WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von Panikattacken und Drogenmissbrauch.

Rund vier Prozent der Weltbevölkerung kennt das Gefühl der Todesangst, die mit Panikattacken einhergeht. Die 22-jährige Kim ist eine davon. Ihre Angst vor der Angst wurde sogar so stark, dass sie phasenweise über Monate hinweg nicht in der Lage war, ihre Wohnung zu verlassen. Begonnen haben ihre Panikattacken, als Kim sechzehn Jahre alt war und gerade durch ihren Cannabis-Entzug ging. Bereits mit dreizehn rauchte sie mit ihren Freund:innen täglich zwischen sieben und neun Joints, darunter auch welche, die mit Kokain gestreckt waren. Nach zwei Tagen der Abstinenz saß sie im Matheunterricht und litt unter einer Wahrnehmungsstörung. Diese Situation löste eine solche Panik in ihr aus, dass sich dadurch eine Agoraphobie entwickelte – darunter versteht man die Angst davor, das Haus oder die Wohnung zu verlassen. Sich an öffentlichen Orten aufzuhalten oder öffentliche Veranstaltungen zu besuchen. Daraufhin isolierte Kim sich sechs Monate in ihrer Wohnung. Nach dieser Zeit war es ihr möglich, ihren Schulabschluss nachzuholen, sich mit Freund:innen zu treffen und das Leben außerhalb ihrer Haustür zu genießen. Fast sechs Jahre später ist dies für Kim wiederholt unmöglich. Durch ihre Ängste ist sie erneut an ihre Wohnung gebunden.

DIEVERPEILTE: Du leidest seit deinem sechzehnten Lebensjahr unter Panikattacken. Teilweise sind diese so stark, dass du deine Wohnung nicht verlassen kannst – aus Angst. Nun hat sich dein Zustand wieder verschlechtert, was könnte der Grund dafür sein?
Kim: Nachdem ich meinen Schulabschluss nachgeholt und mich durch einige Jobs probiert hatte, nahm ich einen 450-Euro-Job in einem Unverpackt-Laden an. Dieser wurde später zu einem 25-Stunden-Job erhöht und plötzlich war ich die stellvertretende Chefin. Anfangs war das in Ordnung, bis man mir sagte, dass ich auch außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar sein muss. Meine Chefin war zu diesem Zeitpunkt schwanger, weshalb sie mich darauf vorbereitete, den Laden zu übernehmen. Geplant war ein Jahr. Damals war ich schon gestresst, aber ich dachte mir noch nichts dabei. Ich wurde zunehmend oft am Tag angerufen und es wurde einfach zu viel für mich. Die Panik kam.

Und dann?
Es wurde so schlimm, dass ich während der Arbeit eine schlimme Panikattacke bekam. Eine Freundin musste kommen, um mich abzulösen. Eigentlich wollte ich am Nachmittag wieder arbeiten, aber es ging nicht. Ich hatte so eine Angst, das Haus zu verlassen, dass ich einfach drin geblieben und tagelang nicht mehr zur Arbeit gegangen bin. Ich habe mich krank gemeldet. Daraufhin erhielt ich die Kündigung. Das ist jetzt etwas mehr als vier Monate her. Seitdem ging ich nicht mehr aus dem Haus.

Was war der Grund dafür, dass du das Haus nicht mehr verlassen hast?
Ich habe Angst vor der Angst. Angst, dass ich wieder eine Panikattacke bekomme oder dass irgendwas Unvorhergesehenes passiert. Deswegen gehe ich zum Beispiel auch ungern in ein Lokal. Obwohl ich es kenne. Ich war schon hundert Mal drin, aber der Gedanke, dass etwas passieren könnte, ist dennoch da.

Inwiefern wirkt sich die Angst auf deinen Alltag und deine zwischenmenschlichen Beziehungen aus?
Für meine Liebesbeziehung und Beziehungen generell ist es schlimm. Mit Freund:innen war mir nicht wichtig, ständig unterwegs zu sein. Ich bin sowieso eher der Typ, der gerne drinnen ist und Serien schaut. Wobei ich mir vorstelle, dass ich, sobald ich wieder rausgehen kann, auf jede Party und fünfmal am Tag einkaufen gehen werde. (lacht).

Und was ist dann das Schlimme daran?
In meiner Beziehung ist es mir schon irgendwie peinlich. Gerade wenn meine Freundin abends noch mal allein zu Edeka geht und nur sagt, ich soll ihr einen Zettel schreiben. Sie rechnet bereits damit, dass ich nicht mitgehe. Das ist mir persönlich sehr unangenehm. Darüber streiten wir uns dann auch teilweise. Sie sagt manchmal, dass ich mein Leben wieder in Griff kriegen soll. Dann bin ich natürlich am Boden zerstört und tieftraurig. Ich kann mir das auch vorstellen: Du willst ja nicht mit einer Person zusammen sein, bei der du nicht weißt, ob sich das noch ändert. Ich bin mir sicher, dass ich es irgendwann wieder schaffe, doch da ist ein enormer Druck dahinter.

