An der Ampel auf dem Weg nach Hause sehe ich sie: schwarzes Kleid, pinke Haare, die Augen, der Mund und der Hals voller Blut. Sie tippt eine Nachricht in ihr Handy. Kurz habe ich den Impuls, sie zu fragen, ob ich ihr helfen kann und ob es ihr gut geht. Ich lache in meinem Kopf und denke: „Quatsch! Sie würde sonst weder stehen, gehen, noch eine Nachricht in ihr Handy tippen, wenn sie Hilfe bräuchte.“

Es ist Halloween. So ungewohnt in Deutschland, dass ich einer kostümierten Frau helfen will.

Zwei Mal habe ich es in meinem Leben gefeiert, weil mein Sohn es gerne wollte: Süßigkeiten essen und Kinder erschrecken hat mich überzeugt. Allerdings habe ich es auch mal übertrieben: Ein Kind hat so geweint, dass ich mich entschuldigen musste und es gab eine extra Portion Süßigkeiten.

Halloween ist ein irisches Fest, das wegen der Einwanderung im 19. Jahrhundert jetzt so groß in den USA gefeiert wird. Die Kelten zelebrierten an diesem Tag ihre Ernte, den Beginn der kalten Jahreszeit und den Start des neuen Jahres. Das Fest nannten sie Samhain. Ein Mythos besagt, dass sich an diesem Tag die Toten auf den Weg machten, um die Lebenden zu suchen, die im nächsten Jahr sterben sollten. Somit verkleideten sich die Menschen selbst in Gruselgestalten, um die bösen Geister davon abzuhalten. Zusätzlich stellten sie vor die Häuser kleine „treats“, um die Toten zu besänftigen, damit sie die Menschen am Leben ließen.

Ausgeschnitzte, leuchtende Kürbisse kamen hinzu durch die Geschichte des Trinkers Jack. Dieser lebte einen sehr unchristlichen Lebensstil, weshalb ihm nach seinem Tod der Weg in den Himmel verwehrt wurde. Da er aber zu Lebzeiten auch den Teufel betrog, ließ dieser ihn auch nicht in die Hölle eintreten. Luzifer gab ihm ein Stück Kohle, das er in eine ausgeschnitzte Rübe lag und anzündete. Mit dieser Laterne soll er nun als Toter in der Zwischenwelt wandeln. Da es in den USA aber nur wenig Rüben gibt, wurden sie durch Kürbisse ersetzt.

Die Ampel wird grün, ich überquere mit der blutverschmierten Zombiefrau die Straße und frage mich, ob sie zu einer Party oder zu einem Fotoshooting geht. Sie erinnert mich auf jeden Fall an die verkleideten Jecken im Rheinland, die an Fasching auch sehr selbstverständlich kostümiert durch die Straßen ziehen. In Hamburg führt das immer noch zum Kulturschock, aber wir werden langsam warm damit.

In diesem Sinne wünscht euch DIEVERPEILTE Happy Halloween!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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