WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen einer Fehlgeburt.

Frieda und ich treffen uns an einem sonnigen Frühlingsnachmittag im Volkspark Friedrichshain in Berlin. Sie wirkt gefasst, als sie mir beim Spaziergang von ihren zwei Fehlgeburten erzählt. Ihre Offenheit beeindruckt mich, schließlich kannten wir uns vor diesem Treffen nicht. „Mir ist es wichtig, darüber zu sprechen”, sagt die 31-Jährige. „Denn bis heute sind Fehlgeburten ein Tabuthema, über das nicht ausreichend aufgeklärt wird.” Diese Aufklärung hätte sie selbst gebraucht, als sie mit Ende zwanzig ihre erste Fehlgeburt hatte – ein Erlebnis, von dem sie sich rückblickend wünscht, dass vieles anders gelaufen wäre. 

Als Frieda schwanger wurde, war sie 29 Jahre alt und arbeitete bereits als Kunsttherapeutin. Die Schwangerschaft spürte sie früh. „Ich hatte Rückenschmerzen, meine Brüste taten weh und Alkohol schmeckte mir nicht mehr”, erinnert sie sich. „Als ich das positive Testergebnis sah, war ich trotzdem aufgelöst.” Denn Frieda befand sich in einer schwierigen Lebensphase: Eine Freundschaft war zerbrochen und ein Freund hatte sich das Leben genommen. Mit ihrem Partner Paul war sie zu dem Zeitpunkt erst seit drei Monaten zusammen. „Wir haben uns zu Beginn der Pandemie über OKCupid kennengelernt. Durch die Corona-Maßnahmen verbrachten wir viel Zeit miteinander, es wurde schnell intensiv”, sagt sie. 

Sie suchten nach einer Wohnung und erzählten vereinzelt Familienmitgliedern von der Schwangerschaft, Frieda sprach auch mit ihrem Arbeitgeber. Denn da ihr Beruf aufgrund der potenziellen Gefahr durch Patient:innen als gefährdend für das Kind galt, musste sie direkt aufhören zu arbeiten. Etwa in der zehnten Schwangerschaftswoche kam es zu der Fehlgeburt – für Frieda ein schlimmes Erlebnis, an das sie sich genau erinnert. „Als ich abends von einem Besuch bei meiner Cousine nach Hause kam, hatte ich eine leichte Blutung”, erzählt sie. „Paul und ich recherchierten und versuchten, uns damit zu beruhigen, dass das vorkommen kann.” Jedoch verschwand die Blutung am darauffolgenden Tag nicht. Als Frieda abends mit Paul, ihrer Mutter und ihrem Onkel fernsah, kamen die Bauchkrämpfe – ihr wurde klar, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. 

„Die Schmerzen hielten lange an”, sagt Frieda. „Auf der Toilette kam alles aus mir raus und ich spürte, wie viel Körpermasse ich verlor. Ich sackte zusammen, meine Klamotten waren voller Blut.” Heute wirkt sie ruhig, als sie darüber spricht. Wie sie erzählt, war sie damals jedoch aufgewühlt. Am darauffolgenden Tag schickte ihr Gynäkologe sie ins Krankenhaus, um dort eine Ausschabung vornehmen zu lassen – ein operativer Eingriff, bei dem das verbliebene Schwangerschaftsgewebe aus der Gebärmutter entfernt wird. Zu dem Zeitpunkt willigte sie ein, schließlich wusste sie nicht, dass es auch anders gegangen wäre. Heute ist sie sauer auf die Vorgehensweise ihres Gynäkologen. „Ausschabungen sind meistens nicht notwendig”, erklärt sie. „Heutzutage weiß man, dass der Körper das in der Regel allein schafft.” Wenn das verbliebene Schwangerschaftsgewebe nicht von selbst abgeht, gibt es als Alternative zur Ausschabung zum einen eine Absaugung, zum anderen jedoch auch Medikamente, die Kontraktionen der Gebärmutter auslösen, durch die das Gewebe ausgestoßen wird. Letzteres soll mit weniger Risiken verbunden sein und Frauen den Prozess erleichtern.

Die ersten eineinhalb Wochen nach der Fehlgeburt verbrachte Frieda bei ihrer Mutter auf dem Sofa. Es ging ihr schlecht, sowohl körperlich als auch psychisch. Sie kümmerte sich um einen Therapieplatz und versuchte, mit anderen Menschen über die Fehlgeburt zu sprechen. Das fiel ihr jedoch schwer: „Es machte mich traurig, weil ich dachte, dass die Fehlgeburt meine Schuld war”, erzählt sie. Die Schuldfrage sei im Kontext von Fehlgeburten jedoch keine bewusste. Man fühle sich immer schuldig – auch wenn man das nicht ist. Ich hatte Zweifel daran, dass mit meinem Körper alles in Ordnung war – und sah mich selbst als einen Fehler.”

Eine besondere Schwierigkeit war, dass ihr ganzes Arbeitsumfeld von ihrer Fehlgeburt mitbekam, da ursprünglich alle über ihre Schwangerschaft informiert waren. Damit, dass sie doch nicht schwanger war, konnten ihre Patient:innen teils schwer umgehen. Was Frieda schließlich half, war der Austausch mit anderen Frauen. Denn: Wie sie erfuhr, kommen Fehlgeburten häufig vor, in etwa bei jeder sechsten schwangeren Frau. In diese Statistik fließen nur Frauen ein, die wissen, dass sie schwanger sind. Zählt man also noch jene hinzu, die das nicht wissen, dürfte der Anteil der Fehlgeburten nochmal höher sein. „Sobald ich darüber sprach, erzählten vor allem ältere Frauen, dass auch sie das erlebt haben”, sagt Frieda. Beispielsweise hatte auch ihre Hebamme insgesamt fünf Fehlgeburten erlitten.

