Kennst du das? Du bist vor Jahren in die Großstadt gezogen, vielleicht bist du auch nur zu Besuch, sitzt nachts in einer dieser überfüllten Bars oder gehst allein durch die leeren Straßen. Um dich nicht einsam zu fühlen, mischst du dich unter Leute. Ins Gespräch kommst du an diesem Abend nicht. Dafür bist du wenigstens mal wieder an der frischen Luft. Du schaust dir deine Umgebung genauer an, wofür du dir normalerweise keine Zeit nimmst. Dir fällt auf: Die Straßen im Zentrum sind okay, das Essen auch, die Menschen nett in der Regel, die Häuserfassaden mal mehr, mal weniger schön, wie sonst überall auch, wenn man genauer hinsieht. Aber etwas stört dich. Du siehst ein Waffengeschäft. Samurai-Schwerter, Maschinenpistolen, Munition, Gewehre und Jagdmesser schauen dir unschuldig aus dem Schaufenster entgegen. Alles ganz legal. Irritiert gehst du weiter. Der Junge, der mit seiner Mutter am Tisch eines noblen aussehenden Lokals sitzt, schaut in deine Richtung. Ob er dich gesehen hat? Du wechselst die Straßenseite. Vor dir ist jetzt das Werbeplakat eines Unterwäscheladens. Darauf zu sehen ist eine superjunge Frau in Spitzenunterwäsche. Beim Weiterlaufen fällt dir auf, dass die ganze Stadt damit tapeziert worden ist. Du denkst niemanden stört es. Dich stört es. Du gehst weiter in Richtung U-Bahn und deine noch eben beschwingte Stimmung kippt ins Drama. Du fragst dich, ob deine Entscheidung, in die Großstadt zu gehen, das Richtige für dich war. Während du dich das fragst, beobachtest du ein Paar, das sich am Gleis innig umarmt. Ein Bild, das dir Hoffnung gibt. Doch das ungute Gefühl bleibt: Was wird die Stadt mit dir machen?

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Für seine Fotoreihe war der Fotograf Philip Mallmann mehrere Monate lang auf Frankfurts Straßen unterwegs. Restaurants, Werbeplakate, Shops, Straßen, Bushaltestellen und Hauseingänge – eine Entdeckung, die den 27-jährigen Kölner Fremdheit verspüren lies. Ein Gefühl, dass er in seine Fotos transportierte. „Mein Ansatz war es, das tiefgreifende Gefühl von Unverbundenheit mit den Dynamiken des Systems Großstadt abzubilden.“ Dass auch seine Protagonist:innen diesen Gemütszustand widerspiegeln, hält er für möglich. Ein bestimmtes Problem möchte er damit aber nicht konkretisieren. Viel mehr geht es ihm um die Visualisierung einer Palette von Gefühlszuständen über einen bestimmten Zeitraum. Doch seine Fotos sprechen für sich.

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Alle Fotografien © Philip Mallmann „In der Stadt“ 2021

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Autor:innen

Sofia
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Ist in Nürnberg aufgewachsen, brach erfolgreich drei Studiengänge ab und entdeckte ihre Liebe für den Journalismus nach einem Praktikum in einer Musikredaktion. 2019 gründete sie das DIEVERPEILTE-Magazin. Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Sexualität, Drogen, Musik und auch alles sonst, was ihre Neugierde erweckt.

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