Ein Sommertag 2013: Es ist eine meiner letzten Geschichtsstunden für das Schuljahr. Sehnsüchtig warte ich darauf, dass unsere Lehrerin die benoteten Tests zurückgibt. Wieso ich die Arbeit unbedingt wiederhaben möchte? Sie entscheidet über meine Zeugnisnote und ich bin ungesund ehrgeizig. Eine knallrote 2+ grinst mich vom Blatt Papier an. Nicht, dass eine 2+ schlecht ist. Allerdings bedeutet das auch die 2 anstatt der 1 auf dem Zeugnis. Ich weiß, jammern auf hohem Niveau, aber diese sehr gute Leistung im Fach Geschichte war noch nie so nah wie in diesem Schuljahr. Umso mehr ärgerte ich mich. Und ich war enttäuscht. Die Enttäuschung von mir selbst schlug allerdings kurz darauf in Verwirrung um. Denn das Einzige, was angekreidet wurde, bezog sich auf die eine Aufgabe, bei der nach meiner Meinung gefragt wurde.

“Anne hat einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.”, stand in meiner schriftlichen Beurteilung auf meinem Grundschulzeugnis. Auf gut Deutsch hieß das so viel wie “Anne diskutiert gerne, wenn sie anderer Meinung ist und/oder etwas als unfair erachtet.” Diese Eigenschaft blieb seit der Grundschule unverändert. Also sprach ich meine Geschichtslehrerin Frau B. an und fragte sie, wieso sie mir bei der Meinungsaufgabe Punkte abzog. “Deine Meinung ist falsch”, antwortete sie, als wäre es das Logischste der Welt. Unfähig meine Mimik im Zaum zu halten, entgegnete ich ihr mit verwirrtem Blick “Wie kann denn meine Meinung falsch sein? ”. “Naja, so steht das nicht auf meinem Lösungsblatt”, reagierte sie ganz selbstbewusst. Ich fing an, zu diskutieren. Immerhin gibt es keine falsche Meinung. Nur unzureichende Begründungen. Nicht laut Frau B., die immer gereizter wurde und mich irgendwann mit lauter Stimme auf meinen Platz zurückschickte.

Die 2+ blieb auf dem Test und Frau B. meine Geschichtslehrerin in der Oberstufe. Was sich änderte? Nun, statt zwischen 1 und 2 zu stehen, rutschten meine Noten auf 3en und 4en. Vielleicht lag es daran, dass ich über die sechs Wochen Sommerferien eine schlechtere Schülerin geworden war. Vielleicht aber auch daran, dass meine Lehrerin mich nun auf dem Kieker hatte. Wer weiß das schon. “Deine Lehrer:innen sitzen nun mal am längeren Hebel”, durfte ich mir von meiner Mutter am Telefon anhören. “Manchmal muss man einfach über den Sachen stehen.” Weil das pubertierende Jugendliche ja bekanntlich am besten können. Über den Dingen stehen und nichts persönlich nehmen.

Trotzdem wollte ich es wirklich probieren. Ich verfolgte aufmerksam den Unterricht, versuchte mich einzubringen. Doch meine Handmeldungen auf Fragen wurden ignoriert. Wusste ich auf etwas keine Antwort, wollte Frau B. aber genau diese von mir wissen. Natürlich fühlte ich mich bloßgestellt. Als ob man dieses Gefühl nicht schon oft genug als Teenager erlebt.

Das große Problem, mal abgesehen von dem Machtmissbrauch, ist, dass ein solches Verhalten zu Verdrossenheit und Demotivation führen kann. Wie sollen junge Menschen gerne in die Schule gehen und aufmerksam sein, wenn sie von ihren Lehrer:innen nicht gehört werden? Warum sollen sie sich Mühe geben, wenn am Ende doch andere Faktoren eine Rolle bei der Benotung spielen? So wirklich Lust hatte ich keine mehr auf Geschichte. Ich fand das Fach spannend – keine Frage. Aber durch das Wissen, dass das ganze Interesse letztendlich nichts bringt, war ich eher genervt als motiviert. 

Aber auch eine schlechtere Benotung aufgrund nicht vorhandener Sympathie ist nicht zu unterschätzen. Dafür, dass wir so gerne davon sprechen, dass Noten nichts aussagen, spielen sie eine verdammt große Rolle. Viele Studiengänge haben einen NC. In Universitätsstädten kann dieser auch gerne im Bereich 1,3 – 1,7 liegen. Natürlich sagt der Notenschnitt nur bedingt etwas über die Fähigkeiten von Menschen aus. Letztendlich entscheidet er aber, ob man zugelassen wird. Nicht nur an Universitäten, auch für viele Ausbildungsberufe wird ein gewisser Durchschnitt erwartet. 

Ist es nicht außerdem auch so, dass es in der Schulbildung um soziale Kompetenzen geht (bzw. gehen sollte)? Eigentlich ja, zumindest wenn es nach dem Thüringer Schulgesetz geht: “Wesentliche Ziele der Schule sind die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen, die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Vorbereitung auf das Berufsleben, die Befähigung zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zur Mitgestaltung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie zum bewussten, selbstbestimmten und kritischen Umgang mit Medien, die Erziehung zur Aufgeschlossenheit für Kultur und Wissenschaft sowie die Achtung vor den religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer.” (ThürSchulG, Erster Abschnitt, § 2) 

Es sollte also eben auch darum gehen, junge Menschen zum Nachdenken anzuregen. Ihnen dabei zu helfen, ihre Stimme zu finden und/oder zu stärken und nicht, wenn sie einen eigenen Standpunkt vertreten, gar zum Schweigen zu bringen.

Natürlich weiß ich auch, wie pubertierende Teenager sein können. Dass sie sich manchmal im Ton vergreifen. Auch ich war da keine Ausnahme – sondern eher die Regel. Allerdings müssen Personen in der Kinder- und Jugendbildung doch genau damit umgehen können. Sie sollten wissen, dass, wenn die Hormone verrückt spielen, Emotionen überhand nehmen. Das bedeutet aber nicht, dass sie übertrieben sind. Warum also werden diese Gefühle nicht ernst genommen?

Ich weiß nicht, woran es bei Frau B. lag. Vielleicht wollte sie unbedingt recht haben. Vielleicht dachte sie auch wirklich, dass Meinungen falsch sein können. Ich werde es wohl nie erfahren. Was ich aber sicher weiß, ist, dass ich ihr ständiges Bloßstellen und mich Rauspicken nicht vergessen werde. An viele Situationen kann ich mich so erinnern, als wären sie gestern passiert. Die Blicke meiner Mitschüler:innen, die Überheblichkeit im Gesicht meiner Lehrerin – und letztendlich die Frage: warum ich?

Meine letzte Geschichtsstunde ist nun über sechs Jahre her. Zu Frau B. hatte ich seitdem keinen Kontakt mehr. Trotzdem gab es bei allen Jobs diese Unsicherheit, wie offen ich meine Meinung kommunizieren darf. Wie sehr ich Ich sein darf. Frau B. ist eines von vielen Beispielen. Denn auch wenn die Schulzeit als Entwicklung und Entfaltung der individuellen Persönlichkeit verstanden wird, gibt es noch zu viele Lehrer:innen die Jugendliche in eine standardisierte Form pressen wollen. Lässt man das nicht mit sich machen, wird man bestraft. Immerhin sitzt die Person am längeren Hebel.

Illustration © Luise Hansen

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