Mein Name ist Sade Rebecca Kadzo Kaingu und ich wurde im Jahr 2000 in Würzburg geboren. Heute bin ich 22 Jahre alt und seit ich mich zurückerinnern kann, sind meine Eltern geschieden. In meiner Kindheit wohnte ich mit meiner alleinerziehenden Mutter in einem 700-Seelen-Dorf im Süden Deutschlands. Genauer gesagt, im ersten Stock des Elternhauses meines Opas, – dem Vater meiner Mutter. Mein Onkel hatte seine Wohnung direkt über uns. Jedes zweite Wochenende verbrachte ich mit meinen beiden Cousins, die unter der Woche bei ihrer Mutter waren und auch dort zur Schule gingen.

Bei meiner Oma stand täglich um 12 Uhr ein frisch gekochtes Mittagessen auf dem Tisch: Meist gab es frisches Gemüse und Fleisch aus der eigenen kleinen Hobby-Landwirtschaft meines Opas. Das Christentum – in unserem Fall die katholische Kirche, – spielte immer eine zentrale Rolle, sowohl im Dorfalltag als auch in den Köpfen der Menschen, die mich umgaben. Taufe, Kommunion und anschließende Firmung gehören zum Erwachsenwerden dazu. Die Leute ministrieren, gehen mindestens zu den Pflicht-Terminen an Ostern, Pfingsten und Weihnachten in die Kirche. Die Kinder sind Mitglieder in den örtlichen Musik- oder Sportvereinen. In meinem Fall Letzteres.

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Mein Vater zu Besuch bei meinen Großeltern, Herbst 2008

Meinen Papa sah ich unregelmäßig, nämlich immer dann, wenn meine Oma mich zwang, ihn zu besuchen. Damals war das kein erfreuliches Ereignis für mich. Er kam mir vor wie ein Fremder und sein Lebensstil noch mehr, da er einer Freikirche angehörte, die es bei uns zu Hause damals nicht gab. 2011 verließ er Deutschland und kam seitdem nicht mehr zurück. 

Ich erinnere mich genau: Als ich zwölf werde, zieht meine Mutter mit mir nach Dettelbach, dem nächstgrößeren Ort vor Würzburg. Dort verbringe ich meine Jugend. Außer dass unser neuer Wohnort ländlich gelegen ist, hat mein neues Leben nur noch sehr wenig mit dem Alltag zu tun, den ich bis dahin gewohnt war. Wir gehen im Supermarkt einkaufen, es gibt keine Kirche und ich habe neue Freunde, die anstatt in der nächsten Straße in der nächsten Kleinstadt leben. Frei von den kirchlichen Diensten verbringe ich meine Zeit stattdessen mit Motorradfahren und dem Erkunden genau der Dinge, die ich lieber lassen sollte: Gras und Alkohol. Trotz einiger Ausreißer bestehe ich mein Abitur und verlasse noch im gleichen Jahr die Wohnung meiner Mom.

Es ist 2019. Ich ziehe nach Würzburg, um Journalistin zu werden und studiere dafür Anglistik im Hauptfach, Political and Social Studies im Nebenfach. BAföG, die Pension meines Großvaters und ein Nebenjob ermöglichen mir ein angenehmes Leben. Das ist so nicht unbedingt garantiert gewesen.  

Schon seit ich denken kann, ist meine Hautfarbe mehr oder weniger ein Thema in meinem Leben. Ich selbst habe mir eigentlich keine großen Gedanken darüber gemacht. Doch seit meiner Kindergartenzeit hörte ich schon ab und zu Kommentare wie ,,Hast du in die Steckdose gelangt?‘‘, da meine Haare eben auch im Mozartzopf anders aussehen als die meiner Freundinnen. Ich bin mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet und beantworte solche Fragen mit einem gekonnten Seitenhieb. In der Pubertät allerdings kommen meine eigenen, weitaus intimeren Fragen hinzu: Wer bin ich eigentlich? Was macht meine Identität aus? Mit welchem kulturellen Bild werde ich ständig verglichen, welches ich doch gar nicht kenne?

