Neuer Tag, neues Glück. Versuche ich zu denken, um in der Früh leichter auf die Beine zu kommen. Verschlafen steige ich aus dem Bett und tapse in die Küche. Der gute Gedanke hält, bis ich die Zeitung aufschlage. Vor mir liegt ein Schlachtfeld. Hochschulpolitik — allen egal. Klimakrise — schon verloren. Korruption — überall. Es ist noch nicht einmal 9 Uhr und die Welt ist bereits untergegangen. 

Neuer Tag, gleiche Scheiße. Oft bin ich wütend auf die Welt. Naja, nicht auf die ganze Welt. Auf das System. Das System ist groß und mächtig und böse und überhaupt von niemandem aufzuhalten. Die Fahne der Küstenwache steht auf Rot und alle hören ein immer lauter werdendes Dröhnen. Ich sehe auf. Ein Tsunami fährt auf uns zu. Und was passiert? Die Leute um mich starren mit offenen Mündern auf die Welle. Dann zucken sie mit den Schultern und holen ihr Surfbrett raus. Bringt ja nichts. Als wäre alles schon zu spät.

Dass die Welt sowieso untergeht, scheint der breiteste Konsens zu sein, der sich finden lässt. Die Menschheit vernichtet sich durch die Klimakrise und künstliche Intelligenzen übernehmen die Macht, falls wir nicht davor schon in eine autoritäre Diktatur rutschen. 

Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Die einen — die mit dem Surfbrett — haben aufgegeben. In ihrem Kopf sind sie nur eine 1 gegen 7,8 Milliarden, die ja rein statistisch aus logischer Konsequenz nichts verändern kann. Etwas ändern könnten nur die Mächtigen der Welt und die wollen das natürlich nicht. So ist unser Schicksal besiegelt. Daher gibt es auch keinen Grund, sich für den Umweltschutz einzuschränken oder gar auf die Straße zu gehen. Der Schneeballeffekt, mit dem mein Verhalten auch andere aktivieren kann, fehlt in dieser Rechnung. Wahrscheinlich ist das Klima dafür schon zu warm.

Andere haben auch aufgegeben, aber nur diese Welt. Sie beschäftigen sich schon damit, wie es danach weitergehen soll. Nicht nur Religiöse, die das Paradies nach dem Tod suchen. Auch Science-Fiction braucht eine Apokalypse. Für glänzende Actionfilme in einem neofaschistischen Feudalismus, einer Technokratie. Oder man erhofft sich einen Neuanfang. Dass der Zusammenbruch unserer Gesellschaft als Weckruf in den Ohren hallt und wir daraufhin den Kapitalismus überkommen. Dass das vielleicht sogar notwendig wäre.

Doch greifen wir nicht ein bisschen zu weit? Dieser negative Fatalismus, der sich dem Schicksal wie einer bösen Übermacht ergibt, überfordert mich. Ich möchte nicht in einer Welt leben, die bereits untergegangen ist. Denn das ist sie ja nicht. Noch stehen Häuser und Demokratien. Wir müssen nicht in einer ausgedachten Zukunft leben. Wir leben im Jetzt. Und das Jetzt ist viel leichter zu ändern als die Zukunft. 

Mittlerweile habe ich den grauen Morgen überstanden. Es ist Mittag und ich sitze wieder am Küchentisch. Obwohl schon Herbst ist, strahlt die Sonne vom Himmel. Direkt auf die Zeitung. Wie die Zukunft aussieht, kann letztlich niemand sagen. Wir können Berechnungen anstellen, aber einige werden immer falsch sein und welche das sein werden, wissen wir nicht. Das Bild, das wir von der Welt in 50 Jahren haben, ist nie logisch oder die natürliche Konsequenz. Es ist immer ein Narrativ, das wir von irgendwem vermittelt bekommen. Ja, vielleicht uns gegenseitig vermitteln.

Dieser Gedanke gibt mir die Kontrolle zurück, die ich am Vormittag nicht finden konnte. Denn die Zukunft als verloren hinzunehmen, ebnet nur jenen den Weg, die sie uns stehlen wollen. Gierige Konzerne und korrupte Politiker:innen haben noch nicht gewonnen. Wir haben immer noch Ideen. 

Die Macht dieser Ideen dürfen wir nicht unterschätzen. Auch den Kapitalismus hat mal jemand erfunden. Der TINA-Moment, mit dem Margaret Thatcher den Neoliberalismus in Gold meißelte, war nichts als eine Idee. There is no alternative. Das stimmt nur, wenn man es glaubt. Hätte es niemand geglaubt, wäre es nicht passiert. 

Eine der wichtigsten Lehren über Optimismus bekam ich vom Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Sen: „Optimismus steuert den Geist in eine produktive Richtung. Als Optimist frage ich mich, wie ich ein bestehendes Problem lösen kann, anstatt nur darüber zu klagen, dass es existiert.“ Mit einem Bild, wie eine gute Welt sein könnte, wissen wir, woran wir arbeiten müssen. An welchen Stellen wir anpacken können. Wir wissen wohin. Halten wir uns an den Weltuntergang, wissen wir nur, wohin nicht. Und das schürt Angst. Angst vor Veränderungen, vor Fremden, vor dem Neuen. Ein gefundenes Fressen für Propaganda und Populismus.

Doch so leicht dürfen wir uns nicht die Zukunft nicht nehmen lassen. Die Demokratie ist eine mächtige Institution, die verteidigt werden muss. Sen hat auch dafür einen Rat: „Wir müssen Vertrauen haben, dass wir gewinnen werden. Wir müssen überzeugt sein, dass die gegenwärtige Situation nicht das Ende der Welt bedeutet.“

Diese Einstellung verlangt Mut. Sie zwingt uns, unseren Verstand zu nutzen, Selbstvertrauen zu haben. Sich eben nicht dem Bild der verlorenen Zukunft hinzugeben. Das ist anstrengend. Doch es zahlt sich aus. Eine Bevölkerung mit Mut, Verstand und Selbstvertrauen ist schwer in die Knie zu zwingen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: vonbertz

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