Brenda Blitz geht mir ihrer Musik den Weg einer selbstbestimmten Künstlerin. Ihre Songs bestehen aus Texten, die melancholisch, beinahe tragisch sind und einem Sound, der vor Lebensfreude nur so sprudelt. Dahinter verbirgt sich ihre grandiose Lebenseinstellung: Richte deinen Blick auf das Positive, auch wenn das Leben mal wieder beschissen ist. Denn sie findet, dass jede*r es schaffen kann, am Ende mit einem Lächeln aus einer Situation heraus zu gehen. Ihren bisherigen Weg ist sie größtenteils allein gegangen. Dabei hat sie sowohl Höhenflüge als auch tiefe Schluchten erlebt und ist dadurch vor allem gewachsen. Ihre Erfahrungen möchte sie nun mit anderen Menschen teilen, die Bock haben, Mukke zu machen, sich aber noch nicht so ganz trauen. Auf Patreon bietet sie daher Learning-Videos an. Brenda möchte zur Selbstermächtigung motivieren. Dabei liegt es ihr besonders am Herzen, jungen Frauen Mut zuzusprechen. Der Grund dafür liegt im latenten Sexismus, der auch die Musikbranche immer noch durchzeckt.

DIEVERPEILTE: Erzähl doch mal die Geschichte, wie du und die Musik zusammengekommen seid? Wars Liebe auf den ersten Blick?
BRENDA BLITZ: Tatsächlich wusste ich eines schon von klein auf: Ich will auf die Bühne! Das war schon immer in mir drin. Seitdem ich sechs bin, habe ich immer Filme geschaut, in denen Frauen in Rockbands waren. Lindsey Lohan in ‚Freaky Friday‘ zum Beispiel fand ich immer super cool! Ich habe einfach bemerkt, dass ich da körperlich total krass drauf reagiere. Dieser lässige Look und ihre Andersartigkeit haben mich total angetriggert. Meine Mum ist im Gegensatz dazu eher eine Tussi, das fand ich als Kind immer schon ganz strange.

Also war es auch ein kleiner rebellischer Akt?
Ja schon, ich wollte immer ein bisschen mehr boyisch sein. Mit zehn habe ich mir dann meine erste Gitarre gekauft und habe auch schon angefangen, meine ersten Songs zu schreiben. Der Gitarrenunterricht langeweilte mich allerdings, weil ich immer nur Hensel und Gretel oder so zupfen sollte. Ich wollte aber Rockstar werden! Als Kind traute ich es mir nicht, etwas zu sagen und verlor die Musik dann viele Jahre aus den Augen. Mit 20, vor vier Jahren habe ich dann erst wieder angefangen, Gitarrenunterricht zu nehmen. Vor zwei Jahre entschloss ich mich dann dazu ein Projekt zu machen, von dem ich auch leben kann. Und so ist vor eineinhalb Jahren Brenda Blitz geboren!

Hast du vor Brenda Blitz schon andere musikalische Sachen gemacht?
Ne gar nicht. Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Kumpel zusammengetan, der auch ganz bei Null angefangen hat. Wir haben uns dann einen Technikraum gemietet und uns gemeinsam in dieses ganze Universum reingenerded. Ich hatte echt gar keinen Plan, wie man Musik aufnimmt. Ich besaß eine E-Gitarre und einen Verstärker, aber mir war überhaupt nicht klar, wie man Songs produziert. Wir haben uns dann also diese ganzen Programme reingefrest: Logic, Ableton, zu aller erst GarageBand auf dem Macbook. Am Anfang fand ich das alles super abschreckend und kompliziert. Aber wir haben uns da reingefuchst.

BrendaBlitz©AnneFreitag 33
FOTO: ANNE FREITAG

Und dann seid ihr durchgestartet?
Wir haben nie Konzerte gespielt, sondern nur für uns geprobt. Nachdem ich dann meinen ersten Brenda-Blitz-Song gemacht habe, hat mich ein Freund von der Band Wolf Mountains gefragt, ob ich Support für sein Konzert spielen möchte. Das war vor einem Jahr ungefähr und dann konnte alles gar nicht schnell genug gehen. Obwohl ich noch nie ein Konzert gespielt hatte, haben wir einfach fünf Songs gespielt (lacht). Dann kam leider Corona. Das ist auch bis heute echt ein bisschen bitter, weil es gerade losging. Als Newcomerin ist das echt ein Problem. Mich hat ja noch niemand so richtig auf dem Schirm und eigentlich müsste ich mich jetzt Hochspielen. Jetzt läuft alles nur über Social Media, wo man ein bisschen Aufmerksamkeit beziehen kann. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes. Die Zeit habe ich aber trotzdem gut genutzt!

