WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen einer Vergewaltigung.

Mit diesem Text will ich mich nackt machen. Um mir und anderen zu zeigen, dass die Nacktheit nicht das Problem ist. Nicht die Nacktheit an sich ist das Problem, sondern das, was mit einem passiert, wenn sie einem aufgedrängt wird, wenn sich in deinen nackten Körper hineingedrängt wird und dein Körper für dich zum Fremdkörper wird. Nicht die Nacktheit an sich ist das Problem, sondern das Gefühl der Ausgesetztheit und der Scham über diesen angegriffenen Körper, dass ich mit ihm in seiner Nacktheit zu verbinden lernte. Dieser Text soll es nicht einfach machen, gelesen zu werden. So wie es nicht einfach war, mit diesem entfremdeten, zerbrochenen Körper weiterzumachen, nach dem was passiert war.

In früheren Texten habe ich ihn immer mit „Du“ angesprochen, als ich über diesen Nachmittag geschrieben habe. Vielleicht, weil es sich dann zumindest nach all den Jahren so anfühlt, als würde ich ihn konfrontieren, als fühlte ich mich sicher und stark. Aber eigentlich verstehe ich langsam, dass ich Antworten wollte auf Fragen, die ich nicht mehr stellen konnte. Er hatte mich damals auch Vieles gefragt, als ich da an der Bushaltestelle saß und gehofft hatte, irgendwas würde passieren, dass so gut ist, das so schön ist, dass es all den Schmerz wert sein würde. Ich erlebte gerade eine starke Phase meiner Depression und war blind in einen Bus gestiegen, einfach des Vorankommens, des Losfahrens wegen. Er ist stehen geblieben. Weil er mich gesehen hat und ich so unglaublich schön in seinen Augen sei. Und ich fühle mich, als würde ich mich verteidigen für diese beinahe kindliche, hoffnungsvolle Naivität, mit der ich mich an den Glauben klammerte, das hier wäre der Moment, in dem sich alles zum Guten wenden würde. Er fragte nach den Schnitten auf meinen Armen und sagte, sie erinnerten ihn an ein Zebra. Ich mochte, dass er mich nicht behandelte, als würde ich jeden Moment zerbrechen und gab ihm meine Nummer.

Als wir uns wiedersahen, war ein Monat vergangen. Es war ein später Sommernachmittag kurz vor einem Gewitter. Man konnte bereits die Spannung in der Luft spüren, die sich bald entladen würde. Wir hatten ausgemacht, spazieren zu gehen. „Es regnet bald. Können wir bei mir vorbeigehen, damit ich mein Skateboard nach Hause bringen kann?“ Wir gingen zu ihm und kaum waren wir durch seine Tür, küsste er mich auf dem alten Ledersofa in seinem Zimmer. Ich erinnere mich noch, dass ich danach gleich meine beste Freundin angerufen habe, um ihr ganz stolz zu erzählen, ich hätte zum ersten Mal in meinem Leben einem Fremden einen geblasen. Eigentlich war es überhaupt das erste Mal gewesen, dass ich mit irgendeinem Menschen auf diese Art und Weise intim war, aber das sagte ich nicht. Auch, dass ich mich irgendwie komisch fühlte, sagte ich nicht. Das wollte ich nicht einmal bemerken. Als er mir am nächsten Tag schrieb, war ich seltsam erleichtert und sagte zu mir: „Siehst du, es ist alles gut. Er mag dich, und du bist halt jetzt eine Erwachsene. Das war schon alles okay, wie es gelaufen ist“ Er lud mich zum Tischtennisspielen ein und ich war erleichtert, nicht wieder in mein dunkles Zimmer zu müssen ein und ich sagte zu. Das seltsame Gefühl ganz tief in mir drin blieb und an dem Tag, an dem wir uns trafen, betrank ich mich in der Mittagspause während der Schule mit einer Freundin.

Die Tischtennisplatte war vor seiner Wohnung. Er redete nicht mit mir, während er halbherzig den Ball über das blaue Feld zu mir spielte. Nach zehn Minuten fragte er:“ Gehen wir rein?“ Nein, nein, nein…, dachte ich und sagte „Ja.“ Ich setzte mich auf das Sofa und hatte das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wie man sitzt. Er schaltete eine amerikanische Zeichentrickserie an. Erst Jahre später war mir dieses Detail wieder eingefallen und erklärt mir meine extreme Abneigung dagegen. Er schnitt seelenruhig eine Wassermelone auf und aß sie schlürfend, während wir schweigend der Serie lauschten, die ich in dem Moment schon gefühlt immer gehasst habe. Er putzte sich sorgfältig die Finger ab, stellte den Teller auf den Schreibtisch unter dem großen Bob Marley Poster und dem viel zu kleinen abgedunkelten Fenster, drehte sich zu mir und drückte seine Lippen auf meine. Seine Lippen, seine Zunge und seine Forderungen, die er damit ausdrückte, schmeckten nach Wassermelone. Er fasste mir zwischen die Beine und ich sagte „Nein“.

