Vor einiger Zeit fing ich einen Nebenjob in einem Berliner Hotel an, um mir neben dem Studium etwas dazu zu verdienen. Gesucht wurde eine Servicekraft fürs Hotelfrühstück, also mit anderen Worten: 5 Uhr aufstehen …

Da ich normalerweise eher eine Person bin, die jede Minute, die sie länger im Bett verbringen kann, zelebriert, war das für mich erst mal eine Herausforderung. Aber als der erste Tag dann da war, kam ich tatsächlich pünktlich. Der Haken an der Sache war aber folgender: Mein Morgen startet normalerweise mit einem ritualisierten Gang zur Toilette. Zum Teil zwingt mich sogar mein Enddarm aus dem Bett zu kriechen, da ich morgens einfach mein Geschäft verrichten muss, um funktionieren zu können.

Um 5 Uhr in der früh allerdings, während mein Körper noch mit der Notwendigkeit kämpfte, wach zu werden, harkte ich mit Ach und Krach meine morgendlichen To Do’s ab. Kacken gehen war leider nicht dabei. Aber wie auch? Mein Darm hat sich auf tägliches Aufstehen so zwischen 10 und 11 eingependelt und um halb 6 dachte er sich wohl so was wie „Hä, was? Jetzt? Ne Digga, vergiss es! Ich bin noch nicht so weit.“

Also raus in die Kälte und ab zur Arbeit. Bei Schichtbeginn um 7 Uhr hatte ich das Glück, gegen 11 Uhr auch schon Feierabend machen zu können. Es wäre kein Problem für meinen Darm gewesen, sich auch so in etwa um diese Zeit zu melden und mir mein Bedürfnis deutlich zu machen, allerdings war der verschobene Schlafrhythmus und der morgendliche Arbeitsstress für ihn scheinbar Grund genug noch eine Weile damit zu warten, und zwar genau, bis ich in die U-Bahn stieg. Dann aber mit voller Wucht.

Ich musste selten so dringend kacken wie an diesem Morgen in der Berliner U-Bahn. Schnell rief ich meinen Partner an, da seine Wohnung sehr viel schneller zu erreichen war als meine und fragte ihn schon fast panisch: “Bist du zu Hause?”

„Äh, ne. Bin grad mit Niko Tischtennis spielen. Wieso, wo steckst du?“

„Bin in der U-Bahn … Und ich muss dermaßen aufs Klo, dass mein Darm gleich explodiert.“

„Oh scheiße … Ich glaub meine Mitbewohnerin ist auch nicht zu Hause… aber ey, frag doch in dem Restaurant bei mir im Erdgeschoss, die kennen dich ja, das ist bestimmt kein Problem.“

„Na toll“, dachte ich. Und ich komm da jetzt an mit der überaus charmanten Frage, ob ich mal eben das Restaurant-Klo vollscheißen darf oder was? Egal. Was muss das muss.

Irgendwie schleppte ich mich also von der Haltestelle zu seiner Wohnung und da war meine Rettung: Seine Nachbarin stand gerade draußen und wollte ins Haus.

„Hey Clara, du hör mal … Oben ist grad keiner und ich müsste mal sehr dringend aufs Klo …“, sie lachte nur und lies mich natürlich rein.

Relieved und überglücklich platzierte ich also meinen Arsch auf ihrer Schüssel und lies endlich raus, was schon so lange raus wollte. Währenddessen überlegte ich mir, wie dumm es doch ist, dass dieses ganze Thema vor allem für Frauen so schambehaftet ist, wobei es sich doch um ein ganz normales menschliches Bedürfnis handelt.

Und als hätte die Toilette meine Gedanken gehört und würde mich ärgern wollen,… verstopfte meine Ladung wie ein riesiger Korken Claras Klo.

„Ey das darf jetzt nicht wahr sein“, dachte ich und versuchte mit dem Pömpel irgendwie das Chaos zu beseitigen, das meine Notdurft in ihrer Toilette veranstaltet hat. Aber keine Chance: Die Spülung plätscherte eher halbherzig vor sich hin und es staute sich immer mehr Wasser in der Schüssel, um dann im Schneckentempo abzulaufen.

Kurz überlegte ich, ging mental meine Optionen durch und kam schließlich zu dem Schluss, dass ich keine andere Wahl hatte.

„Claaraaa …“, rief ich beschämt aus dem Badezimmer.

„Ja?“, kam von draußen zurück.

„Geht deine Spülung eigentlich immer so langsam?“, fragte ich und ich hörte sie von draußen ihr Lachen unterdrücken.

„Oh nein, du Arme!“, war wohl alles was ihr noch einfiel. Sie kam rein, nahm mir den Saugnapf aus der Hand und befreite mit einem einzigen gekonnten Handgriff ihren Abfluss von meinem Haufen. Ich schämte mich in Grund und Boden – wem passiert sowas schon?

Aber dann sagte Clara etwas, was ich nie wieder vergessen werde: „Ey ich versteh voll, dass das grad unangenehm ist. Aber sind wir mal ehrlich: Kennst du irgendeinen Menschen, der nicht kacken geht?“

Verdutzt schaute ich sie an und erwiderte: „Nein, hast du wohl recht.“

„Na eben“, sagte sie, „Warum kriegen wir es als Gesellschaft dann nicht hin, das einfach mal zu normalisieren? Warum muss das denn totgeschwiegen werden und als unangenehmes Nebenprodukt menschlicher Existenz unter den Teppich gekehrt werden? Naja, nicht wortwörtlich, aber du weißt was ich meine.“

„Ja, eigentlich hast du voll recht! Das Klo verstopfen muss man halt nicht unbedingt, aber …“

„Ach alles gut, das passiert hier regelmäßig. Man braucht halt bisschen Übung“, sagte sie lachend und stellte den Saugnapf wieder nebens Klo. Wir unterhielten uns noch eine halbe Stunde bei einer Tasse Tee über gesellschaftliche Missstände, Tabus, die keine sein sollten und menschliche Bedürfnisse.

Auch wenn ich es an diesem Tag noch nicht vollends begriff, dachte ich doch später häufiger an meinen kleinen Unfall auf Claras Toilette und daran, was ich durch diese unangenehme Situation gelernt habe: Ich brauche mich niemals mehr dafür schämen, kacken zu müssen.

Autorin: Marta Bleck
Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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