Ich habe Drogen nie gemocht. Also am Anfang. In meinem Freundeskreis gab es nur Kiffer. Vermutlich kannte ich auch Leute, die synthetische Drogen nahmen wie Koks oder Speed, aber davon hatte ich nichts mitbekommen. Bis auf die wenigen Ausnahmen, von denen ich wusste, dass sie hin und wieder chemische Substanzen konsumierten.

Ich erinnere mich noch an einen Nachmittag im Freien. Damals war ich 20 und nicht besonders tolerant, was elektronische Musik anging. Meine Freundin und ich besuchten ein Open Air. Wir saßen auf einer Bank und rauchten Zigaretten. Auf einmal tauchten zwei Typen hinter uns auf, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Irgendwann erwischte ich die Freundin dabei, die mir zuvor noch versprochen hatte, beim Alkohol zu bleiben, wie sie weißes Pulver durch ihre Nase zog. Später erfuhr ich, dass es Crystal Meth war. Ich war stinksauer.

Eine andere Freundin stürzte mit 16 auf Meth ab. Zusammen mit ein paar Leuten aus dem Dorf war sie ein Jahr lang drauf. Davon mehrere Tage am Stück wach. Nürnberg, die Stadt, aus der ich komme, ist die Hochburg für Methamphetamin. Wie ich von einigen Meth-Konsument:innen erfuhr, kam es schon mal vor, dass sie bis zu sieben Tage wach waren. Und das, ohne müde oder hungrig zu werden. Meth zählt zu den gefährlichsten Drogen und hat mich zum Glück nie gereizt. Die Leute, die das genommen haben, lösen noch heute Fassungslosigkeit in mir aus. Wenn ich zurückdenke, hatte ich damals keine Ahnung von Drogen. Mein Ex war abhängig von Cannabis, weshalb ich manchmal mitgekifft hatte. Mit chemischen Drogen wollte ich jedoch nichts zu tun haben.

Das änderte sich, als ich 23 wurde.  

Es war Silvester und wir feierten auf einer Hausparty in Wien. »Probier mal«, nickten mir die Freunde, die schon Erfahrung mit Drogen gemacht hatten, ermutigend zu, als ein fremder Typ einen Teller mit weißem Pulver fragend in meine Richtung hielt. Wir hatten schon angestoßen und warteten noch auf den Rest der Gruppe, um auf eine andere Party zu gehen.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Speed«, antwortete er.

Ich warf meinen Freunden erneut einen unsicheren Blick zu. Meine beste Freundin war in diesem Moment auf der Toilette und mein Freund schnarchte seit einer halben Stunde neben mir auf dem Sofa. Es gab also niemanden, der mich davon abhalten konnte. Also entschied ich mich für meine erste Line Speed.

Ich bereute es nie, denn es war ein unbeschreibliches Gefühl, dass mich in dieser Nacht einholte. Ich nehme an, so muss sich Popeye gefühlt haben, wenn er eine Dose Spinat vertilgte. Während meine Freunde mit Müdigkeit zu kämpfen hatten, verspürte ich um 7 Uhr morgens eine Energie wie noch nie zuvor. Es war wahnsinnig aufregend. Ich begriff, dass für mich eine neue Ära anfing.

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Illustration: Anna Haase

Drei Wochen später war ich auf der Geburtstagsparty meines damaligen Freundes. Ich wusste, dass ein paar der Leute auf Drogen waren, also wartete ich auf den richtigen Moment und überredete einen Typen, von dem ich wusste, dass er mit Pillen dealte, mir zwei davon zu verkaufen. Ihre Form werde ich nie vergessen: Gelbe Goldbarren. Ich weiß noch, dass ich flog. Zuerst in ein Paralleluniversum. Danach in die Arme aller Menschen, die mir an diesem Abend entgegenkamen.

Kurz danach kam ich zu dem Entschluss, dass ich meinen Höhenflug wiederholen müsste. Ich war mit Hip-Hop großgeworden, elektronische Musik fand ich wirklich richtig ätzend. Die Drogen versteckten sich allerdings auf den Technopartys. Da ich niemanden von meinen Freunden dazu überreden konnte, mit mir in einen Technoclub zu gehen, machte ich mich alleine auf den Weg. Und so tauchte ich in mein neues Leben ein.

Am Anfang hatte ich natürlich überhaupt keinen Durchblick. Alles war aufregend und ganz anders als die Welt, die ich bisher kannte. Doch bereits nach meinem ersten Clubbesuch hatte ich gelernt, wie man an Drogen kommt: Dealer tragen Bauchtaschen. Nachdem ich mir eines nachts eine Pille bei einem zwielichtigen Typen organisiert hatte und entgegen seines Rates, anstatt einer halben direkt eine ganze Tablette schluckte, durchlebte ich meinen ersten Horrortrip.

