Alles fing mit einer Busfahrt in Bonn an. Das Wintersemester hatte so gut wie begonnen, draußen war es kalt, grau und herbstlich. Für mich sollte es das erste Semester werden und ich war aufgeregt und voller Vorfreude. Die gesamte Oberstufe hindurch hatte ich davon geträumt, Philosophie zu studieren und nun würde ich das endlich tun. Ich saß am Fenster und schaute verträumt nach draußen, als sich ein Mädchen in die Bustür stellte, die mir sofort auffiel. Das lag nicht nur an ihren blauen Haaren, sondern vor allem an ihrer Art und ihrer Kleidung. Alles nichts Auffälliges, aber irgendwie war sie anders und besonders. Jemand, den ich kennenlernen wollte. Das tat ich dann auch und verliebte mich.

Das war am Anfang nicht nur ein Grund zur Freude für mich. Zuvor hatte ich mich nicht intensiv mit meiner Sexualität beschäftigt und war einfach davon ausgegangen, dass ich das sein müsste, was mir in großen Teilen vermittelt wurde, nämlich hetero. Zwar gab es zu Beginn der Oberstufe einige Personen in meinem Freundeskreis, die sich als lesbisch oder bisexuell geoutet hatten, jedoch habe ich diese Möglichkeiten der Orientierung nie für mich wahrgenommen. Homosexuell, das waren immer nur die anderen. Ich bin doch normal. Natürlich ist mir aufgefallen, dass ich Frauen in der Regel attraktiver fand als die meisten Männer, aber das war doch auch normal, oder? Weibliche Körper sind eben ästhetischer und wahrscheinlich hat das etwas mit meiner Art der Wahrnehmung zu tun. Immerhin wird überall mit halb nackten Frauen geworben.

Deswegen überraschte es mich, dass zwischen mir und meiner Mitstudentin scheinbar mehr war als nur Freundschaft. Die Überraschung wurde zu einem Wechsel zwischen Freude, Angst, aber auch Scham. Ich freute mich über das Verliebtsein, über das Neue und auch darüber, dass meine Liebe nicht an ein bestimmtes Geschlecht gebunden war. Gleichzeitig fürchtete ich mich vor den Reaktionen der anderen Menschen. Was meine nähere Familie und meine Freund:innen betraf, war ich mir sicher, dass sie keine Probleme haben würden, aber was war mit Fremden oder Bekannten? Wie würde ich nun in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, wenn ich erzählen würde, dass ich mit einer Frau zusammen bin? Ich hatte schon immer Unsicherheiten, was meine Weiblichkeit betrifft, die sich durch diese neue Entdeckung meinerseits nur verstärkten. Mir wurde bewusst, wie sehr mein Verständnis von „Frau-Sein“ davon geprägt war, dass für mich Männer und nur Männer attraktiv sein sollten. Wie passte diese Anziehung zu einer anderen Frau da rein? Diese und noch mehr Unsicherheiten begleiteten meine erste große Liebe. Anstatt Freude und Sorglosigkeit löste sie in mir eine Identitäts- und Sinnkrise aus. Ich wurde mir meiner internalisierten Homophobie bewusst.

Meine Gefühle kamen mir falsch und schambehaftet vor. Alles in mir hatte sich gegen diesen Gedanken gewehrt, anders zu sein, und nun konnte ich es nicht mehr verleugnen. Mein Leben würde nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wen ich liebe, war auf einmal nicht mehr nur meine private Angelegenheit, sondern eine politische Frage. Ich würde mich mit Menschen auseinandersetzen müssen, die mich hassen und ablehnen, weil ich eine Liebe fühle, die sie nicht verstehen können.

