Liebes Tagebuch,

ich möchte über Scham reden, mit dir. Weil ich mich sonst nicht traue, darüber zu sprechen. Ich glaube, es ist etwas Normales, was jeder Mensch hat, der menstruiert. Also das, was zwischen der Periode liegt. Ausfluss. Die weiße Flüssigkeit, die aus meiner Vagina kommt. Ein bisschen schleimig und klebrig, wenn man sie zwischen die Finger nimmt. Sie ist immer in meiner Unterhose, jeden Tag und dann trocknet sie darin und hinterlässt weiße Spuren. An sich okay. Aber ich habe so Angst, dass P sich ekelt, wenn ich bei ihm bin. Also, wenn er mich auszieht und dann dieses Zeug in meiner Unterhose sieht. Ich schäme mich dafür und ich habe Angst, dass er das unhygienisch findet. Das ist so schlimm, dass ich jeden Tag eine Slipeinlage trage. Wie ein Schutzschild vor…meinem eigenen Schmutz. Wenn ich weiß, dass ich zu P gehe, mache ich morgens eine rein. Und wenn ich später bei ihm bin, dann verschwinde ich schnell auf Toilette und mache sie raus. Ich wickele sie sorgfältig in Klopapier ein und stecke sie im Mülleimer zwischen leeren Klopapierrollen. Es ist ein Versteckspiel meiner eigenen Weiblichkeit, aber meine Unterhose ist sauber, weißt du? Und wenn wir uns ausziehen und Sex haben, dann bin ich beruhigt. Weil meine Vagina auch sauber ist. Auf der anderen Seite denk ich mir, wenn ich feucht bin, ist das nicht die gleiche Flüssigkeit? Und wenn er mich oral befriedigt, hat er nicht genau das an seiner Zunge? Und da ist es ja auch nichts Schlimmes. Trotzdem traue ich mich nicht, es ihm zu zeigen. Was ist, wenn er es unseren Freunden erzählt und sie über mich lachen? Oder er mich nicht mehr anfassen will. Nicht mal Mama will ich fragen. Vor ihr verstecke ich die Unterhosen auch. Lege sie mit der Innenseite nach unten, dass sie es beim Waschen nicht sieht.
Kannst du mir helfen?

Schlaf gut,
Paula

Tagebuch 1
Bild: Paula Schür

So oder so ähnlich hätte ein Tagebucheintrag meines 16-jährigen Ichs klingen können. Beschämt über den eigenen Körper. Unsicher und unwissend und nicht bereit, mich zu öffnen, aus Angst vor Zurückweisung und ausgelacht zu werden. Es ist, als war mein Ausfluss ein Teil meiner „weiblichen Verletzlichkeit“. Etwas, wofür man mich hätte erniedrigen können. Unsinn. Aber das war mir damals nicht klar.

Ausfluss ist eine natürliche Ausscheidung eines jeden Körpers, der menstruiert. In erster Linie ein Schutzschild vor Bakterien und Keimen. Die finden nämlich keinen Zugang, solange die Scheidenflora, so sagt man, im Lot ist. Flora ist ein schöner Name, finde ich. Wie die römische Göttin der Blüte.

Außerdem ist das weiße Zauberzeug das erste Zeichen der Geschlechtsreife – noch vor der ersten Periode. Wenn man so darüber denkt, entsteht ein ganz neues und liebenswertes Gemälde zwischen unseren Beinen. Nicht zu vergessen ist Ausfluss auch das, was die Vagina feucht hält. Und sind wir mal ehrlich: Sex, ohne feucht zu sein … Aua.

Was ist also mein Problem mit meiner eigenen Ausscheidung? Am meisten stört mich, dass niemand darüber redet. Dass das Thema keinen oder kaum Anklang findet, weder unter Freund:innen, noch in der Werbebranche oder dort, wo wir alles lernen, außer mit uns selbst umzugehen – in der Schule. Ich hätte mir damals ein Safe Space gewünscht, das mir anbietet, über Körperlichkeiten zu reden. Und zwar nicht im wissenschaftlichen Sinne. Biologieunterricht hin oder her, ein seriöser Umgang unter den Schüler:innen und intimer Austausch in kleinen Gruppen hat nicht wirklich stattgefunden. Stattdessen wurden alle mit dem Gelernten in die nächste Stunde geschickt und man kicherte noch ein wenig darüber. Die unterschwellige Unsicherheit aller Jugendlichen wurde nicht tiefer hinterfragt.

Ich hätte mir mehr Empowerment und Ehrlichkeit gewünscht. Auch von der Werbebranche. Schmutzige Höschen mit Ausfluss und rotem Periodenblut. Aber auch mehr Diversität. Denn während ich als Cis-Frau nur mit meinem Ausfluss struggle, gibt es Menschen, die sich nicht mit diesen als weiblich interpretierten Körpermerkmalen identifizieren oder deren äußeres Erscheinungsbild nicht mit den heteronormativen Schubladen des Patriarchats übereinstimmt. In den Werbeclips, ja, da gibt es nur weiße glückliche Frauen*, die immer saubere und trockene Unterhosen haben werden, dank parfümierten Slipeinlagen und Intimsprays. Der Kapitalismus nutzt die Ängste und Tabus der Gesellschaft schamlos für seine Produkte aus, während wir uns weiterschämen und zugreifen.

Heute bin ich schlauer und weiß, dass meine Vagina sich mit ihrer Superpower selbst schützt, wenn ich sie sorgsam behandle und ein paar Regeln beachte. Den Begriff „unhygienisch“ können wir über Bord werfen. Viel besser sind Stolz und Zufriedenheit über ihre Selbstständigkeit. Und wenn es unserer Flora nicht gut geht, dann hören wir zu und helfen ihr. Am wichtigsten ist: Es gibt verdammt viele Vaginen auf diesem Planeten. Und alle haben Ausfluss. Wie wäre es also, wenn wir die Scham endlich beiseitelegen?

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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