2020 ist Corona-Jahr. Das Jahr, in dem Pamela Reifs Karriere durch die Decke schoss und ich mit ihren Home Workouts anfing. Seit April 2020 verfolge ich ihren Content aufmerksam. Regelmäßig gibt es neue Trainingspläne und -videos for free. Außerdem Rabattcodes für Snacks, Produktempfehlungen, neue Fashion-Kollektionen aus recyceltem Meeresplastik und leckere, gesunde Rezepte. Sie hat sogar ihre eigene Bio-Food-Marke gegründet.

Zugegeben, mit den meisten Sachen lockt sie auch mich. Erwischt. Aber ich stehe dazu, weil sie viel Wert auf Nachhaltigkeit legt. Und was will der Mensch in Zeiten von Corona-Lockdown und Klimakrise mehr?

Doch wie definiert Pamela eigentlich Nachhaltigkeit? Wie umweltverträglich sind ihre Kooperationspartner:innen und Produkte wirklich? Welche Werte kommuniziert sie mit ihrer Arbeit? Und lassen sich Konsum und Nachhaltigkeit überhaupt vereinbaren? 

Neben Produktvermarktung für Naturkosmetikmarken und chemiefreie Putzmittel arbeitet sie gemeinsam mit Modelabels wie NA-KD, Puma und Calzedonia an nachhaltigerer Mode. Vor Kurzem präsentierte sie stolz ihre selbst designte NA-KD-Reborn-Kollektion. Hergestellt aus 100 Prozent recyceltem Polyester und anderen nachhaltigen Materialien. Fotografiert zwischen Wald und Wiesen, irgendwo auf Ibiza, wo sie regelmäßig für Urlaubs- und Arbeitszwecke hinfliegt.

Dabei ist NA-KD einer DER Fast-Fashion Riesen im Internet. Zwar labeln sie sich gerade mit neuen Nachhaltigkeitszielen, aber es stellt sich auch hier die Frage, ob Kleidermasse und Umweltfreundlichkeit kombinierbar sind. Das CO2 der produzierten Ware zu kompensieren oder verringern ist gut und wichtig, macht die übrige Menge an ausgestoßenem Kohlenstoffdioxid aber nicht weg. Zumal das Verarbeiten recycelten Polyesters energieaufwendiger ist, als die Produktion aus neuen fossilen Rohstoffen – nicht, dass das eine Alternative wäre. Die Kleidung wird meist irgendwo in Asien günstig produziert und über lange Lieferwege nach Europa verschifft. Dass recycelter Kunststoff in den meisten Fällen schwierig und nur mit Qualitätsverlust recycelt werden kann, wissen die wenigsten. Und da recyceltes Plastik immer noch Plastik ist, landet es bei jedem Waschgang als Mikroplastik im Grundwasser. Aber für alle, die mit den Trends gehen wollen, ist es die perfekte Lösung. Fühlt sich gut an. Vor allem, wenn es mit „Nachhaltig“ gelabelt ist.

Ich bin ehrlich: Pamelas Granolamüsli ist superlecker und ihre Workouts tun mir gut. Trotzdem bin ich ein bisschen wütend. Oder enttäuscht. Denn glaubt man dem, was sie tut, erscheint Nachhaltigkeit auf einmal ganz leicht. Schöne neue Möbel, Urlaub auf Ibiza, ein schöner Körper durch gesunde und umweltverträgliche Ernährung und viel Sport. Leckere Snacks ihrer eigenen Marke und einfache Rezepte in ihrer Pam-App. Dazu hübsche Kleidung aus recycelten Materialien zu jeder Saison.

Aber Nachhaltigkeit ist so viel mehr. Und eben nicht ganz so einfach. Die Influencerin kratzt an der Oberfläche und vermittelt vor allem ein Paradox: Konsum und Nachhaltigkeit können Hand in Hand gehen. 

Das zeigt sich besonders im Modebusiness. Die Kollektionen sind trendbasiert. Ausgelegt auf schnellen Konsum und Kurzlebigkeit. So schnell wie sie gelauncht werden, landen sie wieder im Sale. Nachhaltig hin oder her. Diese Eigenschaften sprechen gegen die Nachhaltigkeitsprinzipien.

Pamela setzt an vielen Stellen gute relevante Zeichen. Es geht nicht um ein perfekt-nachhaltiges Leben. Sondern darum, dass die Inhalte, die Pamela kommuniziert, ständiges Reflektieren und eine intensive Auseinandersetzung mit Produktzyklen und Produktionsweisen erfordern. 

Als Mensch mit einer Reichweite von knapp acht Millionen Follower:innen trägt sie eine große Verantwortung für die Inhalte, die sie verbreitet. Influencer:in sein bedeutet nicht nur Produkte zu bewerben. Es bedeutet die Meinung bestimmter Zielgruppen zu prägen und somit deren (Konsum-)Verhalten. Influencer:innen sind Idealbilder. Vor allem für Jugendliche sind sie Inspirationsquelle und Identifikationsobjekt. Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie Pamela sich mit ihren Werten auseinandersetzen und sich über die Macht ihres Handelns bewusst werden.

Aber: Reflexion beginnt auch bei mir selbst. So vertraut und lieb Pamela nach außen wirkt, liegt es auch an mir zu verstehen, dass ich mich im Bann des „Mund-zu-Mund“-Marketings befinde. Emotionale Professionalität, die mich schnell glauben lässt, was mir erzählt wird. 

Was ich mir von Influencer:innen und Werbetreibenden wünsche ist Verantwortung. Dass Kapitalismus und Nachhaltigkeit kein funktionierendes Paar sind ist klar. Gerade deshalb muss die Verwendung des Begriffes Nachhaltigkeit umso sensibler, ehrlicher und reflektierter sein. 

Denn Nachhaltigkeit ist kein Trend.

Illustration © Nele Baron

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