Oft kam ich mir vor, als würde ich allein schon durch das Händchenhalten ein politisches Statement abgeben, als würde ich ein Schild mit einer kontroversen Meinung um den Hals tragen. Das fühlte sich manchmal auch gut an, muss ich zugeben. Die Ablehnung und den Hass, der mir entgegengebracht wurde, politisierte mich und sensibilisierte mich gleichzeitig für andere Formen der Diskriminierung. Ich lernte viel über mich und die Welt durch meine erste Beziehung. Aber trotzdem waren die Dinge, die ich erlebte, ungerecht und haben mich in Teilen verletzt. Jedes Mal, wenn meine Freundin und ich für Geschwister oder gute Freundinnen gehalten wurden, wurde mir bewusst, dass wir anders wahrgenommen wurden als ein hetero gelesenes Pärchen. Wir waren unsichtbar und gleichzeitig unanpassbar.

Das gibt einem viel Freiheit, aber gleichzeitig macht es schutzlos. Durch die Diskriminierung, die ich erfahren hatte, habe ich verstanden, dass es eben nicht einzelne Ereignisse sind, die diese ausmachen. Es sind die Strukturen, in denen man aufwächst, die Werte und Narrative, die man teilweise bewusst, teilweise unbewusst aufnimmt. Ich habe nie direkt von Menschen, die mir wichtig waren, gesagt bekommen, dass Homosexualität falsch ist oder nicht existiert. Trotzdem hatte ich große Probleme, diese bei mir selbst zu akzeptieren und schäme mich in Teilen immer noch für die Anziehung, die Frauen in mir auslösen. Die blöden Kommentare von Fremden, die ignoranten Fragen von Verwandten oder körperliche Gewalt sind nur die Spitze des Eisbergs. Sie sind existent, da es unter ihnen ein Fundament aus kulturellen, religiösen, historischen oder moralischen Erzählungen gibt, die Homophobie möglich und zum Teil unserer Gesellschaft machen.

Um sich trotz dieser Umstände wohlzufühlen, bedarf es viel Auseinandersetzung mit anderen, die Ähnliches erfahren haben. Durch Gespräche mit Freund:innen, die ebenfalls Teil der LGBTQ+ Community sind und durch das Aufsuchen von queeren Räumen, Veranstaltungen etc. habe ich gelernt, mich und andere zu akzeptieren. Mehr sogar als das. Mittlerweile hat sich meine Scham und Verunsicherung in Stolz gewandelt. Ich bin stolz darauf, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die aus Menschen besteht, die den Mut besitzen, sie selbst zu sein, auch wenn ihnen die Gesellschaft ganz andere Dinge beigebracht hat.

Autorin: Nina
Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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One Comment on “„Homosexuell, das waren immer nur die anderen. Ich bin doch normal“”

  1. Liebe Nina,
    Ich fühle mit dir – dass es erst einmal eine Identitätskrise auslösen kann, wenn man sich in das gleiche Geschlecht verliebt. Vor allem in so jungen Jahren, wo man sich ohnehin für sich selber noch definieren und suchen muss.
    Bei mir war es damals eine Mitschülerin und es hat sich vor allem unglaublich „verboten“ angefühlt – denn Homosexualität, das kannte ich nur aus dem Fernsehen, aus Erzählungen und von einer damaligen Freundin von mir.
    Daraus ist damals nichts geworden, aber das gesellschaftliche Problem bleibt: Man muss deutlich mehr für sich einstehen und es wird immer wieder – wenn es auch überhaupt nicht relevant für die Situation ist – in den Mittelpunkt gestellt.
    In letzter Zeit hat sich jemand aus meiner weiteren Familie als homophob „herausgestellt“… ich bin sehr entrüstet, dass Menschen zwischen 20 und 30 so denken können. Was haben sie davon, über die Liebe von anderen Menschen zu judgen? Ich kann und will das einfach nicht verstehen.
    Vielen Dank für diesen schönen und berührenden Artikel. Es ist ein sehr wichtiges und – wie du bereits gesagt hast – auch politisches Thema, da (leider) immer noch viel zu tun ist in unserer Gesellschaft.
    Johanna

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