In meiner Kindheit las mein Vater mir stets Geschichten vor. Eine Geschichte handelte von der Maus „Ratatouille“. Nachdem ich den Disney-Film gesehen hatte, wollte mein Vater nicht, dass die Geschichte für mich endete, da ich ihr so verfallen war. Also dachte er sich jeden Abend neue Abenteuer aus, die Ratatouille erlebte, damit ich weiterhin an dieser fiktiven Welt teilhaben konnte. Der erfundenen Ratatouille meines Vaters war mutig und ein wahrer Held und Alleskönner. Er schaffte es zum Beispiel für die Queen von England zu kochen, nachdem er in ihren Palast eingebrochen war. Ratatouille war zwar nur eine ausgedachte Maus, aber für mich war er ein Vorbild. Er konnte alles sein und alles werden, nur weil er es wollte. Schon damals dachte ich: Das will ich auch. Bis heute hat sich das nicht geändert. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze und sich eine Idee ganz tief in mein Gehirn pflanzt, gieße ich sie so lange, bis sie zu einer Blume heranwächst.

Doch leider ist mein Leben nicht wie eine Geschichte von Ratatouille, in der die Zubereitung einer Suppe für die Queen eine Leichtigkeit ist. In der Realität muss man arbeiten. Hart arbeiten. Als Frau sogar noch etwas mehr. Man muss seine Blume gießen und pflegen, sodass sie gedeihen kann. Und nicht selten kommt es vor, dass diese Blume verwelkt, dass eine Idee stirbt. Der Prozess der Pflege dieser Blume erfordert Energie – meine Energie. Während ich also versuche, meine Idee zu gießen, begleitet mich die permanente Angst, dass ich nicht genug leiste, um sie am Leben zu halten. Dass ich nicht geeignet dafür bin, diese Idee umzusetzen. Meine Selbstzweifel scheinen wie eine Konstante in einer sich ständig verändernden Welt. In einer ständig fordernden Welt. Wir alle wollen nur eins – gesehen werden.

Wir wollen etwas aus unserem Leben machen. Ein Leben leben, das es Wert ist, gesehen zu werden. Der Drang nach Außergewöhnlichkeit ist unser treuer Begleiter in unserem beruflichen Alltag. Wir alle kennen den Spruch „I want to be exceptional“. Aber was bedeutet außergewöhnlich sein überhaupt noch in einer Welt, in der jeder zweite studiert hat und jeder dritte Influencer und junger Workaholiker ist. Wie können wir uns selbst hervorheben und erfolgreich sein, wenn die Konkurrenz so groß und die Leistungsgesellschaft so fordernd ist? Für mich bedeutet außergewöhnlich sein, einen Unterschied zu machen – etwas zu verändern, zu bewegen. Ich habe Angst vor der Profanität. Ich habe Angst, am Ende meiner Karriere zu stehen, zurückzublicken und keine Relevanz zu erkennen – keine Bedeutung. Ich möchte, dass mein Leben wie eine Geschichte von Ratatouille ist. Ich will ein Vorbild sein, mutig und außergewöhnlich. 

Um ein Vorbild zu sein, muss ich jedoch erst in der Arbeitswelt bestehen. Ich muss zeigen, was ich leisten kann. Das Problem dabei ist nicht, dass ich nicht ehrgeizig genug bin, sondern dass ich zu sehr an mir zweifle. Wenn ich einen Text schreibe, habe ich Angst, dass er nicht gut genug ist, dass die Leute nicht verstehen, was ich sagen möchte. In jedem Text steckt auch ein Stück von mir selbst. Ein kleiner Teil meiner Persönlichkeit – meiner Gedanken. Die Angst vor einem negativen Feedback ist daher umso größer. Mir geht es so jedoch nicht nur beim Schreiben. Bei jeder Kleinigkeit, die Leistung erfordert und für die es Feedback gibt, zweifel ich an meinem Können. Ich bin unsicher, ob ich ausreichend bin, ob ich wirklich für diese Stelle geeignet bin oder nur mir selbst etwas vormache – mich selbst idealisiere.

