Mein nervöser Blick wanderte immer wieder zurück zum linken Eingang der Straße Prosalendou. Ob sie wohl kommen wird? Ich würde sie gerne wieder treffen. Möchte, dass sie mir bei griechischem Essen erzählt, was sie alles erlebt hat, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ja, und vielleicht will auch ich ihr von meinen Erlebnissen erzählen. Von der Kommune. Der Nacht in der Natur zwischen den Olivenbäumen. Und vom Lagerfeuer am Strand. Die Leute um mich herum essen genüsslich und führen Gespräche in fremden Sprachen, die ich nicht verstehe. Das Restaurant ist gut besucht. Wie jedes Mal, wenn ich hier bin. Ich bin als Nächstes dran, einen Platz zu bekommen. Alleine. Ohne A. Ich wusste, die Chance, dass dies ein stummes Abendessen sein würde, war groß.

»You can sit here.« Ein Tisch. Ein Stuhl.

Ob ich den Kellner wohl bitten werde, einen Zweiten zu bringen?

Vor fast einer Woche habe ich A. das erste Mal gesehen. Sofia war an jenem Morgen schon vor mir aus dem Bett gekrochen und auf der Suche nach einem Café, in dem sie mit ihrem MacBook arbeiten konnte.

»Hast du ein bisschen Kleingeld für mich?«, sprach A. sie vor einem Supermarkt in Korfu Stadt zögerlich an. Anstatt ihr nur ein paar Münzen zu geben, lud Sofia sie zum Frühstück ein.

»Ich hatte eine ganz wunderbare Begegnung, von der ich dir erzählen muss«, sagte sie zu mir. Nun, einige Stunden später standen wir vorm Restaurant.

»Ich bin gespannt, ob sie kommen wird.« Sofias Blick war nach oben gerichtet und sie beobachtete den Tanz der Vögel. Und da war sie. A. kam um dasselbe Eck, dass ich jetzt hoffnungsvoll anstarrte. Ihr blondes Haar war zu einem lockeren Dutt zusammengebunden. Sie trug eine weite dunkelblaue Hose mit einem Loch unterm linken Knie. Was war wohl die Geschichte dahinter? Ihren dünnen Oberkörper hatte sie unter einer hellblau karierten Bluse versteckt. Im Vergleich zu meiner weißen Haut war ihr Teint braun gebrannt. Die Bräune suggerierte, dass sie viel Zeit im Freien verbrachte und das brachte ihre hellen Augen noch mehr zum Leuchten. Ich wollte ihr die Hand geben, doch sie faltete beide Hände nur in Gebetshaltung und verbeugte sich vor mir. Beim letzten Mal.

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Foto: Sofia

Dreizehn Minuten nach neun. Der Platz, an den mich der dicke Kellner geführt hat, war gut. Von hier aus hatte ich volle Sicht auf die Straße Prosalendou und konnte genau sehen, wer sie betrat oder verließ. Ich prüfte meine Notizen. Hatte ich mich in der Zeit getäuscht? Nein. Thursday, 9 p.m. Ich steckte mir eine Zigarette an. Blaue Winston, die Langen. Neben mir lag Jörg Fausers Rohstoff, der darum bettelte, endlich fertig gelesen zu werden. Der Kellner mit großem Bauch und noch größerem Herz brachte mir eine Karaffe Weißwein. Gratis. Hat er Mitleid mit mir? Ich war der einzige Tisch mit nur einem Stuhl.

Ich beobachtete A., wie sie aß. Nicht gierig. Nur das Wasserglas war in einem Zug weg. Sie hatte das Restaurant, in dem wir uns verabredet hatten, zwei Stunden lang gesucht. Nach zwei Stunden zu Fuß durch Korfus Hauptstadt unter Griechenlands brennender Sonne, konnte ich ihr den Durst nicht verübeln. Ich schenkte ihr nach. Und noch einmal. Kein Handy. Kein Google Maps. Alles, was sie besaß, war in dem abgegriffenen Umschlag mit dem sie gekommen war. Und eine Visitenkarte des Restaurants, indem wir gerade saßen. A. kommt aus Venedig. Sagt sie zumindest. Vor einigen Jahren hat sie auf einem Schiff ihren spirituellen Guru kennengelernt. Und sich in ihn verliebt. Wo er jetzt ist, weiß sie nicht.

