen Rat, den du Betroffenen geben möchtest?
Redet mit Freund:innen oder Familie, ihr seid nicht alleine. Es gibt in Großstädten auch Beratungsangebote für Betroffene von sexuell übertragbaren Krankheiten. Auch da können Betroffene Hilfe finden. Und achtet auf euch und euren Körper. Eine Herpes-Erkrankung bedeutet immer Stress und eine zusätzliche Belastung. Tretet vielleicht etwas kürzer, wenn ihr könnt.

Danke für das Gespräch und deine Offenheit.

Noch Fragen?
Hier bekommst du Hilfe.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Collage: Teresa Vollmuth

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