Stell dir vor, du würdest ohne eine eigene Wohnung leben. Klar, da bleiben Eltern oder Freund:innen, Großeltern oder ein Hotel. Aber was, wenn dies alles wegfällt, wenn es niemanden gibt, der einen auffangen kann, der einem die eigene Couch zum Schlafen anbietet. Dann bleibt nur die Straße. Stell dir das vor. Schließ kurz die Augen und versuche es zu begreifen. Für über 237 Tausend Menschen in Deutschland ist diese Vorstellung eine Realität, ihre Realität. Ein Zustand permanenter Bedrohung auf der Straße zu landen, wenn niemanden einem hilft. Von dieser schwer vorstellbaren Situation sind auch 19 Tausend Kinder und 59 Tausend Frauen betroffen. Die Zahlen sind entsetzlich, spiegeln aber die Zustände wider, die wir häufig ignorieren oder nicht mitbekommen, da sie in einer Art Schattenwelt stattfinden. Wer keine Hilfe bekommt, endet schließlich auf der Straße, auf Platte, wie es unter Obdachlosen heißt. Obdachlose haben im Gegensatz zu Wohnungslosen keine Möglichkeit, bei anderen unterzukommen und leben vollständig auf der Straße. 

Wie viele Obdachlose in Deutschland leben, ist statistisch nicht feststellbar. Nun könnte man behaupten, Menschen ohne einen permanenten Aufenthaltsort sind schwer zu ermitteln und könnten sich auch schämen und wollten nicht erfasst werden, andererseits sind auch wissenschaftliche Erhebungen über andere mit Scham besetzten Thematiken möglich, zum Beispiel Suchterkrankungen. Schaut man sich aber die Verfügbarkeiten von staatlichen Statistiken über Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit in Deutschland an, wird deutlich, dass bis dato gar keine Zahlen in der Vergangenheit erhoben wurden. Es liegen nur Schätzungen vor. Erst ab 2022 soll eine zentrale Datenbank über Obdachlose in Kommunen und Städten eingerichtet werden. 

Eine weitere Zahl, die in Deutschland auch nicht bekannt ist, ist die Zahl leerer Wohnungen. Es scheint so, als würde die Gesellschaft nicht gerne Bescheid wissen über grundlegende Dinge wie Wohnungsnot und -verfügbarkeit. Oder anders gesagt: Wir wollen das Leid nicht sehen, dass wir produzieren. Denn leer stehender Wohnraum ist ein Phänomen des Kapitalismus, ein Produkt der Immobilienspekulation und dem neoliberalen Gedanken, dass es Armut zu bestrafen gilt, da sie stets aus dem eigenen Unvermögen Betroffener resultiert.

Wenn es also in Diskussionen heißt, Obdachlose sind selber schuld an ihrer Lage, dann macht diese Aussage zu Recht wütend. Denn aus einer privilegierten Sicht heraus wird auf vermeintlich schlechtere Menschen herabgeblickt. Dabei sind die Gründe für eine Obdachlosigkeit sehr viel komplexer als die Annahme, dass „Unvernunft“ oder „Faulheit“ zu solchen Zuständen geführt hätten.

Ein weiteres Symptom der neoliberalen Gesellschaft, in der wir leben, ist der Umgang mit Obdachlosen, die sich einen Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft bahnen wollen. Denn in Deutschland ist eine der grundlegenden Voraussetzungen zur Anmietung einer Wohnung ein eigenes Bankkonto. Dieses wird einem bei einer Bank aber erst dann eröffnet, wenn man eine Anschrift nachweisen kann. Ein Teufelskreis, den Betroffene zwar durchbrechen können, in dem sie als Meldeadressen die Adressen von Sozialeinrichtungen und Obdachlosenhilfen angeben können, der aber auch zeigt, wie perfide mit den Ausgestoßenen unserer Leistungsgesellschaft umgegangen wird. Ein weiteres Hindernis bei der Beschaffung einer Wohnung ist, dass Obdachlose meist bei Ämtern nachweisen müssen, dass keine Suchterkrankungen vorliegen. Allerdings ist es utopisch anzunehmen, Suchtkranke könnten sich aus ihren Süchten befreien, während sie gleichzeitig dem permanenten Kampf auf der Straße ausgesetzt sind. Eine Dauerbelastung, die wie gesagt nicht vorstellbar ist. 

