„Dann zieh ich halt nach Berlin, da kann ich wenigstens feiern gehen“, so in etwa lautete meine trotzige Antwort, als meine Auslandskoordinatorin auf der Uni mir eröffnete, dass mein geplantes Erasmus-Semester in Norwegen nicht zustande kommen würde. Dass die Wohnungssuche jedoch alles andere als einfach werden würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Auf rund 50 mühevoll individuell angepasste Bewerbungen bekam ich genau eine Antwort – „das alte Backhaus“.

Die Beschreibung „wie eine Kommune“, finde ich ganz passend, da das Haus, in dem ich gewohnt habe, an der Langhansstraße liegt und der Name somit an den Gründer der Kommune 1, Rainer Langhans, erinnert. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich neugierig und gleichzeitig nervös das erste Mal mein neues Zuhause betrat. „Dirk“ der Vermieter, führte mich zu meinem Zimmer im zweiten Stock. Die Metallstiegen, Spinnennetze und roten Wände im Stiegenaufgang erinnerten an ein altes Hostel – die, die ich auch auf Klassenfahrt schon richtig schrecklich fand. Doch ich hatte Glück. Mein Zimmer musste ich nur mit einer weiteren Person teilen, da ich vorhatte, länger als vier Monate in Berlin zu bleiben. Diejenigen, die nicht so lange blieben, mussten sich ein Zimmer zu viert teilen. Privatsphäre war ein Privileg. Doch Not macht erfinderisch. So wurden eine halb schwindelige Kleiderstange, eine dicke Schnur und ein paar alte Tücher zur provisorischen Trennwand errichtet.

So saß ich nun auf meinem klapprigen Einzelbett erschöpft von einer 12 Stunden Busfahrt und mit demselben wiederkehrenden Gedanken: „Was, wenn mich die anderen nicht mögen?“. Im Nachhinein betrachtet natürlich völliger Schwachsinn. Schon in der ersten Nacht lernte ich bei einem gemütlichen Bier einen Großteil der Mitbewohner*innen kennen und war begeistert, woher sie alle kamen. Das Tolle daran war: Wir alle saßen im selben Boot. Ins Backhaus ziehen nämlich vorwiegend Menschen, die in Berlin niemanden kennen und auch nur für eine begrenzte Dauer vor haben zu bleiben. Eingetragen ist das Alte Backhaus als gemeinnütziger Verein, der Zusammenleben, Betreuung, Bildung und Integration von Menschen unterschiedlichster Lebensumstände fördert. Ein Ort für interkulturellen Austausch allemal. Von der Austauschstudentin aus Alaska, dem IT-begabten Inder, der für alles eine Lösung hatte, bis hin zum Unternehmensberater aus Berlin, der gerade einfach „nichts Besseres“ findet. Ich persönlich bin gern unter Menschen und liebe es, ihren Geschichten zu lauschen.

Meine 26 Mitbewohner*innen und ich wohnten also auf einer Fläche von 850 qm2. Geteilt haben wir uns Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Badezimmer und WCs. Alles eigentlich. Wie das funktionieren kann? Ein Putzplan sollte für Sauberkeit und Ordnung sorgen, doch so wie auch die Stadt Berlin hat auch das Backhaus seinen eigenen trashigen Flair, der egal wie viel man putzt, nie ganz zu verschwinden scheint. Doch einmal abgesehen von den Löchern im Boden und der abblätternden Farbe an der Wand, gab es auch in der Küche einige Juwelen zu finden. Mäuse, die einem beim Frühstück Gesellschaft leisten, eine in Alufolie gerahmte Spaghetti an der Wand und das “Schwarze Loch” zählten zu meinen Favoriten. Wenn wer etwas nicht mehr wollte, hat man es dort abgelegt und innerhalb weniger Sekunden war es verschwunden. Ich hätte womöglich auch mein Erstgeborenes dort ablegen können und hätte es nie wieder zu Gesicht bekommen.

Warum ich mir nichts anderes gesucht habe? Der Grund dafür waren schlichtweg die Leute, mit denen ich mein Leid teilte. Egal, zu welcher Uhrzeit man nach Hause kam, mit absoluter Sicherheit, hat man im Gemeinschaftsraum noch jemand mit einem Bier angetroffen, dem man von seinem miesen Tinder Date erzählen konnte. An den Wochenenden haben „Team Useless“ (der Kreis meiner engsten Freunde) und ich oft die Berliner Clubs erkundet. Wenn wir die anderen Mitbewohner*innen überreden konnten, mitzukommen, ist es so auch oft passiert, dass man plötzlich fast zu dreißigst vorm Club stand – und uns gleichzeitig natürlich alle nicht mehr kannten, weil niemand ein „Heute leider nicht“ kassieren wollte.

Wie Achterbahn fahren und die einzige Person, deren Sitz nicht gesichert ist, ist der eigene. So fühlt sich umziehen für mich an. Gerade das letzte Mal, als ich im August 2020 wieder zurück nach Berlin zog, war sehr schwierig für mich. Alles zu verkaufen, seine Gewohnheiten, Familie und Freunde zum vierten Mal “zurückzulassen” und ein neues Leben in einer anderen Stadt beginnen. So romantisch und aufregend dieser Gedanke auch klingen mag, ist es doch auch gleichzeitig eine enorme seelische Herausforderung. Als ich bei einem Abendessen mit Team Useless darüber redete, blickte mich mein bester Freund aus dem Backhaus mitfühlend an: „But you have a real family here as well, you know that right?” Als ich diese Worte hörte, wurde mir wieder bewusst, ja das habe ich wirklich und dafür bin ich unfassbar dankbar. Auch wenn das Leben in einer so großen WG mit vielen schmutzigen Tellern nicht immer perfekt war, habe ich nicht nur neue Eindrücke dazu gewonnen, besondere Menschen und endsteile Partys kennengelernt, ich habe auch eine Familie gefunden. Es war ein Zusammenleben, das auf ihre eigene verdrehte Art und Weise mein geliebtes Zuhause in Berlin geworden ist.

www.altesbackhausberlin-ev.de

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Fotos: Jan Neumann

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