Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen von sexualisierter Gewalt.

Neulich erzählte mir mein ehemaliger Mitbewohner beim Abendessen, dass er in seiner letzten Beziehung oft Sex hatte, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte. Mein erster Gedanke: “So ein Schwachsinn, Männer wollen doch sowieso die ganze Zeit nur bumsen!” Zugegeben, ich habe tief verankerte Glaubenssätze, an denen ich nur schwer rütteln kann. Offensichtlich. Ich frage mich, ob Männer wirklich immer nur an Sex denken. Während meiner Suche nach Antworten redete ich mit einigen Männern – unter anderem auch mit J. Meine Beziehung zu J. tut an dieser Stelle nichts zur Sache. J. ist 30 Jahre jung, erfolgreich im Beruf, großer Freundeskreis und wird von mir auch gern “Schmusekönig” genannt. Im Gespräch mit ihm wurde mir Folgendes klar: Das Klischee, dass Männer eine grundsätzlich höhere Libido haben als Frauen – und angeblich “immer können und wollen”, – ist tragisch, denn die Realität ist so viel facettenreicher.

DIEVERPEILTE: Wie hast du in deiner Jugend gelernt, Frauen “klarzumachen”?
J: Jugend ist in meinem Fall der falsche Ausdruck, denn ich war ein Spätzünder, was das betrifft. Ich hatte Freunde, die damals vielleicht auch gelogen haben, doch laut ihren Aussagen mit vierzehn bereits das erste Mal Sex hatten. Für mich war das früher aber eine relativ ferne Welt. Ich hatte in meiner Jugendzeit tatsächlich nur eine Sexualpartnerin und das war meine erste Freundin. Dadurch habe ich auch nicht diese Erfahrungen gesammelt, wie man jetzt klassisch “eine Frau klarmacht”. Das mit der Freundin hat sich damals einfach so ergeben. Wir haben uns kennengelernt. Beim Feiern irgendwann geküsst. Man verstand sich gut, so sind wir zusammengekommen und dann ist es im Lauf unserer Beziehung zum Sex gekommen.

Wie denkst du, haben Pornos deine Norm davon, wie Sex zu sein hat geprägt? 
Haben sie kaum. Das, was man heutzutage in den sozialen Medien sieht, kann man 1:1 auf Pornos ummünzen. Denn das was man dort zu sehen bekommt, entspricht in den wenigsten Fällen der Norm. Ich war mir dessen – Gott sei Dank – schon relativ früh bewusst. Zum Beispiel was die Attraktivität der Darsteller und Darstellerinnen betrifft, dass sich Sex im echten Leben kaum jemals so anbahnt wie in den Pornos (schmunzelt).

Wie ist das in deinem Freundeskreis? Redet ihr offen über Sex?
Ja, durchaus. Ich habe viele Freunde und Freundinnen, mit denen ich darüber sprechen kann. Aber die Art und Weise, wie ich mich mit ihnen unterhalte, unterscheidet sich. Wenn ich mit Männern darüber rede und das ist, wenn ich drüber nachdenke, sehr toxisch, dann geht es wirklich nur darum: „Ok, geil – wieder eine klargemacht.” Es wird dann relativ wenig darüber gesprochen, was eigentlich beim Sex passiert ist. Es geht einfach nur darum, dass es passiert ist. Ganz anders ist das mit meinen Freundinnen. Sie erzählen mir zum Beispiel, was sie beim Sex gut finden und wie es mit ihrem oder ihrer Sexualpartner:in war. Das ist eine ganz andere Gesprächsbasis.

Was erzählt ihr euch unter Freunden, wenn jemand Sex hatte? 
Wenn Freunde von mir wissen, dass ich am Vorabend ein Date hatte, dann bekomme ich am nächsten Tag von meinen männlichen Freunden oft eine WhatsApp-Nachricht, in der einfach nur „Sex?” steht. Im Gegensatz dazu fragen mich weibliche Freunde: „Hey, wie lief dein Date gestern?” Erst im späteren Verlauf erkundigen sie sich, ob es zum Sex gekommen ist. Ich muss dazu sagen, dass es nicht die Norm ist, dass ich jedes Mal mit Freunden oder Freundinnen darüber rede wie es war. Man spricht darüber, dass man Sex hatte und hin und wieder über ein paar kleine Besonderheiten, aber es ist nicht so, dass man alles im Detail aufrollt. Im Endeffekt ist es doch noch eine Sache zwischen zwei Menschen. Auf jeden Fall ist Sex kein Tabuthema in meinem Freundeskreis.

