Da bin ich heute aufgewacht und meine Wangen umgab eine salzig feuchte Lache. Ich habe wohl wieder von meinem ersten Leben geträumt, das ja im Grunde kein Traum war; mich nur immer wieder einholt. Die uringelben Wände einer sächsischen Schwimmhalle, welche – so furchtbar schwül – ein ganz fernes Klima heraufbeschwor und deren riesige Glasfront nur einen verschwommenen Blick auf die Außenwelt erlaubte. Am Anfang stand das wohlige Gefühl, im tiefsten Winter noch immer im Wasser zu schwimmen und erst am Ende dann folgte der sehnsüchtige Blick nach draußen – auf weißen Winter, dessen Schneeballschlachten immerzu ohne mich gespielt wurden.Aber natürlich verfing ich mich bei 27 Grad Wassertemperatur vorerst im Reiz des Tropischen. Anstatt übliche 50 Meter lange Bahnen gab es Sprungbretter, auf denen man so hoch wippen konnte, dass man glaubte, fast die Decke zu berühren. Wollte man diese dann tatsächlich einmal streicheln, so kletterte man bis zur Spitze des Zehn-Meter-Turms und stürzte sich in eine blaue Grotte, um am Meeresgrund des seelentiefen Beckens entlangzuschnorcheln. Und eigentlich sind wir auch nie geschwommen, sondern immer gesprungen, wir waren Wasserspringer:innen.

Das klingt erst einmal nach Freibad, Spaß und Sonne – dabei ist es alles andere als bloß ein seltenes Hobby. Eher ein seltenes Leben oder ein äußerst seltener Fetisch. Es ist simpel gesagt die Symbiose aus Perfektion, Eleganz und einer Menge Kraft. Wenn man mit 50 km/h auf die betonglatte Wasseroberfläche trifft, dann braucht es neben unzähligen Muskeln vor allem ein starkes Gemüt. Nur eine Millisekunde entscheidet über spritzerloses Eintauchen oder einen von blauen Hämatomen geschmückten Körper. Es ist sehr schwer, diese höchst komplexe Sportart zu erläutern und dass ein Großteil der Vorarbeiten eben erst an Land stattfindet, das weitet das Spektrum der zu erlernenden Bewegungsabläufe ungemein aus. Denn bevor wir uns im Nassen drehen und verformen, um die eigene Achse und in verschiedene Richtungen kreisen, wird prophylaktisch geturnt, im Trampolin experimentiert und in große Schaumstoffgruben gesprungen. Es ist die menschliche Fülle der körperlichen Entfaltung nach striktem Regelwerk und seit 1904 ein traditionsreiches Element der Olympischen Spiele.

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Jeder von der FINA – FÉDÉRATION INTERNATIONALE DE NATION – gelistete Sprung besitzt eine dazugehörige Nummer. Vom einfachen Fußsprung vorwärts gestreckt (100a) bis hin zum dreieinhalbfachen Auerbach-Salto in gehechteter Ausführung (307b). Nimmt man nun den 307b auseinander, so steht die Drei für die Sprungrichtung Auerbach, die Null für die Anzahl der nichtvorhandenen Schrauben (Abb. 1), die Sieben für alle halben Drehungen (Abb. 2), was dann addiert dreieinhalb Salti ergibt und das B für die Ausführung in gehechteter Form (Abb. 3).

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ALLE ILLUSTRATIONEN: LAURA SISTIG

Allen Sprüngen wird außerdem ein Schwierigkeitsgrad zugeschrieben, welcher je nach Höhe variiert und nach entsprechender Bewertung mit der erreichten Punktzahl multipliziert wird. Die maximale Anzahl an Drehungen ist zwar durch das Menschenmögliche begrenzt, doch jährlich verschiebt der Spitzenreiter China diese Grenze einen Salto weiter nach oben und macht unmöglich Geglaubtes möglich.

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Mathilda macht einen zweieinhalbfachen Salto rückwärts vom 3-Meter-Brett in Leipzig beim Weihnachtsschauspringen 2017

