“7 Dinge, über die es Männern schwerfällt zu sprechen.” Unter diesem zugegebenermaßen etwas einfältigen Titel hätte dieser Beitrag stehen sollen. Warum er nun eine andere Überschrift trägt? Nun, zu Beginn eines jeden journalistischen Artikels folgt in der Regel zuerst die Recherche. Da nicht nur Frauen, sondern auch Männer unter den patriarchalen Strukturen leiden, wollte ich herausfinden, inwiefern sie Männer in ihrer Kommunikation einschränken. Also habe ich zum besagten Thema zwei Fragen formuliert und diese an den Großteil meiner männlichen WhatsApp-Kontakte geschickt. Einige haben die Nachrichten ignoriert. Viele jedoch geantwortet. Beides ist vollkommen ok. Nachdem ein Redakteur oder eine Redakteurin die Recherchearbeit für beendet empfindet, geht es um die Strukturierung des gesammelten Materials. So saß ich also eines Donnerstagabend in meiner neuen Bude in Wien – ready, in die tiefen Geheimnisse der Männerwelt einzutauchen. Seid ihr bereit? 

Die erste Frage, die ich meinen männlichen Kumpanen gestellt habe, war: “Gibt es etwas, worüber es dir schwerfällt zu reden? Wenn ja, was und warum?”

Bei der Formulierung dieser Frage war ich ehrlich gesagt zu optimistisch, ja, vielleicht auch naiv. Was habe ich mir erwartet? Dass meine männlichen Freunde mir nun alle ihre Herzen öffnen und anfangen zu singen? Manchmal tun sie das. Meistens samstagnachts. Wenn zu viel Alkohol und andere Substanzen durch ihre Körper tanzen und ihre Zungen locker werden. Tja, nun war es aber Montag, 12 Uhr, mittags, als ich meine Nachrichten abfeuerte. Wenn du nicht gerade in Berlin lebst und noch auf einer Afterhour sitzt, dann bist du alles andere als in Plauderlaune. Ich saß also inmitten meines Umzugschaos und ging meine WhatsApp-Nachrichten durch. Ich begann eine Antwort nach der anderen in ein Google-Dokument einzufügen und bei jeder weiteren Message wurden meine Augen ein Stückchen größer. 

Über was es Männern schwerfällt zu reden? 

Ihre Gefühle. Alle Antworten, die ich bekommen habe, hatten dieselbe Baseline. 

“Also mir fiel es lange Zeit schwer, über negative Gefühle zu reden, da ich mir immer selbst eingeredet habe, dass Jungs stark sein müssen und keine Schwäche zeigen dürfen. Das seine Gefühle zu unterdrücken, aber zu Panikattacken führt, habe ich erst später gelernt.”

“(Negative) Gefühle und innere (negative) Psychologie. Besonders in meiner Jugend war es verpönt, als Mann Gefühle zu zeigen – das Bild des Mannes war sehr toxisch. Das zeigt natürlich auch heute noch Auswirkungen und ist noch lange nicht erledigt. Dadurch habe ich lange damit gestruggelt Gefühle und Schwäche zu zeigen, da du als Mann stark und verlässlich sein musst.”

“Mir fällt es echt schwer, über Gefühle zu reden. Warum ist eine gute Frage. Ich denk mal, es hat den Grund, weil ich von klein auf nie Freunde oder Familie gehabt habe, die mit mir über irgendeine Art von Gefühlen gesprochen hat. Von selbst aus würde ich nie etwas diesbezüglich erzählen. Man muss mich schon speziell nach was etwas fragen, wenn man von mir mehr wissen will. Ein weiterer Grund ist, dass ich schon ziemlich oft enttäuscht wurde und deswegen kein Vertrauen in Menschen habe – ergo, ich fühle mich auch nicht wohl dabei, meine Gefühle preiszugeben.”

“Ich denke jetzt viele Stunden darüber nach und denke, dass es Gefühle sind.”

“Selbstzweifel. In Situationen, in denen man sich denkt, das bekomme ich nicht hin und dann versucht man es zu überspielen, weil man nicht schwach da stehen möchte bzw. Menschen eine Angriffsfläche bieten. Ich denke, dass das daher kommt, dass wir in einer extremen Leistungsgesellschaft leben und es nicht akzeptiert wird, auch mal schwach zu sein.” 

“Ich spreche nicht über den „innerlichen Druck“, den man sich teilweise macht. Warum nicht, ist eine gute Frage…”

“Man kann mit Männern offen sprechen. Aber nicht in der Gruppe, in der Gruppe wird Offenheit oder Schwäche zu zeigen lächerlich gemacht.”

Traurigkeit war das Gefühl, das sich in mir seinen Platz suchte, als ich diese Sätze ab tippte. Wirklich noch immer? Liegt es daran, dass Männer ihre Gefühlswelt weniger gerne versprachlichen, weil das als unmännlich gilt? Ich bin eine Frau. Für mich ist es normal, jedes noch so kleinste Ereignis oder bestimmte Gefühle mit meinen Freunden zu besprechen. Vermutliche gehöre ich sogar zu der Sorte Mensch, die viel zu viel teilen. Aber was sind eigentlich Gefühle? Banal gesagt, sind sie der Gegenpol zu unserem Verstand. Das, was logisch nicht erklärbar ist, spielt sich auf der Gefühlsebene ab. In der Regel gibt es sechs Klassifikationen von Gefühlen: Furcht, Ärger, Ekel, Trauer, Freude, Überraschung. 