Zum Beispiel für dein neues Projekt auf Patreon. Erzähl doch mal, was du da vorhast.
Also Patreon ist eine Website, auf der man in der Regel Video-Content hochladen kann. Die Videos können sich Menschen dann anschauen, wenn sie den/die Künstler*in abonniert haben. Das funktioniert über eine Mitgliedschaft, für die Nutzer*innen monatlich einen bestimmten Betrag bezahlen. Das Geld geht an uns Künstler*innen, was uns ein mehr oder weniger gesichertes Einkommen verschafft und uns unabhängig bleiben lässt. Was ich auf Patreon vor habe, ist, exklusive Producing-Coachings zu geben.

Wie viel nimmst du für ein Abo von Brenda Blitz? Und was kann man bei deinen Coachings so lernen?
Ein Abo kostet bei mir 2 EUR bis 3 EUR, also echt nicht viel. Der soziale Aspekt ist mir dabei wichtig, damit es sich jede*r, der/die Bock hat, leisten kann. Zu lernen gibt es bei mir, wie man selbst Musik produzieren und aufnehmen kann. Der Fokus liegt auf dem Know-how, das ich weitergeben möchte, womit die Leute dann arbeiten können. Und ich möchte den Mitgliedern auch gerne private Einblicke in mein Leben und meine Arbeit geben: Songwriting, Live-Sessions. Dann wird es auch um allgemeinere Fragen gehen, mit denen man sich beschäftigen muss, wenn man anfängt, Musik zu machen: Wie bau ich mir mein Social Media auf? Wie kann ich meine Reichweite erweitern? Wie finde ich meinen persönlichen Sound? Da möchte ich ganz viel Interaktion mit den Abonnent*innen reinbringen.

Das Angebot zielt auf „GIRLS GIRLS GIRLS & Boys“ ab. Wieso das?
Genau, ich will unbedingt junge Frauen erreichen! In meinem Umfeld gab es immer viele Leute, die eine Band hatten oder aufgelegt haben. Aber halt total männer-dominiert. Das erklärt auch meine lange Pause von der Musik. Irgendwie ist es oft so, dass Männer eher technisch interessiert sind und dadurch versierter in dem Bereich. Aber wenn sich dann mal eine Frau dafür interessiert, habe ich bemerkt, dass es total schwierig ist, an- und ernst genommen zu werden. Ich hatte früher auch einfach echt Angst, was falsch zu machen, wenn ein Mann mir dann mal auf die Finger geschaut hat. Ich möchte Frauen unbedingt die Hemmungen nehmen, sodass sie sich trauen, den ersten Schritt zu machen. Mich hat es auf jeden Fall lange gehindert, weil ich schon eingeschüchtert war.

Da klingeln ja mal wieder die Sexismus-Glocken! Gab es konkrete Situationen, in denen du dich klein gefühlt hast, weil ein Mann seine Macht demonstrieren wollte?
Da gab es sogar mehrere! Zum Beispiel haben wir in meinem Freundeskreis schon viele WG-Partys geschmissen. Mein Mitbewohner, der an sich ein herzensguter Mensch ist, hat dann meistens Vinyl-Platten aufgelegt. Es war immer super normal, dass sich alle Jungs mit dem Auflegen abgewechselt haben. Einmal habe ich mich dann dahin gestellt – fürs Protokoll: Es war eine Hausparty, kein Gig für den Menschen Geld bezahlt haben – und habe mich einfach ein bisschen ausprobiert. Zwei Typen kamen direkt und wollten mir helfen. Ist ja lieb gemeint, aber es war für mich degradierend. Bei den anderen Jungs wussten sie auch nicht, ob sie es wirklich konnten. Aber niemand hat es hinterfragt, weil sie männlich waren. Als ich dann doch zwei, drei kleine Fehler gemacht habe, meinten alle sofort „Hey, das darf auf keinen Fall sein!“. Aber total viele der Jungs haben genau solche Fehler gemacht. Das konnte ich anschließend beobachten und keiner hat was dazu gesagt.