Hinter all dem steckt jahrelanges Training, der Weg über Sonderschulen, harte Arbeit an Samstagen und am Ende soll es doch immer nur eines: leicht aussehen. Was Leichtigkeit aber wirklich bedeutet und dass diese womöglich nur in der Akzeptanz unserer Imperfektionen zu finden ist, erlebte ich zunächst als Irrfahrt durch das Leben nach dem Sport. Denn für Treffen mit Freund:innen ist schon ab der dritten Klasse keine Zeit mehr und so werden Schmerzen einfach weggelacht, wenn man sonst nichts mehr zu lachen hat. Alles erscheint einem dann so viel milder, dabei packt man viel Gepäck für eine schwere Zukunft. Kurz erträglich wird es nur unter Menschen, wenn jedes Jahr der Sommer wiederkommt und das Freibad seine Tore öffnet. Dann tauen Staunen und Bewunderung das Herz kurz auf, welches noch immer schlaflos von Olympia träumt. Denn die Wahrheit ist, dass es zumindest im Einzelsport immer nur einen Sieger geben kann und der Rest noch heute glaubt, nie genug zu sein. Mein Leben also bleibt ein Halbschlaf und dieser immergleiche Traum beginnt dann so:

Früher, als das Wasser noch hellblau war und alles heimisch nach Chlor roch, da sind wir einfach abgetaucht, wenn es im Außen zu laut wurde. Wie kleine Pinguine muss man sich das vorstellen, die mit ihren klitzekleinen Zehen über Fußpilz heraufbeschwörende Fliesen dümpelten. Pinguine, die ja nicht zu schnell rennen sollten und immerzu rannten, bis das trillerpfeifende Machtwort fiel, das uns jeden Moment aufzufressen schien, bis wir in unserer dummen Kinderangst einfach so ins Wasser hüpften. Kurz wurde es dann ganz still, keine Macht mehr und vor allem keine Worte. Haben wir uns doch einfach den Beckenrand weggedacht, um fantasievoll im Mittelmeer zu baden. Ganz am Anfang zumindest war das alles, was wir wollten. Nicht mehr als leicht durchs Wasser gleiten, wenn die anderen Kinder ihre trockenen Leben lebten. Immerzu durch diese Schwerelosigkeit zu schwimmen und noch ein klein wenig länger von der nixenhaften Verwandlung zu träumen. Ich wollte das wohl dreizehn Jahre später immer noch, aber da wurde nicht mehr gespielt, nur noch bekriegt.

Das hatte man uns dann schon beigebracht, wenn die Luft plötzlich knapp wurde und sich unsere Lungen an das letzte Fünkchen Sauerstoff krallten. Bevor wir im Auftrieb schon die verschwommenen Worte über der Wasseroberfläche hörten und aus diesen Worten in einer langen Sekunde lautes Geschrei wurde. Für den verbotenen Abgang rügte man uns nach Strafgesetzbuch, sechster Abschnitt: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eben noch im Spiel über die glatten Fliesen rennend und dann verbotenerweise ins Wasser springend, fürchteten wir nun mit zusammengekniffenen Augen den beißenden Klaps auf die noch weiche Haut des kleinen Pos. Was uns einfalle und wer wir seien, so wild, ja fast radikal auf dem Gesetz herumzutrampeln. Mit erhobenem Finger und wütenden Augen schauten sie auf uns herab und eigentlich tat es schon der erste Blick – füllige Kinderherzen schrumpften und in sie pflanzte das Ego seine Samen. Von den glitschigen Rängen der Schwimmhalle aus schauten wir nun demütig auf unser Mittelmeer. Mit triefenden Armhärchen, dem letzten Abbild einer abenteuerlichen Odyssee, blieb uns nur das Gedankenbaden. Und so saßen wir da mit unseren sechs Jahren und lernten in nassen Badeanzügen zu lieben, was hinter den Grenzen liegt. Mit einer Sehnsucht, die nach der nächsten Aufforderung ächzte und uns alle artig bog. „Streck den Fuß, streck das Bein, dann wirst du der Sieger sein”, raunte es ständig durch die jungfräulichen Ohren. Ich hatte das mit den Machtverhältnissen schnell begriffen und schneller noch von mir abzulassen gelernt. Zumindest glaubte ich, alles zu begreifen, aber das kann so ein Erbsenhirn ja gar nicht. Alles, was ich wollte, war, dass es mir wieder blau vor Augen wird, – und das wollte schlussendlich nicht nur ich allein. Denn wir hätten uns am liebsten auf der Stelle freiwillig versklavt, um mit den Beinen wieder im Wasser strampeln zu dürfen.