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Dass es auch anders geht, zeigt der Staat Finnland, in dem seit 2008 das Programm Housing first praktiziert wird. Kern des Programms ist es, Obdachlosen zuerst eine Wohnung ohne Voraussetzungen anzubieten und erst später nach einer Phase der Erholung und des Rückzugs weitere Maßnahmen wie eine Suchtbekämpfung oder die Suche nach einem Job zu beginnen. Durchgeführt und betreut wird das Projekt von der Nichtregierungsorganisationen (NGO) Y-Foundation, die auf dem privaten Markt Wohnungen kaufen und Obdachlosen zur Verfügung stellen. Subventioniert wird die NGO durch Staatsgelder, so bezahlt Finnland beispielsweise die Angestellten der NGO oder gibt günstigere Anleihen raus zur Finanzierung von Wohnraum. Auch die finnische Lotterie unterstützt die Y-Foundation bei der Anschaffung von Wohnungen und die Stiftung selber finanziert sich über Kredite von Banken, die durch Mieteinnahmen zurückbezahlt werden.

Erfunden wurde Housing first vom Psychologen Sam Tsemberis, der den zentralen Aspekt Wohnraum bei Wiedereingliederungsprozess in die Gesellschaft nicht als Ziel verstand, sondern als grundlegendes Mittel zur Gesundheit des Menschen. Ansprechen soll das Programm Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, Suchterkrankte oder Menschen mit Behinderungen. Suchtkranke werden zwar bei Entzügen begleitet und unterstützt, aber bei Housing first ist es keine Voraussetzung. Einzige Bedingung: die Teilnehmer:innen des Programms müssen die Miete selber entrichten, auch wenn sie durch Wohngeld oder Zuschüsse vom Staat finanziert wird. So soll der Umgang mit Geld und die daraus resultierende Verantwortung betont werden. Die Miete ist jedoch sehr viel niedriger als der Mietdurchschnitt. Housing first Mieter:innen zahlen zum Beispiel in der finnischen Hauptstadt Helsinki nur elf bis dreizehn Euro pro Quadratmeter Miete, die Durchschnittsmiete liegt aber bei zwanzig Euro und mehr. 

Mit diesem Sonderweg ist Finnland in Europa ein Vorreiter gewesen und kann heute berichten, dass Housing first ein Erfolg ist. 2017 lebten noch 1.900 Menschen in Finnland auf der Straße, waren es 2019 weniger als 1.000. Nach Angaben der finnischen Leiterin der NGO Y-Foundation Juha Kaakinen konnten insgesamt 4.600 Wohnungen bereitgestellt werden. 

Dass so was teuer ist, gibt Kaakinen auch zu. Insgesamt habe das Programm bereits 270 Millionen Euro gekostet. Jedoch spart der Staat trotzdem 15.000 Euro an jedem Obdachlosen pro Jahr ein, der Teil des Programms ist. Kaakinen erklärt diesen Effekt damit, dass Menschen die eine eigene Wohnung haben weniger oft Noteinsätze verursachen, als Obdachlose. 

Auch in Deutschland findet das Programm Housing first inzwischen Beachtung, zwar zu spät, da das Prinzip und der Effekt bereits länger bekannt sind, jedoch ist es ein progressiver Ansatz für eine sonst so stiefmütterlich behandelte Sozialleistung. In Berlin startete bereits im Oktober 2018 ein Housing first Projekt, Hamburg legte dieses Jahr nach mit einem eigenen Projekt. Jedoch sind beide Projekte nur Piloten und in Berlin bangt der Träger um das Fortbestehen, da der Haushaltsplan des Landes Berlins und damit auch die Finanzierung des Projekts nach der Landtagswahl im September neu bestimmt werden muss und somit eine zukünftige Finanzierung noch nicht gesichert ist. 

Dass Housing first ein Erfolgskonzept ist, aber keine Wunderwaffe gegen Obdachlosigkeit darstellt, ist übrigens allen bewusst. Trotzdem zeigt eine Housing first-Studie aus dem Jahr 2018, dass die Erfolgsquote bei 80 Prozent liegt, jede:r vierte von fünf Teilnehmer:innen konnte seine Wohnung behalten und sich damit wieder ein Stück zurück ins Leben kämpfen. 

Du willst mehr über Housing first in Deutschland und Europa erfahren? Dann check den Housing firstGuide für Europa von Nicholas Pleace aus.

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