Das Pariser Klimaabkommen hat Geburtstag – doch zu feiern gibt es nichts. Vor fünf Jahren wurde bei der UN-Klimakonferenz in Paris das sogenannte Pariser Klimaabkommen beschlossen. An der Konferenz nahmen die Vertreter*innen von 150 Staaten teil und alle sagten ‚Ja‘ und ‚Amen‘. Fünf Jahre später müssen wir uns fragen, ob diese Veranstaltung eher so zu deuten ist wie ein Kirchgang eines*r sich bekennenden Christ*in ausschließlich an Weihnachten: Scheinheilig.

So wie viele Menschen die Weihnachten in die Kirche rennen, wenig mit Religion am Hut haben, haben viele der Unterzeichner*innen des Klimaabkommens wenig mit einer ernst gemeinten nachhaltigen Gestaltung des Lebens zu tun. Ich gehe weder an Weihnachten in die Kirche, noch betitele ich mich selbst als Christin. Ich versuche allerdings ein guter Mensch zu sein, bin es zwar nicht immer, aber meistens. Genauso verhält es sich für mich in Bezug auf Nachhaltigkeit: Ich versuche mein Leben ökologisch nachhaltig zu gestalten, schaffe es nicht immer, aber meistens. Was mir dabei wichtig ist, ist nicht scheinheilig zu sein. Ein E-Auto zu fahren, währenddessen ich meinen Konsum hochhalte, Produkte kaufe, die ich eigentlich nicht brauche, Fleisch en masse esse und so weiter… ergibt für mich keinen Sinn.

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums des Pariser Klimaabkommens habe ich mit der Klimaschutzaktivistin Leonie Bremer von Fridays for Future gesprochen. Die 23-jährige Studentin aus Köln ist von Beginn der Klimastreikbewegung an dabei und seit letztem Jahr eine der Pressesprecher*innen der Bewegung. Sie ist in einigen Punkte einen nachhaltigen Lebensstil betreffend wahrscheinlich konsequenter als ich, auch wenn ich das nicht überprüfen konnte. Scheinheilig ist sie auf alle Fälle nicht, sondern realistisch und hoffnungsvoll zugleich. Ich frage sie, wie sie die Lage der Einhaltung der Klimaziele einschätzt. Leonie sagt, dass es nichts mit ihrer Einschätzung zu tun habe, sondern mit wissenschaftlichen Fakten. Ziele des Abkommens waren unter anderem die Minderung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten. Gemeint ist das berühmte 1,5-Grad-Ziel, das besagt, dass die Erde sich bis 2100 nur um 1,5 Grad erwärmt haben soll und dessen Einhaltung sich Fridays for Future auf die Fahne geschrieben haben.

Derzeit wird eine Erderwärmung von 4 Grad als realistisch erachtet. Grund dafür ist der nicht stattfindende Wandel des Systems. Nach wie vor wird CO2 im hohen Maße ausgestoßen: in der Energieerzeugung, in der Industrie oder im Mobilitätssektor. Fünf Jahre nach Beschluss der Klimaziele werden sogar immer noch Wälder abgeholzt, nicht etwa um das Schienennetz in ländlichen Gebieten auszubauen oder Platz für Windräder zu schaffen, sondern um noch mehr Autobahnen zu schaffen und Kohle abzubauen. System failed again. Leonie ist dennoch optimistisch, denn „technisch ist alles umsetzbar“. Als Master-Studentin der erneuerbaren Energien weiß sie, wovon sie spricht. Nachhaltige Strategien der Energiegewinnung orientieren sich an den Gewalten der Natur: Sonne, Wind und Wasser. Ich stimme Leonie zu, dass diese Technologien Hoffnung geben. Vor allem, wenn ich lese, dass wir es schon mal geschafft haben, dass die gesamte Stromnachfrage Deutschlands durch erneuerbare Energien gedeckt werden konnte.

Trotz ihrer positiven Einstellung hat auch Leonie manchmal Angst. Zum Beispiel, wenn Freund*innen aus anderen Ländern ihr von Stürmen, Überschwemmungen und Waldbränden berichten. Die aktuell schon realen Folgen des Klimawandels führen dazu, dass Menschen von jetzt auf gleich aus dem Leben gerissen werden. „In den Momenten habe ich bereits Angst um meine Freund*innen“, erzählt die Klimaaktivistin. Dies ist der emotionale Aspekt, der die Fridays for Future-Bewegung so groß gemacht hat. Sie haben mit ihrer Strategie bestehend aus wissenschaftlichen Fakten und emotionalen Erzählungen den Kern der Sache getroffen. „Fridays for Future spricht unangenehme Sachen aus, die wehtun. Das hat viel mit Stärke zu tun und alle müssen hier ihre Komfortzone verlassen“, antwortet sie mir auf die Frage, welcher Spirit wohl hinter dem Erfolg der Bewegung stecken könnte. Angst ist ein unangenehmes Gefühl. Wir sind eher darauf trainiert, Dinge, die uns Angst machen, zu vermeiden, als mit ihnen in Konfrontation zu gehen.