Oft empfinden wir Gefühle als etwas Schlechtes oder Gutes. Im Grunde sind diese jedoch neutral. Die Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind, hat uns gelernt Gefühle wie Ärger, Traurigkeit oder Furcht als etwas Negatives zu framen. Dabei sind sie aber einfach ein Signal für etwas. Es ist wichtig zu erwähnen, dass hinter jedem Gefühl eine Ursache oder ein Bedürfnis steckt. Sie machen uns aufmerksam auf etwas und es ist wichtig, in uns hineinzuhören, damit wir dementsprechend handeln können. Wenn wir unsere Gefühle auf der anderen Seite aber unterdrücken, macht uns das lang oder kurzfristig krank. 

So oft ist es mir schon passiert, dass Dinge in meinem Kopf sich wie Armageddon angefühlt haben. Sobald ich es aber ausgesprochen habe, wurde mir die Banalität dieser Gedanken bewusst und die Welt fühlte sich auf einmal ein klein bisschen leichter an. Bevor man aber über seine Gefühle reden kann, muss man sie wahrnehmen können, in die eigene Gedankenwelt holen und in Worte fassen. Speziell Männern fällt dies aber oft schwer, denn die Konditionierung nicht über die eigenen Gefühle zu sprechen, fängt schon in der Kindheit an. “Weine nicht, du Heulsuse” oder “Ein Indianer kennt keinen Schmerz.” Rollenbilder, Medien und Erziehung prägen uns subtil und deshalb besonders wirksam. Die Vorstellung von Männern, der starke, emotionslose Mann, der alles an sich abprallen lässt, scheint sich in unseren Köpfen noch immer viel zu wohl fühlen.

Später trauen sich Männer deshalb nicht mehr, ihre Gefühle herauszulassen, weil es in ihrer Welt nicht als richtig empfunden wird. Es ist quasi falsch, diese Gefühle zu haben. So werden sie ins Unterbewusstsein gedrückt und ignoriert. Es nennt sich auch das Gesetz der traditionellen Männlichkeit, das es nicht erlaubt zu versagen. Funktionieren tut das jedoch nur kurzfristig. Wie können wir das ändern? 

Die zweite Frage, die ich meinen WhatsApp Kontakten gestellt habe, war: Was können Frauen oder Männer machen, damit es dir einfacher fallen würde, darüber zu sprechen?

“Die Gesellschaft sollte lernen, dass Frauen und Männern zu ihren Gefühlen stehen können. Dass es total ok ist, diese zu äußern, ohne schwach zu wirken. Denn Gefühle zu lassen zu können, ist die eigentliche Stärke.”

“Reden, reden und Normalisieren. Die Routine ist hier möglicherweise die Lösung. Und an die Männer itself: Try it.” 

“Letztlich ist es etwas, zu dem man sich als betroffener Mann aktiv entscheiden muss. Das gehört meiner Meinung nach zu „wahrer“ Stärke. Egal, was die Welt sagt, sicher genug in deiner Maskulinität bist du dann, wenn du deine Schwächen zeigen kannst und auch anderen Männern den Raum gibst, zu ihren zu stehen. Natürlich muss dafür noch mehr Akzeptanz geschaffen werden, dass auch Männer Emotionen haben und es okay ist, diese zu teilen.”

“Ich denke, dass man als Mensch viel öfter über Gefühle reden sollte. Somit würde es uns leichter fallen, darüber zu sprechen. Irgendwann ist es eine Selbstverständlichkeit und eine Erleichterung, sich etwas von der Seele zu reden. Oder wenn man die Frage „Wie geht es dir“ gestellt bekommt, nicht gleich mit einem „Ganz gut“ oder „Super“ antwortet. Sondern erst nachdenkt: Wie geht es mir wirklich heute? Und danach erst die Antwort gibt. Ich denke, das wär schon ein echt gutes Ziel.”

“Ich habe Gott sei Dank das Privileg, einen Freundeskreis zu haben, indem über alles geredet werden kann und ich denke, wenn man das nicht hat, muss man sich solche Freunde suchen bzw. den Anfang machen und über seine Gefühle aktiv anfangen zu sprechen. Sich einfach trauen und keine Angst davor haben, verurteilt zu werden. Gerade beim Thema Selbstzweifel.”

“Den Stolz bzw. das Ego ablegen. Viele Leute schämen sich für irgendwelche Dinge, dabei trägt JEDER von uns seinen eigenen Koffer(symbolisch gesehen).”

“Ich denke, das Wichtigste ist einander zuzuhören.”

Es scheint wie ein Teufelskreis. Keiner will es und dennoch sind wir gefangen in selbst auferlegten Strukturen und tradierten Rollenbildern. Lasst uns also zu Rebellen werden. Lasst uns anfangen, auf unsere Gefühle zu hören. Lasst uns anfangen, sie auszusprechen. Lasst uns anfangen zu reden, denn Reden lernt man am besten durch Reden – am besten mit anderen Männern. Lasst uns anfangen, Mitgefühl und Verständnis füreinander aufzubringen. Lasst uns sehen, dass wir eigentlich gar nicht so alleine sind mit unseren Problemen. Lasst uns den Menschen wirklich sehen. Lasst uns nicht länger hinter Fassaden verstecken und uns endlich zeigen, wer wir wirklich sind. Lasst uns zu den Vorbildern werden, die wir als Kinder gebraucht hätten. Lasst uns das Gesetz der traditionellen Männlichkeit endlich in die Tonne treten. 

Foto © François Weinert

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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