»Ich habe im Gefühl, dass er in Italien ist. Deswegen bin ich auf dem Weg dorthin.« Fünf Jahre ist es her, seitdem sie sich entschlossen hat, ohne Geld auf der Straße zu leben. Studiert hat sie Englisch. Ich war neugierig und wollte mehr über ihre spirituelle Reise erfahren. So erzählte ich ihr von meiner. Wenn ich sie etwas fragte, überlegte sie lange. Antwortete nur auf die Fragen, die sie als passend empfand. Um ihren Hals trug sie einen kleinen goldenen Schlüssel. 

»Gehört der zu einem Schatz?« Sie entschied sich dazu, die Geschichte für sich zu behalten.

Der Wein war gut. Nach dem zweiten Glas spürte ich, wie sich eine angenehme Entspanntheit in meinem Körper breit machte. Was die Menschen wohl über mich denken? »Wurde sie versetzt?« Eigentlich auch egal. Es ist mein letzter Abend auf Korfu und ich hätte ihn gerne mit A. an meiner Seite genossen. Das Essen kam und mir wurde klar, dass ich es alleine zu mir nehmen würde. Doch die Hoffnung blieb genauso wie der Blick zur linken Ecke. Ein attraktives junges Paar wartete auf einen Tisch. Als sich unsere Blicke trafen, schaute ich schnell weg. Warum? War es der Wein? Der Gedanke, dass die Verliebten den Tisch mehr verdient haben, als ich? Ich erinnerte mich an eine Frau, die ich beim ersten Treffen mit A. beobachtet hatte. Sie saß schräg rechts von unserem Tisch. Alleine. Den Blick starr in ihr Buch gerichtet. Ich fand das romantisch. Jetzt saß ich fast genau so da. Romantisch fand ich es aber nicht mehr.

Nach dem Essen hat mir A. gesagt, dass sie mich liebt. Ich fand das schön und sagte ihr, dass ich sie auch liebe. Nicht auf die Art, wie sich das attraktive Pärchen liebte. Nein. Ich liebte sie einfach als Mensch. Ich wusste nicht viel von ihr. Gab ihr Essen, neue Kleidung und eine Ansichtskarte von Korfu. Vielleicht konnte sie so ihrem Guru schreiben. Doch ganz so selbstlos war das Treffen mit A. nicht. Ich hatte eine versteckte Agenda. Ich wollte sie um ihren Rat fragen. Ich erzählte ihr von meinem Schmerz, und als ich zum Ende kam, sah sie mich sehr lange an.

»Du bist wunderschön.« Solche Dinge, wie du sie eben beschrieben hast, passieren Menschen wie dir. »Aber warum?« Sie antwortete nicht mehr und wandte ihren Blick von mir ab.

Nach einer Stunde hatte ich die Hoffnung, A. doch noch zu sehen, schon fast aufgeben. Ich putzte den letzten Rest Shrimps von meinem Teller. Kippte den restlichen Wein in mich hinein und raucht eine Verdauungszigarette. Wo A. wohl gerade ist?

Sie bedankte sich und sagte, dass es ihr schwerfiel zu gehen. Wir sprachen über ihre Pläne für die kommenden Tage und ich bot ihr an, sich wieder zu treffen. Nächsten Donnerstag, 9 Uhr abends, selbes Restaurant. Vielleicht ein Versuch von mir, sie zu halten. Oder den Moment? Sie faltete wieder ihre Hände, verbeugte sich und ich sah ihr zu, wie sie um die Ecke verschwand.

A. kam an diesem Abend nicht mehr. Ich war nicht enttäuscht. Vermutlich war sie mittlerweile nicht mehr in der Stadt. Ich bezahlte die Rechnung und machte mich durch Korfus enge Gassen auf den Weg nach Hause. Musik drang aus den Bars und die Terrassen der Restaurants waren gut besucht. Ich musterte fremde Familien, Gruppen von Freunden und Paare. Alle hatten sich zurecht gemacht für einen besonderen Abend unter dem leuchtenden Mond. Auch ich. Der Himmel war sehr hoch mit all diesen glitzernden Dingern, die wir Sterne nennen. Ich beschloss eine letzte Zigarette zu rauchen und dachte darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, A. noch einmal zu sehen. Ich hatte eine besondere Begegnung mit A. und hätte mir gewünscht, sie ein weiteres Mal zu sehen. Das Erlebte zu wiederholen. Etwas bereits Vergangenes noch mal im Hier und Jetzt zu erschaffen und zu spüren.

Aber vielleicht war es genau das, was ich von A. lernen sollte: 

Schöne Dinge passieren, manchmal nur einmal. Vielleicht sollte es genau das bleiben, was es bereits war. Eine schöne Erinnerung an einem Tisch mit drei Stühlen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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