WARNUNG: Thematisierung von Tod und Trauer.

Trauern ist eine stürmische Angelegenheit. Als ob ein Tornado im eigenen Herzen wüten würde. Zeitgleich ist das Trauern eine unsichtbare Angelegenheit. Zumindest in unserer Gesellschaft. Dort findet das Thematisieren von Trauer noch immer viel zu wenig Platz. Laut einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov, sind 40 Prozent der 16-30-Jährigen in Deutschland der Meinung, dass sich unsere Gesellschaft (eher) zu wenig mit Sterben, Tod und Trauer beschäftigt. 

Wir haben nicht gelernt, wie wir mit dem Verlust von einem geliebten Menschen umgehen können. Und auch nicht, wie wir mit der Erkrankung eines geliebten Menschen zurechtkommen sollen. Krankheiten, Tod und Trauer sind Themen, die lieber im Schrank eingesperrt bleiben. Themen, die so eine starke Angst erzeugen, dass wir sie aus unserem Leben verbannen. Bis wir plötzlich selbst davon betroffen sind. 

So wie ich seit dem 9. Dezember 2021. Das ist der Tag, an dem mein Papa durch einen Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Der Tag, an dem sein bisheriges Leben mit nur 55 Jahren von heute auf morgen beendet wurde. Der Tag, seit dem ich akzeptieren muss, dass mein Papa, der Freigeist höchstpersönlich, laut den Prognosen womöglich für immer ein schwerer Pflegefall bleiben wird. Der Tag, seit dem die Trauer zu einem Teil von mir geworden ist. 

Doch wie funktioniert das eigentlich mit dieser Trauer? Noch immer bin ich auf der Suche nach Antworten auf diese Frage. Dabei habe ich vor allem eins gelernt: Trauer will und sollte gelebt werden. Sie braucht Raum, Verständnis und Zuwendung. Wenn sie bei mir anklopft, bitte ich sie herein und biete ihr einen Tee an. Dann schwelgen wir gemeinsam in tröstenden Erinnerungen. Hören den Song „Der goldene Reiter“, zu dem mein Papa und ich immer laut gesungen oder am Lagerfeuer getanzt haben. Oder meine Trauer und ich beweinen in Stille die Situation. Wir lassen den Schmerz zu und fühlen ihn mit allem, was dazu gehört. An manchen Tagen klopft meine Trauer allerdings nicht nur an, sondern stürmt mit voller Wucht bei mir rein. Ob im Zug, auf einer Party oder im Restaurant. „Jetzt bloß nicht weinen!“, schreit mein Verstand, während die Tränen bereits über meine Wangen fließen. Das passiert vor allem dann, wenn ich die Tür fest verschlossen halte, obwohl meine Trauer hereingebeten werden möchte. 

Durch diese Erlebnisse habe ich lernen dürfen, Verständnis für mich selbst zu haben. Verständnis für den Tornado, der in meinem Herzen wütet und sich an manchen Tagen so anfühlt, als würde alles in mir zusammenbrechen. Zu trauern bedeutet, das Leben mit kiloschwerem Gepäck bestreiten zu müssen. Keine so leichte Aufgabe. Vor allem dann, wenn der Umgang mit solch einer Situation Neuland ist. 

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich vor dem Unfall innerhalb kürzester Zeit panisch das Gespräch wechselte, als mein Papa mit Themen wie Erbe um die Ecke kam, für den Fall, ihm könnte etwas zustoßen. Nur der Gedanke daran schnürte mir die Kehle zu. Deshalb versuchte ich auch vehement, Gespräche über den Tod oder Krankheiten möglichst kurz zu halten. Aus dem Auge, aus dem Sinn, wie man so schön sagt. Ein Selbstschutz, der durchaus seine Berechtigung hat. Doch leider kommen wir um die Endlichkeit unseres Lebens und das unserer Liebsten nicht herum. Schicksalsschläge gehören, auch wenn ich sie keinem Menschen wünsche, zum Leben dazu. Trotzdem wäre es natürlich schön gewesen, wenn das Schicksal bei mir nicht so dermaßen hart zugeschlagen hätte, wofür ich das Leben an manchen Tagen zutiefst verfluche.