Da ich weder den Dialekt noch die Sprache meines Vaters beherrsche, noch keinen Fuß in seine Heimat, die Ostküste Kenias, gesetzt habe und ihn auch so gut wie nie sah, ist meine Kultur und damit auch meine Identität deutsch geprägt. Dessen bin ich mir bewusst, mein Gegenüber ist es sich allerdings nicht. Er oder sie nimmt, zumindest kulturell gesehen, als Erstes meine Hautfarbe wahr. Für etwas gehasst oder gefeiert zu werden, das man nicht kennt und überhaupt nicht quantifizieren kann, ist anstrengend. Es ist so anstrengend für mich, dass ich damit total überfordert bin und in eine depressive Episode gerate – kurz vor meinem Abitur.

Mithilfe einer Therapie arbeite ich seit diesem Zeitpunkt meine Kindheit auf und lerne, was das Leben als schwarzes Kind einer weißen alleinerziehenden Mutter mit mir gemacht hat. Dies ist zwar recht aufschlussreich und hilft mir ungemein, ein großer Teil meiner Fragen bleibt allerdings offen. Fragen, die mir meine Therapeutin nicht beantworten kann. Fragen, die auch meine Mutter oder Google mir nicht beantworten können: Wer ist meine Familie? Wer bin ich? Und vor allem, was macht diese Kultur aus, von der die Deutschen doch ein noch sehr veraltetes Bild haben? 

Um all diese Fragen zu beantworten, fliege ich im März 2021 nach Kenia. Ich besuche für einen ganzen Monat meine Familie und weiß nicht, was mich erwartet. Meinen Vater nach elf Jahren wiederzusehen, seine neue Familie – seine Frau und meine einjährige Halbschwester – kennenzulernen und einen Monat in einer für mich fremden Kultur zu verbringen, löst in mir ein mulmiges Gefühl aus. Meine Selbstsicherheit und die lockere Art weichen mit jedem Kilometer, den ich näher an den Frankfurter Flughafen komme. Ich denke darüber nach, dass sich mein Leben – an einem gewöhnlichen Mittwoch – über Nacht schlagartig ändern wird. Dem Teil meines Ichs, den ich bis jetzt entweder versteckt, mich dafür geschämt oder ihn verdrängt habe, trete ich am nächsten Tag – ein Donnerstag, etwa um die Mittagszeit – als ich am Flughafen in Mombasa ankomme, entgegen. Ohne Triggerwarnung. 

Zu meiner Überraschung gibt es viel mehr Überschneidungspunkte mit meiner deutschen Kultur, als ich zunächst dachte. Vor allem in Bezug auf die Familie kann ich fast keine Unterschiede, bis auf die Größe, feststellen. Familie hat hier die höchste Priorität, man glaubt an Gott und feiert ein Fest, wenn die Verwandten zu Besuch kommen. Was nicht unbedingt im Supermarkt gekauft werden muss, wird entweder selbst angebaut oder geschlachtet. Die Ältesten werden respektiert, die Frauen sind für das Essen zuständig und die Tradition wird erhalten. Man huldigt die Vorfahren, indem man das Grab besucht und so tut, als wüsste man, von wem der Onkel spricht beziehungsweise wer da unter der Erde liegt. In meinem Fall ist es meine Namensgeberin Rebecca, die Mutter meines Vaters.

Das ländliche Leben ist zwar einfach, aber sorgenfreier als das in der Stadt. Die Uhr tickt dort nur so schnell, wie die Natur es vorgibt. Wenn die Sonne unter geht, ist das Licht aus und die Arbeit ist verrichtet. Stress findet man dort nur im Duden, nicht in den Köpfen der Menschen.

Doch trotz des Staatsmottos Hakuna Matata, was so viel bedeutet wie „Alles ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen“, gibt es Probleme.