Diese ständige Spirale der Zweifel fordert auch ihren Tribut. Man versinkt in seinen Gedanken, anstatt diese Energie in Arbeit zu stecken. Anstatt an meine Arbeit zu glauben, bin ich selbst mein größter Selbstkritiker. In einer Hinsicht ist das vorteilhaft, da man so schnell zu einem Perfektionisten wird und seine Arbeit somit noch verbessern kann. Andererseits ist das Sehnen nach Perfektion ungesund für unsere Arbeitsmoral, da wir diese zu unserem Antrieb machen und nicht unsere Leidenschaft. Wenn wir den Grund für unsere Arbeit – die Begeisterung dafür vergessen, verlieren wir auch die Freude an unserer Arbeit. Daher ist es so wichtig, dass man aus diesem Wettlauf des Bestehens und des Gesehen-Werdens aussteigt, bevor man ein Stück von sich selbst dabei verliert. 

Das Problem dabei ist, dass ich dem Wettlauf verfallen bin. Ich strebe nach dem Erfolg nach dem Gewinnen, um meine Leistung und somit auch meinen Wert zu bestätigen. Genau aus diesem Grund bin ich eine Hochstaplerin. Ich will nur gewinnen, um meine Unsicherheit zu vertreiben, aber in Wahrheit hilft selbst eine Medaille nicht dabei, meine Selbstzweifel zu verjagen. Ich täusche nur vor, dass sie es könnte. Dieses Phänomen nennt sich auch das Impostor—Syndrom (Hochstapler-Syndrom). Betroffene leiden an Versagensängsten und zweifeln ständig an ihrer eigenen Kompetenz – ihrem Wert. Sie haben es schwer, ihre eigene Leistung als Verdienst anzuerkennen und nicht als Zufall oder Ergebnis der Umstände. Die Folge dieses Unglaubens ist, dass man zu hohe Ansprüche an sich selbst entwickelt.

Man kann diese zwar mit mehr Arbeit und Perfektionismus wie in meinem Fall bekämpfen. Jedoch führt das nur dazu, dass man irgendwann die Freude an seiner Arbeit verliert. Insbesondere Frauen sind stark von diesem Phänomen betroffen. Männer werden seltener hinterfragt und ihr Erfolg wird stärker anerkannt und gefeiert. Sie werden weniger auf die Probe gestellt. Trotz Ehrgeiz erleben Frauen oftmals „Rückschläge im täglichen Kampf mit Mikroaggressionen, Erwartungen und Annahmen, die durch Stereotypen und Rassismus geprägt sind“.

Die Frage ist nun, wie man diesem Teufelskreis entkommen kann. Wie man gleichzeitig ehrgeizig sein kann, ohne dabei seine Leidenschaft oder seinen eigenen Selbstwert zu verlieren. Wie man so schön sagt: „Der erste Schritt zur Besserung ist die Einsicht“. So blöd und phrasenhaft dieser Satz auch klingen mag, er beinhaltet ein Stückchen Wahrheit. Dazu kommt, dass wir unsere Ideen und Ansprüche so realistisch wie möglich halten sollten. Es ist wichtig, dass wir Ziele haben und diese auch verfolgen, jedoch sollten wir uns selbst auch Fehler und Unvollkommenheit erlauben. Selbstkritik ist gut und wichtig, aber sie sollte uns und unsere Arbeit nicht kontrollieren.

Es ist leichter gesagt als getan, diese Grundsätze aufzustellen und sich nicht verunsichern zu lassen. Mir zumindest hat es etwas geholfen, so „zu tun als ob“, selbst wenn ich mal nicht zufrieden mit meiner Arbeit bin, tue ich so, als wäre ich es und das hilft dabei, meinen inneren, neurotischen Selbstkritiker zu bändigen. Ich täusche also Ratatouilles Mut und Selbstsicherheit vor und hoffe, dass ich dabei ebenfalls Erfahrungen mache, die es lohnt, zu erzählen und die begeistern.

Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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