Trauer hat viele Gesichter und dazu gehört auch das Gesicht der Wut. Es gibt Tage, da verspüre ich puren Zorn. Manchmal habe ich genug davon, traurig zu sein. Genug davon, hoffnungsvoll zu sein. Genug davon, zu weinen. Dann möchte ich einfach nur wütend sein und mich mit voller Energie meiner Wut hingeben. Auch das darf sein, denn Wut will genauso gelebt werden wie die anderen Gefühle auch. Vorausgesetzt, die Wut ist konstruktiv und schadet nicht mir selbst oder gar anderen Menschen. Wobei auch das vorkommen kann. 

Doch alles zu seiner Zeit. Denn aktuell fühlt es sich noch so an, als hätte man mich von heute auf morgen mit einer fremden Person zwangsverheiratet. Die Trauer wurde schließlich ungefragt über Nacht zu einem Teil von mir. Selbst nach sechs Monaten in einer Beziehung mit ihr, befinden wir uns noch immer in der Kennenlernphase. Dabei schließen wir natürlich auch Kompromisse, so wie es sich in einer guten Beziehung gehört. Zum Beispiel dann, wenn ich auf den Geburtstag von Freunden eingeladen bin. „Du hältst dich heute bitte im Hintergrund, dafür lasse ich die Finger von Schnaps und zu viel Bier“, höre ich mich zu meiner Trauer sprechen. Von Alkohol ist sie nämlich kein großer Fan. 

In den meisten Fällen können wir uns mit diesen Kompromissen arrangieren. Manchmal auch nicht. Dann breche ich mein Versprechen, zeige meiner Trauer den Mittelfinger und erwische mich dabei, wie ich hemmungslos einen Tequila nach dem anderen exe. Oder aber: Ich muss die Party vorzeitig verlassen, weil mich die Trauer ganz plötzlich wie ein Panzer überrollt. In dem Fall ist sie es dann, die mir den Mittelfinger zeigt. Auch das ist Teil meiner Trauerarbeit und darf sein. Trauerarbeit ist eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle, da gehören Höhen und Tiefen dazu. Außerdem sind wir zwei noch immer dabei, uns kennenzulernen und wie wir alle wissen, bleiben Unstimmigkeiten in Beziehungen nicht aus. Nicht ohne Grund steckt „Arbeit” sowohl in dem Wort „Beziehungsarbeit” als auch in dem Wort „Trauerarbeit“.

So sehr ich es mir auch wünsche, ich kann den Unfall meines Vaters nicht ungeschehen machen. Was ich aber machen kann, ist, aus den Erlebnissen meines Trauerprozesses zu lernen. Er hat mir auf vielen Ebenen mehr Klarheit verschafft. Mir ist dadurch bewusst geworden, wie wichtig es ist, das Thema Trauer nicht mehr vehement unter den Teppich zu kehren.

Also lasst uns endlich über Trauer sprechen. Lasst uns dafür gegenseitig sensibilisieren. Lasst uns lernen, wie wir mit der Trauer eine gesunde Beziehung führen können. Lasst uns verstehen, wie wir Trauernden auf die beste Art und Weise beistehen können. Lasst uns wahrhaftig begreifen, wie wertvoll unsere Lebenszeit auf diesem Planeten ist. Wie wertvoll die gemeinsame Zeit mit unseren Liebsten ist. Ein Schicksalsschlag führt uns knallhart die Verletzlichkeit des Lebens vor Augen und doch verbirgt sich hinter ihm der sanfte Weckruf: „Lebenszeit ist kostbar, nutze sie!“

Autorin: Mirja Elena

Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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