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Mathilda Sanchez im Jahr 2007 bei ihrem ersten Sprung vom 1-Meter-Brett (Leipzig)
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Mathilda springt vor Freude in die Höhe nach ihrer ersten Deutschen Meisterschaft im Jahr 2013 (Leipzig)

Jeder Muskel mehr, der zuckte, nahm jedem klugen Gedanken zuvorkommend seinen Impuls. Es war unser persönlicher Zirkus, in dem jedes Molekül in scheinbar perfekten Bahnen kreiste und sich alles immer in Bewegung befand. Eine Dynamik, die keinen Stillstand kannte und kam man doch einmal aus dem Tempo, dann war der Schubser vom Turm nicht weit. Im freien Fall, so hieß es, ließe es sich so richtig gut beschleunigen und besser noch, mit klatschendem Aufprall werde man wieder so richtig schön wach. Dass sich dieses Empfinden nur vom Verlust einer weiteren Gehirnzelle nährte, das schrieb dieses fabelhafte Schauspiel nie auf seine Banner. Oft liegen nämlich Perfektion und Chaos viel näher, als man glauben mag. Die Annahme, es gäbe viel dazwischen, ist im Grunde nur ein Vorwand für unsere Gewissen. So konnten wir – fast melodisch – die Bretter bis ins Wasser drücken, drei Salti in der grazilen Gestalt einer Perle vollführen und das Einzige, was wir empfanden, war reinstes Chaos. Nie war Erfolg von Dauer oder etwas, worauf man sich mal hätte ausruhen können, eher noch ein zusätzlicher Ballast auf dem längst gealterten Rücken. Dann hinken dreizehnjährige Springer:innen auf Krücken umher, weil sich ihre Wirbelsäulen aus Angst vor Bandscheibenvorfällen zusammenkrampfen. Und das in Verbindung mit der Ungleichverteilung sportlicher Erfolge verlieh unseren ursprünglichen Spielereien schnell einen überschwänglich ehrgeizigen Charakter.

Was scheinbar tugendhaft begann, wurde im Verlauf unser aller Laster. So blickten wir auf dem Podest stehend schon bald gegenseitig aufeinander herab. Wo sich bei ein paar wenigen Talenten der Stolz glücklich wälzte, zog die Scham in der Menge der anderen ihre Runden. Was man da fühlte, das ließ sich damals noch nicht benennen, aber heute fühlen wir das immer noch. Es ist, als hätten wir uns die Bürde zu versagen auferlegt, denn irgendeiner muss es ja tun. Es muss immer einen Letzten geben und selbst wenn wir es nicht sind, dann lässt uns dieses Gefühl fest glauben, es zu sein. Dann schwimme ich wieder durchs Mittelmeer hinweg über unbekannte Ufer, bis mein Selbst in einem versifften Teich aus Mitleid seine Runden zieht.

Keiner von uns schlägt mehr Räder oder sitzt lächelnd im Spagat, als wäre es das Normalste der Welt. Allesamt haben wir diesen Teil von uns abgetrennt, dass wir jetzt blind umhertaumeln und verstreut in unseren Schicksalen gammeln. Anstatt allein – als ich und er oder du und sie – könnten wir jetzt wieder zusammenspielen und das Miteinander für uns neu definieren. Aber jedes Mal, wenn uns eine weiche Fingerspitze, eine helfende Hand oder gar ein Kuss berühren wollen, dann ist alles, an was wir denken können, diese Kindheit. Nähe gleich Gefahr und Liebe gleich der Feind. Und ebenso rührt die Liebe in uns diese offene alte Wunde an, die große Kinderangst.

Lange brauchte ich, um zu verstehen, wieso ich nicht früher das Handtuch geworfen hatte und was Eltern umtrieb ihre Kinder in diesen Leistungssport zu pressen. Dass ihre Herzen wohl noch winziger waren als die unseren, geschrumpft durch zerplatzte Träume und verpasste Chancen. Und dass Menschen, aus denen ständig ihr Ego spricht, das nicht wahrhaben wollen. Sie sehen dann auch ganz verschwommen, möchten ein letztes und erstes Mal in ihrem Leben die großen Gewinner:innen sein.

Wie Gold wohl schmecken mag, wenn man mit hungrigen Schneidezähnen in die Medaille beißt?

Dann kommt ihnen die Schnapsidee der Reproduktion und endlich können alte Träume wieder atmen. Aus anfänglich nächtlichen Proben des Beichtens und Bittens, mich doch endlich von diesem Training zu erlösen, brauchte es erst flehende Anrufe und viele weitere Jahre. Da war so viel Ehrfurcht nach lauter „Neins” und „Jetzt stell dich nicht so an!”, dass es irgendwann einfach nur noch peinlich wurde, nach Selbstermächtigung zu betteln. Als ich mit 17 dann wirklich einen Abgang machte, also nicht zurück ins Mittelmeer, sondern über noch unbekannte Ufer hinaus ins Leben, da ging eine Gefühlsbombe hoch, die bis heute in meinen Ohren nachhallt. Während der Deutschen Meisterschaften schmerzte mein Herz irgendwann so sehr, dass nichts anderes möglich schien, außer endlich einfach locker zu lassen. Dann der laute Knall gegen das Brett, mein aufgeschürfter Körper und das tränenreiche Telefonat mit meiner Mutter. Zehn ehrliche Minuten später und ich war frei.