Das Wissen, dass sie mit der Fehlgeburt nicht allein war, half Frieda schließlich. Deswegen ärgert es sie bis heute, dass gesellschaftlich so wenig über Fehlgeburten gesprochen wird – denn Frauen könnten besser damit umgehen, wenn mehr darüber aufgeklärt würde. Frieda hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, proaktiv über ihre Fehlgeburt zu sprechen. Das wurde jedoch dadurch erschwert, dass sie im Vorfeld so wenigen von der Schwangerschaft erzählt hatte. Rückblickend bereut sie das: „Es wird davor gewarnt, mit vielen Menschen darüber zu sprechen, da man mit ihnen konfrontiert ist, wenn etwas schiefläuft”, erklärt Frieda. „Als ich meinen Freundinnen von der Fehlgeburt erzählte, waren viele überfordert, weil sie zuvor nicht mal von der Schwangerschaft wussten. Außerdem schienen sie enttäuscht, weil ich ihnen nicht davon erzählt hatte.”

Nach der Fehlgeburt blieb Frieda weiterhin mit Paul zusammen, auch heute sind die beiden ein Paar. Eine zweite Schwangerschaft war nicht aktiv geplant, stand jedoch im Raum – dementsprechend wenig Wert legten sie auf Verhütung. Mit 31, Anfang dieses Jahres, wurde Frieda schließlich zum zweiten Mal schwanger. „Ich habe mich gefreut, weil dieses Mal alles passte”, erzählt sie. Sie wirkt trauriger als zu Beginn des Gesprächs, ihre Stimme ist weniger fest. „Wir wohnen zusammen, Paul hätte in seinem Studium problemlos eine Pause einschieben können und ich war aus der Probezeit bei einem neuen Job herausgekommen. Außerdem war eine Freundin von mir schwanger – es wäre schön gewesen, das gemeinsam zu erleben.” 

Da Frieda Angst vor einer weiteren Fehlgeburt hatte, versuchte sie, alles richtig zu machen. „Teilweise war ich pedantisch”, sagt sie. Etwa in der zehnten Schwangerschaftswoche fuhr sie mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter in den Skiurlaub. Zwar soll man große Anstrengungen im ersten Trimester vermeiden, jedoch sagte Friedas Ärztin, dass das kein Problem sei, da sie sonst auch viel Sport macht. Doch während des Skiurlaubs setzten wieder Blutungen ein. „Zum Glück hatte ich zu dem Zeitpunkt schon eine Hebamme“, sagt Frieda. „Ich rief sie an und sie begleitete mich in dem Erkenntnisprozess, dass das erneut eine Fehlgeburt war.” Auch ihr Vater und ihre Stiefmutter kümmerten sich um sie. Die Schmerzen und die Blutung waren leichter als beim ersten Mal – ein Zeichen dafür, dass der Embryo schon eine Weile tot war. 

Wie Frieda erzählt, kamen vor allem bei der zweiten Fehlgeburt starke Schuldgefühle auf, auch wegen des Skiurlaubs – auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass das Kind bereits im Vorfeld gestorben war. Sie fühlte sich unfähig, und machte sich Sorgen darum, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmte. Rückblickend sagt Frieda trotzdem, dass sie mit der zweiten Fehlgeburt besser umgehen konnte. Zum einen, weil ihre Hebamme sie unterstützte, und zum anderen, weil ihre Beziehung zu Paul so eng geworden ist. Das Paar möchte nach wie vor ein Kind bekommen, wofür sich Frieda aktuell mit ihrer neuen Gynäkologin berät. „Es gibt Ursachen, die eine Fehlgeburt begünstigen können, beispielsweise Diabetes, eine Blutgerinnungsstörung und eine Schilddrüsenfehlfunktion”, erklärt sie. „Weil es leichte Auffälligkeiten gab, habe ich Schilddrüsenmedikamente bekommen. Aber im Prinzip meinte meine Ärztin, dass alles in Ordnung ist und ich es versuchen kann, sobald ich dazu bereit bin.”

Frieda nutzt ihre Erfahrungen, um andere Frauen über Fehlgeburten aufzuklären und ihnen Mut zu machen. Ihnen rät sie, sich im Falle einer Fehlgeburt nicht von einem Arzt zu etwas überreden zu lassen, sondern Kontakt zu einer Hebamme zu suchen. Außerdem empfiehlt sie den Podcast „Sternenkind.liebe” der Hebamme Dorothea Subh –„Sternenkind” ist die Bezeichnung für die im Rahmen einer Fehlgeburt verstorbenen Kinder. Und es hat Frieda geholfen, ein Abschiedsritual zu finden. Sie selbst stach sich ein Tattoo. Es zeigt eine nackte Frau, die nach zwei Sternen greift – als Symbol für ihre Weiblichkeit und für ihre beiden ungeborenen Kinder.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Lena Mändlen
Bild: @fried.art.onia

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