Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen sexualisierter Gewalt.

Er war blond und ich war 15. 

Ich hatte sie mir gekauft. Durchgehende Sohle. Zum Schnüren. Schwarz. Und sie waren brandneu. Diese megateuren Platform Boots, die alle Mädchen aus meiner Klasse haben wollten. Jetzt hatte ich sie. Direkt im Laden ließ ich meine alten Sneaker stehen und zog die neuen an. 

Damit würde ich save die nächste Berliner Love Parade mitnehmen. Ich wusste schon immer was ich will. 

Die Hauptstadt war aufregend, bunt und geschäftig. Zu jeder Tageszeit. Doch für heute hatte ich das, was mein fünfzehnjähriges Herz begehrte. Also ging ich. 

Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als ich am Hauptbahnhof in den Zug stieg. Gewohnheitsmäßig wählte ich einen der hinteren Waggons. 

Zum abchillen. Hauptsache wenig Menschen.
Mehr Zeit zum denken. Meine liebste Beschäftigung. Damals wie heute. 

Das erste Abteil war leer. Ich lief, während der Zug sich wieder in Bewegung setzte, zu einem Zwischenabteil und entschied mich für einen Platz an einem großen Panorama-Fenster. 

Allein.
Der Zug machte den ersten Stop und fuhr wieder an. 

Es dauerte nicht lange. Und das Gefühl setzte ein. Das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich kenne es gut. 

Etwas abseits von mir setzte sich ein blonder Typ auf einen Sitzplatz. Ein normaler Typ. Vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig. Er sah gut aus, aber darüber dachte ich zu diesem Zeitpunkt nicht nach. Ich war fünfzehn. 

Nach ein paar Minuten kam er ein paar Sitzplätze näher zu mir. Ein Platz trennte uns.
Heute wäre das der klassische Corona-Platz. Damals war es der Noch-so-viel-Abstand-trennt- dich-von-ihm-bis-etwas-passiert-Abstand. Ich war mir dessen vollumfänglich bewusst. 

Ich sehe es. In seinen Augen.
Mir ist, als wäre es gestern gewesen. Als wäre es die ewige Gegenwart. 

»Darf ich dir was zeigen?« Mehr sagt er nicht. 

Ich schaue ihn an. Seine Augen sind strahlend blau. 

Wie kannst du so normal aussehen?
Und dabei solche Abgründe in dir haben? 

Das denkt mein fünfzehnjähriges Ich. 

Er sitzt da und beginnt die Schnürsenkel seiner teuren Wildlederschuhe zu öffnen. Hellbraun sind sie. Wortlos schaue ich zu. Unfähig einen Ton von mir zu geben. 

Kein Schaffner kontrolliert unsere Fahrscheine. 

Sein unleugbar gepflegter und in durchsichtigem Nylon verpackter Fuß findet auf der Sitzfläche zwischen uns Platz. Der einzelnen Sitzfläche, die uns voneinander trennt. Seine Nägel sind lang, rosa lackiert und derart gepflegt, dass es schon fast künstlich anmutet. Mein Atem stockt. 

Ich sehe ihn an. Er erwidert meinen Blick. 

Warum ist er nicht wenigstens hässlich? 

Wieso sieht er nett aus?
Und ist dabei so untragbar widerlich? 

Es ist unerträglich. 

Verdammt.. 

In einer filigranen, nicht unästhetischen Schrift lese ich die Tätowierung, die quer über seinem Fußrücken verläuft. 

Fetish.. 

Wieder schaue ich ihn an. Seine Augen sind immer noch blau. Nach diesem Moment beobachte ich mich selbst von außen. 

Er steht auf und berührt mein Bein. Seine Finger greifen in das schwarze Leder meiner neuen Boots. Er ist bestimmt. 

Wie ich, wenn ich etwas will.. 

Er beugt sich vor und ich sehe, wie seine Zunge über die Sohle meiner neuen Schuhe leckt. Seine Augen sind geschlossen. 

Ich könnte brechen.. 

Mit einer übermenschlichen Anstrengung gelingt es mir aufzustehen. Er hält mich fest und lächelt mich an. 

Diese Augen. Was für ein irres Blau.. 

Mein Herz stockt. Dann rast es. Und ich trete im Affekt gegen seinen Kopf. Mit voller Wucht. Er knallt brutal gegen die große Panorama-Scheibe. 

Er hat mich darum gebracht, in Ruhe nachdenken zu können. Ich wollte allein sein. Der dreckige Wichser mit seinem perversen Scheiß..! 

Seine Hand greift bereits wieder nach mir. Ich reiße mich los und renne. Durch das nächste Abteil. Der Zug hält. Ich springe aus dem Waggon. Eine Haltestelle bevor ich hätte aussteigen müssen. 

Egal. Hauptsache raus.. 

Ich drehe mich nicht um. 

Niemals will ich mich umdrehen.. 

Alles tut mir weh, aber ich renne weiter. Zumindest weiß ich, wo ich bin. Die Schatten der Häuser werden länger und die Straßen, die mich irgendwann heim führen, erstrecken sich scheinbar endlos vor mir. Ich werde nicht langsamer. Ich renne bis das Seitenstechen in meiner linken Flanke unerträglich wird. Mein Keuchen bezeugt, dass ich lebendiger nicht sein könnte. 

Ich lehne an einer Laterne und denke nach. Spiele diverse Szenen durch. 

Er hat geglaubt, dass er sich nehmen kann, was er will..
Und entweder er oder ich kann froh sein, dass ich kein Messer dabei hatte.
Ich hätte es benutzt. Wütend und unüberlegt. Ich hätte es ihm irgendwo rein gerammt. Wahrscheinlich hätte er es mir abgenommen.. 

Weitere Gedanken gefrieren in meinem Kopf. Ich traue meinen Augen nicht. Der Schock, der mich ereilt, lässt mich zur Salzsäule erstarren. Ich blinzele meine Tränen weg. 

Es ist vielleicht zu dunkel.. 

Er steht da. Auf der anderen Straßenseite. Und er winkt mir zu. Mit aller Gewalt stoße ich mich von dem kühlen Laternenmast ab. Und renne. Kilometerweit. 

Seine perfekt pedikürten Nägel werden ihm einen Strich durch die Rechnung machen.. 

Damit behielt ich recht. Aber.. 

Der Wichser war erwachsen und ich war fünfzehn. 

Illustration: Nele Baron

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