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Leipzig Weihnachtsschauspringen 2017, Mathilda und Synchronpartnerin springen vom 3-Meter-Brett
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Mathilda mit frisch abrasierten Haaren im Juli 2021 auf ihrem Abiball (Leipzig) © FOTOS: Mathilda Sanchez

Unweit auf der anderen Seite der Tribüne spielten sich ganz ähnliche Verhandlungen ab, nur dass unwiderstehliche Bestechungen – mit neuen Handys oder Geld – die Zusammenbrüche meiner Mitstreiter:innen noch ein oder zwei Sommersaisons hinauszögerten. Wenn man später glaubt, es sei endlich still geworden, dann entfachen simple Worte der Enttäuschung ihren unvergesslichen Klang. Aus vergangener Gewohnheit stürzt man sich zu gern in die Seen und Badewannen dieser Welt, in der Hoffnung die alte Tauchgang-Nummer könne all den Lärm abschirmen. Im Gegensatz zu damals, sickert aber alles durch. Es gibt keine Worte mehr über der Wasseroberfläche, die sind jetzt zu meinen Gedanken geworden und mein Gehirn muss ich ja ständig mit mir herumschleppen. Da bleibt nichts draußen, es gibt keine Grenzen mehr. Wut, Angst, Hass, Ekel: Alles sickert in meinen Kopf. Aber klar, wenn man Sieger:innen erzieht, die eigentlich gar nicht gewinnen wollen, sondern lieber unentwegt lachen, dann sind das – gesellschaftlich betrachtet – zwei Niederlagen mit einer Klappe.

Natürlich blieb da viel Dreck an meinen Eltern hängen. Ist ihnen doch tatsächlich die Kontrolle über meinen Willen entglitten und die eigentlichen Verlierer seien eh schon immer sie gewesen. Ihre Erziehung zu lasch, all der Aufwand umsonst und bei gelegentlich zu liebevollem Umgangston sei das auch überhaupt kein Wunder.

Niemand honorierte je ihren jahrelangen Spagat zwischen richtig und falsch, ihrem und meinem Leben. Doch das, was letztendlich an mir kleben blieb, ist noch viel schwärzer. Ich bin es ja gewesen, die irgendwann gestehen musste, dass sie überhaupt nicht fliegen kann. Weder engelsgleich noch auf einem erfolgreichen Höhenflug. Die Leute fühlten sich dann schrecklich betrogen, als hätte man ihnen die Vorstellung von mir geraubt und sie dazu noch dreimal ins Gesicht geschlagen und dreimal mehr durch die Hölle gejagt. Familienmitglieder, Nachbar:innen, Lehrer:innen, die Arbeitskolleg:innen meiner Mutter, Trainer:innen und sogar Ärzt:innen – die glaubten doch ernsthaft sie hätten einen Anspruch auf das, was ich bin, dabei konnte ich nie fliegen und keiner kannte je mein ganzes Ich. Das kreative, dichtende, träumende Ich. Das wollte vielleicht auch keiner kennen, weil schlecht, aber leidenschaftlich malen können doch immer ein großes Bisschen schlimmer war als gut, aber unglücklich im Handstand zu stehen. Also rieb ich mir über die Jahre die Hände wund und was blieb einem im Dauerschmerz auch anderes übrig, als die bittere Realität kopfüber stehen zu lassen.

Mitten in der Nacht aufzuwachen, bedeutet, mitten im Sprung den plötzlichen Fall in ein schwarzes Loch noch einmal knapp überlebt zu haben. Jedes Mal dasselbe Ende, wenn mich dieses süße Träumlein quält. Es rekonstruiert aus einer getrübten Perspektive, was ich im Leistungssport durchlebte. Es bleibt so mancher Glücksmoment unerwähnt und nicht alles zeigt sich mir ausschließlich als schlechte Erinnerung. Ja, das Gefühl zu siegen, zu trauen, zu zaubern, zu springen, das wird mir immer als ein ganz besonderes innewohnen. Denn alles, was ich bin, das ist auch der Sport und alles, was ich nicht werden will, das lehrte er mich. Also bleibt die Kindheit eine Zeit des vielen Erlebens und Verpassens. Ein Umweg. Ein ständiger Rückenschmerz. Aber nur eine winzige Wahrheit von all dem, was wir sein können.

Autorin: Mathilda Sanchez

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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