Ich spreche von einer Psychose mit Halluzinationen, ausgelöst durch eine Überdosis Ecstasy. Im Laufe des Abends entwickelte ich eine Art Beziehung zu einer imaginären Gestalt, die ich den schwarzen Mann nenne. Was sich für einen Außenstehenden witzig anhören mag, war für mich die pure Angst. Danach hatte ich es mir ziemlich schnell bei meinem Freund verschissen. Nach meiner Ankunft zuhause redete er kaum ein Wort mit mir. Das lag womöglich daran, dass ich seit Wochen drauf war und diesmal so über die Stränge geschlagen hatte, dass ich sein Gesicht nicht mehr erkannte. Doch ich hatte wahnsinniges Glück und somit erst mal keine Lust mehr auf Ecstasy.

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Illustration: Anna Haase

Dann habe ich Speed für mich entdeckt. Für die meisten ist es ein unheimlich ekelhaftes Gefühl, wenn die Droge nach dem Ziehen den Rachen runter läuft. Für mich gab es kein stimulierenderes. Mittlerweile verbrachte ich jedes Wochenende im Club und erhielt echte Anerkennung bei den Drogenleuten für die großen Lines, die ich legte. Die Woche zog nur noch an mir vorbei. Den Freitag konnte ich jedoch kaum abwarten, denn das war der Tag, an dem ich wieder drauf sein konnte. Manchmal zog ich auch schon unter der Woche Speed. Einfach so, um wach zu sein. Es ist vermutlich schwer nachzuvollziehen, aber ich habe mich damals richtig lebendig gefühlt. Das lag daran, dass ich all meine Sorgen abschieben konnte. Innere Unruhe kann die verschiedensten Gründe haben. Meine resultierten aus Übergewicht, Schulden, Beziehungsproblemen, Unsicherheit und Versagensängsten und wurden mir zum Verhängnis.

Drogen machen komische Sachen mit dem Gehirn. Deshalb nehmen die Leute sie. Sie holen dich runter, sie bringen dich hoch, und sie lassen dich vergessen. Egal, ob es eine Tüte zur Entspannung am Abend ist, eine Flasche Wein am Freitagabend, eine Pille, die einer Nacht im Club das i-Tüpfelchen aufsetzt, oder eine Line, die dich in eine krasse Parallelwelt beamt – all diese Substanzen bieten den Bewohner:innen dieser Erde eine Möglichkeit, eine kurze Zeit aus ihrer Scheiße zu entfliehen.

Zwischen 2016 und 2019 konsumierte ich beinahe wöchentlich Speed, Kokain, Ketamin, Ecstasy, MDMA oder Zeug, das mir als solches verkauft wurde. In dieser Zeit, als ich so glücklich auf Drogen war, nahm ich die Außenwelt anders wahr. Anfangs dachte ich, nur die Leute im Club oder auf Droge würden zu mir passen. Zuerst fühlte ich mich mit ihnen verbunden, denn für mich gab es niemanden, der mich verstehen konnte. Später verstand ich die Drogenleute nicht mehr, weil sie sagen: »Wir sind füreinander da«. Unter diesem Deckmantel betäuben sich täglich Millionen von Menschen. Ich wäre ganz zufrieden in meiner Drogenwelt gewesen, wenn es nicht immer einsamer geworden wäre.

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Illustration: Anna Haase

Während die Leute behaupten, füreinander da zu sein, denken sie doch in Wahrheit nur an sich selbst. Mit dem eigenen Leben war es ja nichts geworden. Nun wartet wenigstens noch ein bisschen Spaß auf einen. Und irgendwann wird der Spaß zur Verpflichtung. All die schönen Sachen, von denen Drogenenthusiasten immer sprechen, haben ihre Nebenwirkungen. Amphetamin zum Beispiel, der synthetisch hergestellte Wirkstoff, der in Speed enthalten ist, machte Schlafen für mich unmöglich. Im Club sah das nach einer geilen Zeit aus. Zuhause im Bett holten mich die Suizidgedanken ein.

Offen darüber gesprochen hatte ich damals nicht, viel zu groß war meine Angst, dass mir jemand die Drogen ausreden oder nicht mehr gönnen könnte. High fühlte ich mich besonders. Ich hatte keine Selbstzweifel. Drogen lassen uns unsere Sorgen vergessen. Eigentlich lassen sie uns gar nichts fühlen. Das mochte ich. Trotzdem liebe und achte ich diese Zeit irgendwie. Sie zeigte mir auf, was im Leben wirklich wichtig ist: das Leben in seinen vollen Zügen zu genießen. Aber vor allem fand ich dadurch meine Liebe zur Musik und was noch viel wichtiger ist, zum Journalismus.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE .

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