»Direkt daneeeeben! Und du kannst mir nicht erzählen, dass du das nicht gesehen hast..! Das hast du doch, oder etwa nicht?«, hält #A mir vor.
Mein Kopf sollte bei dieser Lautstärke blitzartig herumschnellen.

Tut er nicht. Der Kopf. Ich bin das schon gewohnt.
Dass etwas auf dem Mosaikparkett zersplittert, registriere ich.
Schockt mich keineswegs mehr.

»Dachtest du, dass ich das nicht merke?« Auch das ist eher eine rhetorische Frage. Auf die muss ich nicht antworten. Dazu ist gar keine Zeit.

»Jetzt gib es doch endlich zu!« #A rastet wieder völlig aus. Wegen.. Egal warum. Ich schalte auf Durchzug. Weil ich es kann.

»Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann.. würdest du mehr investieren.«
Diese Worte schäumen vor bitterer Intensität.

Investition: Liebe. Für mich.. eine Ungleichung.
Ich frage mich, was diese beiden Worte in einem Satz zu suchen haben.

»Ja, mein Schatz. Du hast recht..«, entgegne ich und blicke starr geradeaus. Gefasst. Genervt. Resigniert. Gefeit. Vielleicht sogar abgeklärt..?

Zu Beginn fast jeder innigen Beziehung scheint ein Orkan aus Endorphinen mein Gehirn zu fluten.
Es ist ein Rausch, der unbewusst wahrgenommen, einer haltlosen Drogeneskapade gleicht.

Ungeachtet dessen, dass dieser Zustand – hervorgerufen durch biochemische Prozesse – zu einer exzessiven sowie völlig illusorischen Wahrnehmung der tatsächlichen Realität führt, entspricht diese Verfassung – einmal etabliert und für gut befunden – meiner idealen Grundidee von..

Leben.

Dem Leben eines Junkies.
Gefühle sind Gefühle. Nicht mehr. Nicht weniger. Echt.

Genauso komme ich nicht umhin, die teils nach Monaten teils nach Jahren einsetzende Ebbe besagter Hormontsunamis zuzugeben beziehungsweise zu leugnen. Dieser Ebbe ihre Existenz abzusprechen, wäre schlicht und ergreifend ungerecht. Nicht, dass ich nicht wüsste, warum das geschieht. Rein biologisch gesehen. Eventuell hat Yin auch nur sein Yang eingefangen. Oder vielleicht handelt es sich einfach um die schleichende Entschleunigung der vorangegangenen Irrsinnsexplosion, die mein Sein längerfristig vereinnahmte.

Vielleicht nicht..

Dennoch.. Die paradoxe Nüchternheit, zu der mich mein reflektiertes Bewusstsein manchmal zwingt, gleicht einem fairen Faustschlag mitten in die zuvor zwitschernd tirilierende Vogelschar.

Gründe für die irreversible Getrenntheit zu einer vormals wichtigen Person gibt es unzählige.

Fehlender Respekt. Mangel an Selbstliebe. Kommunikation ohne Augenhöhe. Physische Gewalt. Psycho-Attacken. Unreflektierte Ego-Re-Aktionen. Ignoranz. Falsch verstandene Sicherheit. Verzweifelte Ausweglosigkeit. Undefinierbare Angst. Unüberbrückbare Differenzen. Traumatische Muster. Unterschiedliche Perspektiven. Maßgeblich nicht mehr zu synchronisierende neurobiologische Systemstrukturen.

Es ist eine Farce.. echt.

Lächerlich nichtig im Kontext zum Weltgeschehen. Doch..
Ist nicht alles irgendwie miteinander verbunden?

Wir alle..
Wie bewusst oder unbewusst auch immer wir das wahrnehmen.

Unabhängig von den Ursachen, die auf der persönlichen Ebene zu diesem ernüchternden Gefühl führen, fühlt sich diese Ebbe brutal bis leer an. Nehme ich in Kauf, ungeschönt darüber nachzudenken, ist diese Verfassung vergleichbar mit dem sich in die Unendlichkeit ausbreitenden Nichts aus Michael Endes monumentalem Epos, dem nur die Kindliche Kaiserin Einhalt gebieten kann. Und wenn sie nicht kommt..

Dann bin ich hin..

Durchgeschnitten. Abgestoßen. Weggerissen. Nie vereint. Unzusammenhängend. Geteilt. Zerfetzt. Abgetrennt. Für immer gebrochen.

Ich befinde mich im Sturm.
Zu jeder Bewegung unfähig..

Doch wenn meine kindliche Kaiserin irgendwann kommt. Strahlend und kraftvoll. Um mich so charismatisch wie überzeugend aus meiner Melancholie zu reißen. Dann – holla, die Waldfee – switcht mein eigener Standpunkt von der Frosch- zur Vogelperspektive. Und siehe da..

Ich bin überzeugt..
Meine Fesseln zu sprengen. Den Sprung zu wagen. Und frei zu sein.

Was, wenn alles relativ ist..?
Sogar der Grund, für den du dich entscheidest, dir endlich selbst die nächste Tür zu öffnen..

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: @ansgars_tattoos

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