Gespräche, Lachen und leichtes Grillenzirpen hallen durch die warme Sommernacht. Es ist 2013 und ich sitze auf dem Balkon meiner Großeltern. Bei einem kleinen Glas Sekt lausche ich den Unterhaltungen der Erwachsenen. Während mein Onkel mit meinem Vater Witzchen macht, kommt mein Opa raus und fragt mich mit heiserer Stimme, ob alles gut bei mir ist. Ich nicke. “Und bei dir, Opa?”, frage ich. “Du hörst dich ganz schön erkältet an”, ergänze ich. “Ach naja, alles okay. Ich bin schon seit zwei Wochen heiser”, antwortet er, als ob es das irgendwie besser machen würde. “Das wird in ein paar Tagen weg sein”, führt er fort. Aber das stimmt nicht.

Ein paar Wochen später sind die Ferien zu Ende und die Schule geht wieder los. Für mich bedeutet das, dass ich unter der Woche wieder ins Internat gehe. Die Wochenenden verbringe ich aber zu Hause bei meinen Eltern. Nach einer schrecklichen Woche – rückblickend muss sie schrecklich gewesen sein, immerhin war ich mitten in der Pubertät und alles war schrecklich – holt mich mein Vater aus dem Kaff meiner Schule ab. Ich merke schon, dass irgendwas anders ist, weiß aber nicht was. Nach einer zwanzigminütigen Autofahrt voll erzwungenem Smalltalk kommen wir endlich zu Hause an. Wie jedes Mal lade ich meine Dreckwäsche ab, greife meinen Rucksack und verschwinde in meinem Zimmer. Immerhin bin ich zu cool für meine Eltern, die eh nur mit ihren Weisheiten und Regeln nerven. Oben angekommen, höre ich direkt schon meine Mutter: “Anne, kommst du mal bitte?”

“Boah, was will die denn jetzt?”, denke ich mir. Abgefuckt verdrehe ich die Augen und laufe die Treppe wieder runter. Ich sag ja: Während der Pubertät ist alles schrecklich. Im Wohnzimmer sitzt meine unglückliche Mutter. Ich denke über den letzten Diebstahl nach. „Hoffentlich gibt das jetzt keinen Ärger!“ Dann setze ich mich zu ihr. “Was gibt‘s?”, frage ich und versuche so neutral wie möglich zu sein. Eine Strategie von mir, um von mir abzulenken und zu vermeiden, schuldig zu wirken, falls es um irgendeinen Mist geht, den ich verzapft habe. Aber es geht nicht um mich. Es ist kein einfaches Gespräch über meine Schulwoche und ich bekomme auch keine Standpauke. Nein, es ist tausendmal schlimmer als das und lässt mich wünschen, dass ich einfach nur Ärger bekomme. 

Mit Tränen in den Augen erklärt mir meine Mutter, dass mein Opa Krebs hat. Kehlkopfkrebs genauer gesagt. Seine heisere Stimme kommt also nicht von einer einfachen Erkältung. Es geht auch nicht alles in ein paar Tagen wieder weg. Ich fange an zu weinen und die Tränen laufen ein Wettrennen über mein Gesicht. Wieso passiert das genau meinem Opa? Warum? Klar, er hat eine ganze Weile viel geraucht. Aber das ist über 30 Jahre her. Keiner in meiner Familie ist so alt und so fit. Ich behaupte sogar, dass mein Opa gesünder ist als ich. Trotzdem besteht diese Diagnose. Krebs!

Die Nachricht “Ihr Familienmitglied hat Krebs” kommt ohne Vorwarnung, obwohl fast jede zweite Person in ihrem Leben an Krebs erkrankt. Das sind ganz schön viele Menschen. Nach wie vor gibt es keine wirkliche Heilung. Keine hundertprozentige Prävention. Natürlich kannst du dich gesund ernähren, nicht trinken, nicht rauchen und regelmäßig Sport machen. Aber wenn in deinem Körper eine falsche Zellteilung abläuft, hast du einfach Pech gehabt – und bekommst Krebs. Denn dieser Krankheit ist es egal, wie gesund du bist. Das macht es noch unfairer, als es ohnehin schon ist. 

Mein Opa ist nicht die erste Person, die ich kenne und an Krebs erkrankt. Die Trauzeugin meiner Eltern und Frau des besten Freundes meines Vaters hatte einen Tumor unter der Bauchdecke. Sie hatte vorher schon mit Tumoren gekämpft, aber alle Früheren konnten glücklicherweise entfernt werden. Der Letzte leider nicht. Zu spät wurde er entdeckt und sie starb kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Ein anderer sehr fitter Mensch aus meiner ehemaligen Schulklasse wollte nach dem Abi Medizin studieren, musste seinen Wunsch jedoch aufschieben. Der Grund war Leukämie, Blutkrebs.