Wieso Frauen ständig Sex wollen und Männer nur über ihre Gefühlen reden möchten 3
Alle Fotos: Jonas Albrecht

Hast du dich schon mal von einer Partnerin unter Druck gesetzt gefühlt, mit ihr zu schlafen? 
Ja, und das ist auch etwas, das ich erst viel zu spät gelernt habe. Das klassische Image des Mannes ist ja Folgendes: „Männer müssen einen hohen Sextrieb haben und wenn du ihn nicht hast, dann ist irgendwas falsch mit dir.” Das ist natürlich zugespitzt formuliert, aber so scheint es die Gesellschaft zu sehen. Bei mir kommt der Sextrieb bzw. die Libido eher in Wellen. Es gibt einfach so Phasen im Leben, da habe ich keine große Lust. Falls ich dann Single bin, ist es dann oft so, dass ich auf keine Dates gehe. Habe ich dann wieder das Bedürfnis nach einem Date und dieses neigt sich dem Ende, denke ich mir oft: „Okay, das war jetzt ein nettes erstes Date, aber ich würde jetzt eigentlich gerne getrennte Wege nach nach Hause gehen.”

Aber?
Im selben Moment überkommt mich dann aber das Gefühl von Scham. Denn was würden denn meine Freunde jetzt von mir denken? Ich war auf einem Date und habe nicht mal versucht, mit ihr nach Hause zu gehen? Genau so ist es, wenn ich in einer Bar oder in einem Club jemanden kennenlerne. Dann hat man sich geküsst und es läuft eigentlich alles daraufhin hinaus, dass man gleich Sex hat. Oft gab es dann Situationen, in denen ich mich sowohl von meinen Freunden als auch von der Frau unter Druck gesetzt gefühlt habe. „Was würden die jetzt von mir halten? Ich habe hier eine Frau am Start und mit der habe ich auch schon rumgemacht. Das muss ich jetzt auch zu Ende spielen.” So auf die Art und Weise. Dann habe ich es auch gemacht. Wir sind gemeinsam nach Hause gegangen und haben Sex gehabt. Aber nicht, weil ich es unbedingt wollte, sondern einfach, weil ich mir gedacht habe, wenn ich es jetzt nicht mache, denken andere, es ist irgendwas falsch mit mir. 

Würdest du sagen, dass dieser äußere Druck dazu führt, dass du dich zum Sex verpflichtet fühlst?
Ja, selbst wenn meine Freunde gar nicht dabei sind und es sind nur die Frau und ich. Man liegt dann schon gemeinsam im Bett und könnte dann einfach sagen, dass man müde ist oder gerade keine Lust hat. Aber das lässt sich, denke ich, als Mann nicht so einfach rechtfertigen wie als Frau. Mir ist es noch nie passiert, dass ich zum Sex genötigt wurde. Wenn ich klar und offen sage, ich habe jetzt keine Lust, dann glaube ich, würde das jede akzeptieren. Aber teilweise sträubt sich etwas in mir, das ehrlich zu sagen, weil man dieses toxische Image wahren muss, dass man immer bereit sein sollte, Sex zu haben.

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Sprichst du offen mit deinen Partnerinnen über deine Libido? 
Jain. Ich denke, es ist eigentlich kein Problem zu kommunizieren, wenn man einmal nicht in der Stimmung für Sex ist. Das wird akzeptiert. Aber was ist, wenn man sich dann zwei oder drei Tage später wieder trifft und dann immer noch keine Lust hat? Dann würde ich es mir, glaube ich, nicht mehr trauen, das so zu sagen. Die Frau könnte sich dann ja denken: „Was ist denn mit dem? Der hat ja überhaupt keine Lust auf mich.” In dem Fall würde ich mich schon wieder unter Druck gesetzt fühlen und deshalb Sex haben, weil ich nicht zwei Mal hintereinander sagen kann, dass ich keine Lust habe. Das geht einfach nicht, weil sich das nicht mit dem Bild, welches die Gesellschaft von einem Mann in einer romantischen Beziehung gezeichnet hat, deckt.