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AUTORIN: CLAUDIA PLONER

Er fasste mich überall an, irgendwann sagte ich nichts mehr. Weil ich nicht mehr konnte. Weil ich da auf der blanken Matratze lag, meine Arme unter seinen Knien und seinen Penis in meinem Mund hatte, der mich beinahe zum Würgen gebracht hätte, wäre mir nicht in dem Moment eingefallen, dass man dies ja mit bestimmten Tricks aus der Bravo unterdrücken könne. Ich lag da und war ganz klar im Kopf, was nicht schwer ist, wenn da nichts mehr ist, außer der Satz „Ich wäre lieber tot“, der da in deinem Kopf zirkuliert wie der Bildschirmschoner der alten Windows-PCs, den du mit Neugier von jeder Seite betrachtest, während du und die Welt in dir und um dich mit jedem Stoß seines Penis in deinen wortlosen Mund zerbricht. Und du weißt, der einzige Ausweg ist sein mit Stöhnen begleitetes Kommen in ebendiesen. Und dann war er gekommen und ich stand auf. Keiner sagte ein Wort, ich zog mich an und ging in den Flur zu meinen Schuhen.

Sein Mitbewohner war in der Zwischenzeit nach Hause gekommen. Er blickte mich vielsagend und verschmitzt an. Während ich meine Schuhe band, spürte ich die Blicke des Mitbewohners und des noch halb nackt und verschwitzt aus seinem Zimmer kommenden Typen in meinem Rücken. Als ich mich verabschiedete, ging dieser auf mich zu und küsste mich auf den Mund. Ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Langsam ging ich die Treppen hinunter, wurde dann immer schneller und schneller, bis ich ums Eck war und begann zu rennen und zu weinen und zu keuchen und innerlich zu schreien, ohne nach außen hin eine Emotion in mein leeres, blasses Gesicht zu erlauben. Ich rannte und rannte und renne seitdem.

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ALLE FOTOS: LEA MAY

Das alles ist nun Jahre her. Das Schlimme, abgesehen vom Offensichtlichen, sind die Jahre voller Erinnerungen an den Wassermelonen-Nachmittag. Die verzweifelten Handlungen, um zu vergessen, die mich noch leerer, noch kaputter machten. Das Festbrennen von Strategien, um mit Schmerz umzugehen, ihn zu lindern, zu betäuben, das Festbrennen der Erwartungen, wie mit mir umgegangen werden wird, und der Menschen, die dies in meinem Leben erlaubt.

Jahre später versuche ich Hunderte von Knoten und Verstrickungen, die von diesem Moment – oder eigentlich schon so weit davor – ausgehen zu entwirren, aufzulösen, mich neu mit mir selbst zu verbinden und auch die Verbindung zu anderen wieder zulassen zu können – eines Tages. Es tut mir leid für das Mädchen, das so naiv an Hoffnung geklammert war und so verletzt wurde. Ich möchte sie so gerne in den Arm nehmen, wie sie da auf den kalten Fließen des Badezimmers sitzt – bereit, nichts mehr zu fühlen. Ich möchte ihr sagen, dass es eine Zukunft für sie gibt, in der sie sich nicht mehr so leer fühlen wird. Eine Zukunft, in der sie diesen Körper im Spiegel vor sich wieder als den ihrigen anerkennen wird. Diesen Text zu schreiben hat weh getan, aber nicht mehr so sehr, wie damals.

Mit jedem Wort hat sich da wohl ein Knoten etwas weiter gelockert und ich habe das Gefühl ich kann atmen. Ich habe mich befreit von dem was mich bedrückt hat, und ich habe das Gefühl ich kann gerade atmen.

Bist du sexuell belästigt worden oder hast sexualisierte Gewalt erlebt? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Telefonnummer 0800 22 55 530. Mehr Infos findest du auf dem Hilfeportal der Bundesregierung. Wer in der Schweiz sexualisierte Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen, betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus. In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten. In jedem Fall gilt: Wende dich auch an die Polizei in deiner Nähe und zeige den Täter oder die Täterin an.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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