Mein Opa beginnt derweil mit seiner Behandlung. Chemo, Bestrahlung und damit verbundene ewig lange Krankenhausaufenthalte sind die Folge. Er verliert stark an Gewicht. Seine letzten schwarzen Haare werden weiß und sehr dünn. Bei der Bestrahlung werden Krebszellen mithilfe ionisierender Strahlung oder Teilchenstrahlung zerstört. Er hat dadurch keinen Appetit mehr, bekommt Flecken auf der Haut und sieht extrem erschöpft aus. Dieser belastende Akt ist unheimlich schwierig für meine Familie. Mein Opa, der genauso redselig ist wie ich, will seine Stimme nicht verlieren. Meine Familie will ihn nicht verlieren. Er muss die unerträglichen Therapien durchstehen, während wir hoffen und bangen, dass irgendwie alles gut wird. 

Ein Besuch im Uniklinikum Jena bleibt mit für immer in Erinnerung: Mein Opa wirkt zwar angeschlagen, aber glücklich. Ich erfahre auch, wieso: “Der Chefarzt sagt, dass meine Organe besser aussehen als bei den meisten 50-Jährigen!‘, schreibt er mir stolz auf einen Zettel, wohlwissend, dass er über 20 Jahre älter ist. Er darf nicht mehr sprechen. “Cool”, antworte ich unbeholfen, unwissend, was ich Besseres sagen soll. “Schön, dass du eigentlich topfit bist, aber trotzdem Krebs bekommen hast. Schön, wie unfair das Leben ist”, denke ich mir. Meine Gedanken werden unterbrochen. Mein Opa gibt mir voller Aufregung zu verstehen, dass er mir etwas zeigen will. Ich schaue zu ihm und fange geschockt an zu flennen. Da ist es! Da ist dieses Loch in seinem Hals. Da, wo vorher sein Kehlkopf war. In diesem Moment verstehe ich, was hier eigentlich passiert. Mein Opa hat wirklich Krebs.

In den meisten Fällen gehört zu einer Krebsbehandlung auch eine Reha. Nachdem man also viel Zeit in Krankenhäusern und unter Bestrahlung verbringt, kommt man schlussendlich in eine Reha-Klinik. Mein Opa zeigt mir seinen Stundenplan, wie er ihn nennt. Auf ihm ist minutengenau getaktet, wann er wo welchen Kurs hat. Neben einem Sprachkurs, in welchem er trainiert, über seine Speiseröhre zu sprechen, steht ein Anti-Aggressionstraining an. “Wieso hat der Opa denn so ein Training?”, frage ich meine Mutter. “Naja, das kann alles ganz schön schwierig sein. Also, auf einmal nicht mehr sprechen zu können. Dabei kann man schon mal wütend werden, weil man so frustriert ist.” Uff. Auch daran habe ich nicht gedacht. Krebs greift nicht nur deine Physis an, sondern auch deine Psyche. Ich frage mich häufig, wie ich mental wohl drauf wäre, wenn ich Krebs hätte. Wenn ich auf einmal nicht mehr richtig sprechen könnte. Wenn ich Angst um mein Leben hätte. Ganz schön beschissen wäre ich wohl drauf. 

Mein Opa schafft es. Zum Glück. 2019 sind circa 231.000 mit Krebs diagnostizierte Patient:innen gestorben. Damit ist Krebs die zweithäufigste Todesursache; jeder vierte Mensch stirbt an Krebs. Das schreibe ich nicht, um irgendwem Angst zu machen. Sondern weil es die bittere Realität ist. Krebs ist eine der häufigsten Todesursachen. Trotzdem verschweigen wir das Thema meistens. Man muss ja nicht immer vom Schlimmsten ausgehen. Aber wir sollten auf jeden Fall mehr über das Schlimmste reden können. Es kann helfen, das Krankheitsbild zu enttabuisieren und nicht so tun, als wäre die Diagnose selten. 

Mein Opa ist nun fast 10 Jahre krebsfrei. Nach fünf Jahren gilt man als medizinisch geheilt. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass er Krebs bekommen sollte, ist genauso hoch, wie dass ich an Krebs erkranke. Trotzdem geht er regelmäßig zu seinen Vorsorgeuntersuchungen und lässt abchecken, ob alles okay ist. Das solltet ihr bei Auffälligkeiten auch machen, denn wie bereits gesagt, diese Krankheit kann leider alle erwischen. Egal wie alt oder wie gesund man ist und das macht sie so verdammt heimtückisch. 

Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Anne Sophie Lange
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Seit 2020 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Kommunikationswissenschaften studiert und machte 2022 ihren Master in Journalismus. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik, Mental Health und Musik.

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