Das ist echt ein richtig blödes Gefühl.
Ja, ich stand einfach so krass unter Beobachtung, dass ich nur Fehler machen konnte. Das ist mir dann wirklich auch mehrmals passiert, sodass ich es irgendwann wieder gelassen habe, aufzulegen. Andere Sexismus-Erfahrungen habe ich schon oft im Backstage gemacht. Wenn Freunde von mir ein Konzert gespielt haben, war ich immer das einzige ‚Mädchen‘. Die Security-Menschen haben immer extra nachgefragt, ob ich denn wirklich zu denen gehörte. Ich fühlte mich dann manchmal eher wie so ein Fan-Girl, das war gar nicht auf Augenhöhe. Für mich war da immer so ein Hierarchiegefälle, weil mir die weiblichen Vorbilder in meinem engeren Umfeld fehlten. Ich habe immer zu Männern aufgeschaut und das muss ich wohl irgendwie verinnerlicht haben. Bis ich dann bemerkt habe, dass ich diejenige auf der Bühne sein will und ich mich selbst ermächtigen kann.

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FOTO: ANNE FREITAG

Hört sich geil an! Einen Support in der Form, wie du ihn nun anbietest, hattest du also nicht?
Ne. Ich bin mittlerweile mit dem Bassisten von Wolf Mountains zusammen und er hat mir immer geholfen, wenn ich Fragen hatte. Das war dann auch gar kein Ding, weil ich bei ihm nicht das Gefühl hatte, klein zu sein. In meinem Freundeskreis gibt es eben nur Männer, die Mukke machen. Keine einzige Freundin von mir hat da Bock drauf. Es ist ja auch wahnsinnig komplex, wenn man sich mit technischem Kram noch nicht so auseinandergesetzt hat. Mich hat das auch immer wieder wie eine Wand erschlagen und ich dachte, dass ich das niemals verstehen werde. Wenn ich ein Problem gelöst hatte, kamen wieder fünf neue. Ich war einfach so oft davor, aufzugeben. Ich musste mir immer wieder selbst sagen, dass ich es schaffen kann. Und diesen Zuspruch und diese Erfahrungen möchte ich nun an andere Frauen weitergegeben.

Hattest du noch andere Strategien, um mit dieser Frustration umzugehen?
Ich habe mir vor allem andere kleine Bands angehört, um mich nicht gleich mit den Großen messen zu müssen. Manchmal habe ich einen Song gehört, zum Beispiel ‚Monster‘ von Alli Neumann, und dachte nur: „Fuck, wie sollst du jemals so einen geilen Song produzieren?“. Aber dann habe ich mir Live-Videos angeschaut und erst mal gecheckt, wie sich die Musik zusammensetzt. Dadurch habe ich immer mehr verstanden, wie man überhaupt einen Song produziert. Bei diesem ganzen Prozess war ich immer viel allein für mich. Ich habe dann gelernt, wie wichtig es ist, mir Pausen zu gönnen und dass ich mich auf gar keinen Fall mit anderen vergleichen darf. Du kannst dich nur mit dir selbst vergleich – mit deinem Ich von vor ein, zwei, drei… Monaten. Und dann stellst du immer wieder fest, dass du heute schon viel mehr kannst. Das motiviert, finde ich immer sehr.

Hast du Visionen für eine von Sexismus befreite Musikbranche?
Ich merke gerade auf jeden Fall schon, dass sich da einiges ändert. Ich finde vor allem durch Alli Neumann, Blond oder auch Mia Morgan hat sich da schon viel getan. Egal, ob die Musik nun persönlich gefällt, zeigen diese Künstlerinnen, dass es durchaus möglich ist, auch ohne als Frau angepasst zu sein, Musik zu machen. In meiner Wahrnehmung gab es vorher noch nicht so starke weibliche Musikerinnen. In den 00er-Jahren oder in den 90ern wurden Frauen ganz stark von Männern vermarktet. Ich denk da an Blümchen oder TicTacToe. Heute ist es cool, besonders zu sein und sein eigenes Ding zu machen als Frau. Die Künstler*innen-Identitäten sind viel organischer und nicht mehr künstlich, um in irgendein auferlegtes Image zu passen. Seit zwei Jahren ungefähr wird auch auf den meisten Festivals endlich darauf geachtet, dass die Bookinglists Frauen gleichermaßen wie Männer repräsentieren und dass die Gagen fair verteilt sind. Ich glaube, wenn wir jetzt so weiter machen, können wir eine schöne und gerechtere Realität erreichen. Das ist nicht mehr so weit weg wie noch vor zehn Jahren.

Gib doch noch gerne einen guten Rat für junge Künstlerinnen, die durchstarten wollen.
Lasst euch nicht sagen, dass ihr irgendwas nicht könnt. Lasst euch nicht runterkriegen, vergleicht euch nicht mit anderen. Du kannst alles durch Übung erreichen. Alles ist möglich, hab Vertrauen in die Sache und in dich selbst <3

Mehr von Brenda Blitz gibt’s auf Instagram und Patreon!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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