Kennst du jemanden, der schon mal einen Übergriff von einer Frau erlebt hat?
Nein, aber es gab bei mir eine Instanz, an die ich mich erinnern kann. Eines vorweg, ich bin nicht dazu gezwungen worden, weil, wenn ich ihr gesagt hätte: „Hey, ich will nicht!”, dann hätte sie das sicher akzeptiert. Ich war mit Freunden feiern und habe an jenem Abend diese Frau kennengelernt. Sie ist dann regelrecht über mich hergefallen. Das hat mir zu Beginn auch noch gefallen, aber eigentlich wollte ich Zeit mit meinen Freunden verbringen. Das war aber nicht möglich, da sie mich nicht gehen ließ. Irgendwann, noch relativ früh am Abend, hat sie gefragt, ob wir nicht nach Hause gehen wollen. Ich hätte gerne noch ein paar gemeinsame Stunden mit meinen Freunden in dem Club verbringen wollen. Und zu Beginn habe ich noch versucht, ihr zu sagen, dass ich nicht möchte, aber auf ihr weiteres Drängen hin habe ich irgendwann nachgegeben. Zuhause hatten wir dann Sex, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte.

Sprecht ihr darüber offen und ehrlich in deinem Freundeskreis?
Nein, ich weiß nicht, wie ehrlich all meine Freunde sind, aber ich habe noch nie jemanden von meinen Freunden sagen hören, dass er keine Lust auf Sex hat. Wahrscheinlich ist es denen auch schon passiert, aber es gibt keiner zu. Ich denke, dass ich es auch noch nicht sehr oft – offen und ehrlich – zugegeben habe. So blöd das vielleicht klingt, aber ich wahre vor meinen Freunden immer noch das Image, dass ich eigentlich immer Lust auf Sex habe.

Wieso denkst du, werden solche Grenzüberschreitungen untereinander nicht artikuliert?
Ich denke, es liegt am gesellschaftlichen Druck. An dieser Erwartungshaltung, was ein Mann eben zu leisten im Stande sein “muss”. Wenn man keine Lust auf Sex hat, dann ist man – überspitzt gesagt – nur ein halber Mann. Das klingt furchtbar blöd, aber viele Menschen haben immer noch dieses Bild in ihrem Kopf. Grund dafür ist die jahrelange Konditionierung unserer Gesellschaft.

Wie würde in einer idealen Welt die Kommunikation zwischen dir und deinen männlichen Freunden ablaufen?
In einer idealen Welt wäre generell die Kommunikation rund um Sex nicht so stigmatisiert. Speziell dieses Abfeiern untereinander, wenn jemand Sex hatte, als wäre das eine außerordentliche Leistung, sollte wegfallen. Sex ist eine der natürlichsten Sachen der Welt und das sollte einfach so hingenommen und wertfrei gesehen werden. Zudem sollte auch akzeptiert werden, wenn jemand längere Zeit keinen Sex haben möchte. Wenn ich mal über einen längeren Zeitraum einen DrySpell hatte, habe ich mich sogar schon beim Lügen ertappt. Wenn es eigentlich sechs Monate ohne Sex waren, habe ich gesagt, es waren nur drei – einfach, weil es mir peinlich war. Mir persönlich war das scheißegal, schließlich hatte ich auch keine Lust dazu. Vor meinen Freunden hätte ich mich aber geschämt, das zuzugeben. In einer idealen Welt wäre das einfach nicht der Fall. Nehmen wir an, ich mache sechs Monate keinen Sport, dann interessiert das auch keinen. Unsere Gesellschaft kommuniziert aber folgendes Paradigma: Sex gehört zu jedem Menschen dazu. Jeder Mensch muss ihn regelmäßig haben. Jeder Mensch muss ihn haben “wollen”. Jeder Mensch muss jede Gelegenheit nutzen, um Sex zu haben. Durch diese Glaubenssätze entsteht ein ungesundes Verhältnis zu Sex und Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt. Aus diesen Gründen entsteht auch eine oft nicht ganz ehrliche Kommunikation zwischen engen Freunden, wenn es darum geht.

Wenn du dir selbst vor deinem ersten Mal einen Tipp geben könntest, was würdest du sagen?
Sex ist so viel mehr als nur mit dem Penis die Vagina zu penetrieren. Alles davor und danach gehört genauso dazu. Außerdem ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass wir in einer Beziehung nicht mit einem Geschlecht zusammen sind, sondern mit einem Menschen. Einem Menschen, der verschiedene Bedürfnisse hat und jeder Mensch hat es verdient, in seiner Einzigartigkeit betrachtet zu werden. Die Libido ist eben nichts, das man mal ein- oder ausschalten kann.

*Das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Männer, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Bei Männerberatungsstellen findest du außerdem Unterstützung bei der Aufarbeitung von Gewalterfahrungen. Menschen, die in der Schweiz leben, finden hier Hilfe.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Ist seit 2020 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Information, Medien und Kommunikation mit der Vertiefung Journalistik in Österreich studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaftpolitik und feministische Themen.

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