Der Druck von Außen macht es dir noch schwerer, mit deiner Angst umzugehen. Was kann man als Außenstehende:r machen, um jemandem in deiner Situation zu helfen, ohne dabei Druck aufzubauen?
Die wichtigste Unterstützung für mich ist, präsent zu sein und zu sagen: “Ich bin hier und ich glaube dir.”, weil es noch immer Menschen gibt, die nicht an meine Angst glauben und diese runterspielen. Es ist wichtig zu erkennen, dass es mentale Störungen genauso gibt wie gebrochene Arme. Es hilft sich zu informieren, wie es Betroffenen geht, was Beweggründe sind und wie man dies bespricht ohne, dass es übergriffig ist. Pflanzliche Medikamente wie Johanniskraut können Symptome lindern. Es tröstet, die Person zu kontaktieren, solange sie das möchte. Auch Therapeut:innen oder Hilfetelefone bieten Aufklärung. Man muss nicht zwangsläufig selbst ein Problem haben, um sich zu informieren.

Wie gehst du damit um, dass du momentan deine Wohnung nicht verlassen kannst? 
In den letzten Wochen war ich sogar immer mal wieder draußen.

Wie kommt das?
Ich habe mit Meditation angefangen. Eine Zeit lang nahm ich auch Antidepressiva, aber das half mir nicht. Im Gegenteil, sie machten mich aggressiv und noch ängstlicher. Nach zwei Wochen hatte ich sie wieder abgesetzt. Ich fand eine Therapeutin, die mich übers Telefon behandelt. Sie sagte mir, ich solle mich hinsetzten und mir vorstellen, wie ich rausgehe. Also so richtig, wie ich mir die Jacke anziehe und jeden Schritt, den ich gehe bis zum Edeka – also der Edeka ist hier eine Straße weiter. Das habe ich dann mit dem Kiosk nebenan gemacht und irgendwann kam tatsächlich der Punkt, an dem es Klick gemacht hat und ich gedacht habe: So, jetzt gehe ich zum Kiosk. Auf dem Weg hatte ich eine Panikattacke, jedoch nicht so schlimm wie zuvor. Das motivierte mich, jeden Tag hinzugehen. Ich führte Gespräche im Kiosk und es wurde immer besser. Es gibt immer noch Tage, an denen ich die Wohnung nicht verlasse oder nicht mal zum Briefkasten gehen kann. Doch durch die Meditation und die Vorstellung, dass es geht, klappt es immer besser.

Gibt es etwas Positives, was du durch deine Angst für dich mitnehmen konntest?
Ich habe erkannt, dass ich gerne Schriftstellerin werden möchte. Zusätzlich lernte ich, dass ich mich mithilfe von Meditation beruhigen kann. Geld ist nicht alles. Und durch den Stress ging es mir nicht gut. Doch nun mache ich etwas, was mir Spaß macht. Das hilft mir zukünftig weiter, egal welchen Job ich mache. 

Schön, dass du etwas gefunden hast, dass dir persönlich hilft, mit deiner Angst umzugehen. Hat dir das auch dabei geholfen, einen besseren Draht zu dir selbst aufzubauen?
Ja, auf jeden Fall!

Du sagtest, dass deine Angststörung von deinem Cannabiskonsum herrühren könnte. Wie gehst du heute mit Suchtsubstanzen um?
Ich rauche Zigaretten. Gäbe es einen Schluss-damit-Knopf, hätte ich schon damit aufgehört. Alkohol reizt mich nicht.

Du hast also seit deinem 16. Lebensjahr kein Marihuana mehr konsumiert?
Nein.

Wenn du Menschen oder Personen triffst, die in einer gleichen oder ähnlichen Situation sind, was würdest du ihnen mit auf den Weg geben wollen?
Wenn du denkst, es gibt keinen Ausweg mehr, kann ich das revidieren. Es wird besser! Egal, ob du es alleine oder mit Hilfe schaffst. Gib niemals auf! Lächle, – auch wenn dir nicht danach zumute ist. Glaube an dich und es wird gut.

Vielen Dank für deine Zeit und deine offenen Worte!

Fünf Wochen nach dem Interview kontaktierte ich Kim noch einmal, um zu erfahren, wie es ihr in der Zeit nach unserem Gespräch erging.

Kim, wie geht es dir heute?
Es geht mir besser. Zu den Meditationen habe ich mit Affirmationen angefangen und das bringt auch was. Die Agoraphobie ist zwar noch ein Thema, nimmt jedoch langsam ab. Bei unserem letzten Telefonat meintest du, dass du daran glaubst, dass ich es schaffe, mir einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Und damit hast du so eine große Motivation in mir ausgelöst, dass ich mir alleine einen Baum gekauft habe. Ich gehe immer noch zum Kiosk und übernachte regelmäßig bei meiner Freundin.

Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Ist seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Politikwissenschaften studiert und 2022 erfolgreich abgebrochen. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Politik und Mental Health.

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