Die Emanzipation der Frau, die es mir ermöglicht, meinem Traum nachzugehen und Journalistin zu werden, ist dort weitaus rückschrittlicher als in Deutschland. Es gibt die Möglichkeit, da raus zu kommen, aber wie überall, nur mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche. In Deutschland kann ich nicht nur davon träumen, Journalistin zu werden, ich kann meinen Traum auch verwirklichen, solange ich hart genug dafür arbeite. Einfach nach Berlin fahren und mich mit gleichgesinnten Individuen treffen, die mir helfen, mein Ziel zu verwirklichen? Die BahnCard 50 regelt das. Solche Möglichkeiten gibt es für junge Menschen in Kenia nicht. Da Arbeitsplätze kaum vorhanden sind und der Staat aufgrund von Korruption und anderen Problemen kaum für die allgemeine Bevölkerung sorgt, sind die Menschen auf sich selbst angewiesen. Der Horizont erscheint dadurch kleiner. Die Menschen dort, meine Familie als auch fremde Leute, die ich dort kennengelernt habe, träumen wenn, dann nur davon, was sie via Internet sehen können. Ein schickes Auto, hübsch eingerichtete Immobilien, die perfekte Familie und ein Haufen Geld. Individuelle Verwirklichung ist Luxus. Luxus, den dort gleichzeitig aber nicht jeder möchte. Viele der Menschen sind zufrieden damit, wie es ist. Vor allem, nachdem sie von mir erfuhren, dass das hart erarbeitete Geld der Deutschen meist gar nicht ausgegeben wird, sondern es nur darum geht, sein Leben lang Geld und Besitz zu akkumulieren, mit dem man letztendlich nicht unbedingt zufrieden ist und sich lieber ein paar Mal im Jahr einen Urlaub gönnt, um sich eine Auszeit vom perfekten Leben in Deutschland nehmen zu können.

Denn es ist eben so, wie es ist. Die Dinge zu akzeptieren – aus Gewohnheit, Faulheit oder aus dem Gefühl heraus, sowieso nichts ändern zu können –, ist genauso deutsch, wie es kenianisch ist.

Wenn also meine Verwandten mütterlicherseits auf die Probleme der Gesellschaft und unserer Zeit mit Phrasen reagieren wie ,“Naja, es is‘, wie’s is‘!“ oder  “Des ham mir scho’ seit jeher so gemacht!” dann meinen sie in etwa das Gleiche wie meine Verwandten väterlicherseits, wenn sie sagen, dass es nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, die nicht in der eigenen Macht liegen – Hakuna Matata eben.

Zu Hause dann, nachdem der erste Kälteschock überwunden ist, denke ich bei der üblichen Gassirunde mit meinem Hund Ivy über den vergangenen Monat nach – über das, was ich wohl anderen erzählen werde, von der total aufregenden Reise zu mir selbst und in meine zweite Heimat. Eigentlich, denke ich mir, war es ganz entspannt. Wie damals zu Hause in Bibergau, tief im Süden Deutschlands.

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Hinflug, Addis Abeba Flughafen, März 2022
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Mein Vater und ein Student beim Hausbau, Farm, März 2022
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Mein Opa und ich bei der Kartoffelernte in Bibergau, Herbst 2001
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Meine Cousine und ihr Freund Drew am Strand, Kilifi, März 2021
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Mein Hund Timmy und ich in Bibergau, Sommer 2008
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Meine Taufe in Bibergau, Oktober 2005
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Karte Kenia 01 1
Illustration: Laura Sistig
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Mein Onkel zeigt mir das Grab meiner Großmutter, Kaloleni, 2022
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Ein Mädchen, dass denselben Namen hat wie ich, kommt zu Besuch, um mich kennenzulernen, Kaloleni, März 2022

Weitere Arbeiten von Sade Kaingu findest du auf ihrem Instagram-Account. Du kannst ihr auch folgen.

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