Ich weiß nicht, an was es liegt. Mein behütetes Kleinstadtumfeld kann es kaum gewesen sein. Vielleicht war es auch einfach nur meine Generation, aber seit meinen jüngsten Teenager-Jahren war ich schon immer in Kontakt mit Leuten, die Drogen konsumierten. Wie in den meisten Beispielen oder Drogenpräventionen, die vermutlich kein Teenager je ernst nimmt, fing es immer mit Gras an. Es war so gängig und weit verbreitet, dass die, die nicht kifften die Randgruppe ausmachten anstatt andersherum. Um das Ausmaß zu verbildlichen, reicht es zu erwähnen, dass die Schule, die ich damals besuchte, nur wenige Jahre zuvor noch sehr angesehen war, eine Null-Toleranz-Policy einführen musste. Der Grund: Zu viele Schüler:innen saßen bekifft oder betrunken im Unterricht.

Vielleicht hätte diese Policy aufzeigen sollen, dass es nicht normal ist, den ersten Joint bereits in der großen Pause anzuzünden. Hat es aber nicht. Das Bild der coolen Kiffer:innen blieb weiterhin bestehen und die Maßnahmen dagegen wirkten dadurch nur noch lächerlicher. Heute frage ich mich, woran das lag. Woher kam dieses Bild und wer trichterte es uns ein? Denn das Problem dabei war, dass es fast nie nur beim Kiffen blieb. Umso älter man wurde, desto härter wurden die Drogen. Als man dann zum Feiern gehen anfing, wurde schnell klar, dass sich Gras und Techno weniger gut kombinieren lässt wie Koks oder MDMA und durchzechte Nächte.

Es gehörte also immer mehr dazu, cool zu sein. Und je weiter man ging, desto höher stieg man auf. Und ist das nicht alles nach, was wir streben? Nach Anerkennung für uns und für unsere vermeintliche Coolness? Irgendwann saß ich dann mit 16 oder 17 Jahren in einem Raum, der sich anfühlte wie die Vorstufe zur Hölle. Ein mir bekanntes Gesicht wendete sich an mich und völlig aus dem Zusammenhang meinte er: „Ich glaube, ich habe ein Drogenproblem.“ Hätte ich diesen Satz nicht schon so oft aus demselben Mund gehört, hätte ich vielleicht nicht nur mit: „Das glaube ich auch“ geantwortet. Die Gesichtszüge meines Gegenübers versteinerten sich, das freche Lächeln verlor sich in der Ablehnung und kopfschüttelnd gab er zurück: „Quatsch, das war doch nur ein Scherz! Ich hab’s natürlich noch im Griff.“ „Und was, wenn nicht?“, fragte ich zurück. „Passiert schon nicht.“ „Okay“, sagte ich, auch wenn ich wusste, dass absolut gar nichts okay war. Doch stattdessen sah ich einfach weg, blieb stumm. Und das dann jahrelang.

Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig zu erklären, weshalb ich damals wegsah, weshalb ich diese Konversationen nicht weiterführte und stattdessen das Thema wechselte. Es lag nicht daran, dass ich diese Aussagen nicht ernst genug nahm. Im Gegenteil. Sätze wie diese brachen mir jedes Mal aufs Neue mein Herz und daher steckte ich unglaublich viel Energie in Gespräche oder Überlegungen, wie ich den Menschen, die mir am meisten bedeuteten, helfen könnte. Doch egal was ich sagte, egal mit welchen Strategien ich ankam oder auf welcher Art ich versuchte auf Personen einzureden, es kam nie etwas an. Und auch wenn in klaren Augenblicken doch etwas zu wirken schien, wurde es Momente später wieder aus dem Gedächtnis gezogen, geraucht oder geschmissen.

Ich weiß noch, wie verzweifelt ich teilweise war und mich fragte, ob es an mir läge, dass ich ständig gegen eine Wand zu rennen schien. Bis ich Jahre später begriff, dass man Menschen mit Suchtproblemen nicht helfen kann. Zumindest nicht, solange sie nicht selber etwas an ihrer Situation verändern wollen. Und ganz ehrlich, im Grunde wollte doch keiner ernsthaft meine Hilfe, denn keiner wollte wirklich raus aus dieser Situation. Es gab vielleicht Momente, in denen ihnen bewusst wurde, in was für einer Scheiße sie steckten und sie eine Hand benötigten, die die ihre dabei hielt. Doch genau das war auch der Grund für den nächsten Rausch. Und ich kann es ihnen nicht mal verdenken. Es ist immer einfacher zu vergessen, anstatt sich Problemen und deren Ursprung zu stellen und daran zu arbeiten. Ansonsten würde es ja auch nicht Arbeit heißen. Doch ich frage mich, was auf lange Sicht tatsächlich anstrengender ist.

Mich selbst hat es Jahre gekostet, um zu begreifen, dass die Lösung aller Probleme nicht in Suchtsubstanzen zu finden ist. Denn auch wenn ich selbst nie drogenabhängig war, hatte ich dennoch mit den falschen Illusionen, die diese vermittelten oder mit ihrem harmlos erscheinenden Bruder dem Alkohol zu kämpfen. In meinem Fall habe ich allerdings früh genug gelernt, was mich mehr Energie kostet und welchen Preis ich für eine falsche Realität zahlen muss. Eine Realität, die, wie mir mein namenloser Gegenüber irgendwann mal erklärte. Einem all die Gefühle vermittelte, nach welchen ein jeder Mensch strebt: Glück, Zuversicht, Liebe und Geborgenheit.

Klingt beinahe schon zu perfekt, um wahr zu sein, nicht? Das liegt daran, dass es das auch ist. Nicht nur, dass man dadurch riskiert, das eigene Leben zu gefährden, nein, man spielt auch noch mit dem der Menschen, die einem nahe stehen. Doch wofür das alles? Für falsche Gefühle, die nicht mehr sind als bloßer Schein?

Ich hoffe, dass diejenigen, die das bis heute noch nicht erkennen konnten, es irgendwann verstehen werden. Und ich weiß auch, dass ich von diesem Moment an wieder eine Schulter zum Anlehnen sein werde. Die erste bin, die ein offenes Ohr hat und mit neuen Strategien ankommen wird. Allerdings weiß ich auch, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt meine Verantwortung abgeben muss und mich von diesen Personen auch weiterhin mit einem „Okay“ distanzieren werde. Damit ich mein eigenes Leben nicht verpasse, während ich das der anderen zu retten versuche. Denn auch wenn es schmerzt zu wissen, dass absolut nichts okay ist, ist es wichtig zu erkennen, dass ich nichts dagegen tun kann.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE
Foto: Sophie Unterbuchberger

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