Die Geschichte Fridays for Futures sowie jede individuelle Motivation, die dahintersteht, hat viel mit Mut und Selbstermächtigung zu tun. „Für uns als Bewegung steht fest, dass die wissenschaftlichen Fakten klar sind und davon lassen wir uns nicht abbringen“. Die Forderung #UniteBehindScience, die auch im Bezug auf die Corona-Pandemie stark rezipiert wurde, ist Programm bei Fridays for Future. Das Motto dabei ist stets: Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam können wir etwas erreichen. Ich als olle Feministin, sehe starke Analogien zu Frauenbewegungen der letzten 100 Jahre. Auch hier sind es Strategien des Empowerments und der Solidarität, die angewendet werden und die Masse mobilisieren. Auch Leonie meint, dass es ohne Geschlechtergerechtigkeit keine Klimagerechtigkeit geben könne. „Daher braucht es in einem patriarchalen System eine starke feministische Klimabewegung“, schließt sie dieses Statement ab. Passend dazu lud sie auf ihrem Instagram-Profil ein Foto eines Posters hoch mit dem Spruch: „Schöner Leben ohne Macker, Autobahnen und Bagger“. Das bringt die Sache für mich auf den Punkt (ich denke da an so was, wie Bagger als maschinelle Verkörperung des Mackertums oder so ähnlich).

TimoFörster
Fotos: Timo Förster

Mit dem Poster weist Leonie auf die derzeit noch andauernde Kampagne #DanniBleibt hin. Was hier niedlich als Danni benannt wird, ist das 85 Hektar große Waldstück im „Dannenröder Forst“ in Hessen, das einer Autobahn weichen soll. Seit über einem Jahr beschützen Klimaktivisti*innen ihren Danni liebevoll, indem sie in Baumhäusern wohnen und Menschenketten veranstalten. Auch Leonie war im Danni und ich frage sie, wie es denn so ist, auf einem Protest-Baumhaus zu sein. Ihre Antwort deckt die absolute Unlogik des Systems auf. Sie sagt: „Ich stelle dann fest, wie absolut absurd es ist, dass ich hier einen Wald besetzen muss, weil die Regierung immer noch denkt, dass eine fossile Infrastruktur notwendiger ist als ein gesunder Wald und Trinkwasserschutzgebiete“. Absurdität ist hier das richtige Stichwort, bei dem ich und hoffentlich alle, die diesen Text lesen, zustimmen. Ich rege mich gut und gerne über das System auf, doch kann ich nicht von mir behaupten, eine waschechte Aktivistin zu sein. Ich supporte soziale Bewegungen wie Fridays for Future und gehe bei der ein oder anderen Demo mit, doch einen Wald habe ich bisher noch nicht besetzt. Mich frustriert die systematische Scheinheiligkeit in Gesellschaft und Politik meistens eher.

Daher frage ich Leonie, wie es denn so ist, mit Politiker*innen zu sprechen und was sie ihnen vielleicht gerne mal sagen würde, bisher aber noch nicht getan hat. Im Gegensatz zu mir, die ihre aufgestaute Wut den Politiker*innen gegenüber und dem einverleibten Respekt, den ich ihnen dennoch entgegenbringen würde, verwirren würde, scheint Leonie ganz entspannt zu sein. Nervös sei sie nicht und eigentlich sage sie allen auch immer sehr deutlich ihre Meinung. Was sie Politiker*innen allerdings gerne mal mitgeben würde, ist eine „große Palette ausgedruckter IPPC*-Berichte“ und außerdem ein Buch zum Thema Diskriminierung, eins zu Rassismus und vielleicht auch noch eins zum Thema Feminismus. Scheinbar möchte Leonie den Politiker*innen mal gerne gründlich den Kopf waschen.

Zu guter Letzt bitte ich sie, mir und euch Lesern etwas mit auf den Weg zu geben, damit wir die Hoffnung für die Zukunft bewahren. Ihre Antwort lautet so: „Es tut sich etwas. Die Antwort auf die Frage, ob es noch Hoffnung gibt, ist bei jeder Person, die ich bisher getroffen habe, immer ‚Ja, denn es gibt Fridays for Future!‘“. Sie wünscht sich, dass sich mehr Menschen der Bewegung anschließen. Ohne die Big Player in der Politik und in der Wirtschaft können die Ziele, die in Paris beschlossen wurden, nicht eingehalten werden. Und damit sich auf diesen Ebenen etwas ändert, hilft es nur, aktivistisch tätig zu werden, die eigene Stimme zu erheben und sich zusammenzuschließen.

*IPPC steht für das Internationale Pflanzenschutzabkommen

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