Lissabon ist wie eine chillige, noch fitte und mit der Zeit mitgehende Oma, eine freundliche, ruhige Frau, gezeichnet von den Jahren und Erlebnissen, mit Lach- und Sorgenfalten, mit ein paar schmerzenden Knochen, aber einem warmen Charakter und einem jungen Verstand, der sich immer wieder an die neuen Zeiten anpasst, improvisiert, wenn es sein muss und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Eine geduldige und freundliche Oma, manchmal etwas langsam, manchmal etwas konservativ, aber immer herzlich, wohlwollend, gemütlich. Eine Oma, die sowohl stricken kann als auch mit ihrem Tablet und Smartphone die neusten Sachen abcheckt und ganz gespannt ihre hippen Künstlerenkel:innen unterstützt. Eine Oma, die manchmal ganz melancholisch am Fenster Fado hört und deren Wäsche, die vor dem Fenster hängt, immer leicht klamm riecht. Eine Oma, die einen kleinen Hund hat, mit dem man jeden Tag durch die Gassen streift, damit er dort seinen Haufen liegen lässt. Eine Oma, die ihre Nachbarn kennt, die seit Jahrzehnten im gleichen Viertel wohnt, einkauft, zum Frisör geht. Eine Oma mit Dreiviertel Rock, hellbeigen Strümpfen und Strickjacke, aber dafür Airpods im Ohr und Smartphone in der Hand. Eine bescheidene Frau, nicht zu laut, nicht zu leise, die so ihr Ding macht und gerne mit ihrer Familie chillt, einmal die Woche die Mädels auf der Parkbank trifft, ab und zu ‘ne Kippe raucht und ihren Kirschlikör (Ginjha) kippt, aber ansonsten auch nicht zu viel Trubel braucht. Ich finde so eine Oma repräsentiert den Charakter und das Wesen dieser Stadt am besten.

Die Stadt empfing mich mit ihren wärmsten Farben. Das Licht, der blaue Himmel, der anders blau als zuhause ist und die warme Brise, die nach Neuanfang riecht. Lissabon riecht nach warmer Luft, nach Meeresbrise, nach alten, kühlen, ja schon leicht modrig feuchten Mauern und Wänden, nach altem Urin an Treppecken und nach Abwassergulli. Es stinkt ein bisschen aber man möchte auch, dass es eben genau so ein bisschen stinkt.

Lissabon klingt nach Wind, nach Rattern und Klappern der alten Trams, nach „Olha!“ rufen um einen herum, nach genuscheltem Flüstern, denn: das erstaunlichste an dieser großen, lebendigen Hauptstadt ist ihre Ruhe. Die Ruhe im Estrela Park, auf meinem Balkon in Graça, beim Anstehen und Warten in einer Schlange, sogar unter Menschen. Ist diese Ruhe Resultat aus der Corona Zeit, dem Abstandhalten und den wenigen Tourist:innen oder ist sie Teil der Kultur, der Melancholie, der „saudade“, die diese Stadt so ausstrahlt – oder ist sie bloß Projektion meiner inneren Ruhe, die ich nun endlich in mir spüre und mich durch den Tag begleitet? Alles wirkt sanft, langsam, zerbrechlich, Menschen sind bemüht, freundlich, hilfsbereit – nicht so forsch und ego-laut wie die schreienden Spanier:innen mit ihren kratzigen Stimmen¹. Alles in allem hüllt mich die Ruhe der Stadt ein und ich sie mit meiner. Auch wenn man Autos, Bahnen, Fado, Musik (auf der Straße), Gequatsche, Roller und noch viel mehr hört, wirkt alles gedämpft – so wie das warme Licht eben, so wie die sonst eigentlich beißenden Gerüche eben.

Gedämpft und einschmiegend – die ganze Stadt.

Lissabon ist alt. Und kaputt. Aber auch diese Kaputtheit hat etwas Tröstendes. Etwas Schönes. Sie steht voller Pracht im gelben Licht da, diese Stadt und hat doch unzählige verwesene, verkommene Ecken, an denen zu sehen ist, wie es um sie steht, ums Geld, die Wohnsituation, die ungerechte Verteilung von Hab und Gut. Aber sie steht. Stolz, glänzend und prächtig – ohne Überheblich zu wirken. Sie schmunzelt, frech fast schon, weil sie weiß, dass gerade diese Kaputtheit, diese Unvollkommenheit ihr alle Möglichkeiten gibt, Platz, Raum und Fantasie zu träumen, zu kreieren, zu gestalten. Man hat Lust etwas zu starten – die Stadt zu nutzen und sie einzubinden; sie sich zu eigen zu machen, um sie dann mit anderen zu teilen und weitergeben zu können.

Das ist schön.

Viele spüren es. In Lissabon ist der Drang nach Kunst, Kultur, sich zeigen, träumen, Kreativität, Verwirklichung, Undergroundszenen, Musik, Streetart, Kollektiven und viel mehr, groß.
Ich freue mich darauf das alles mit all meinen Sinnen weiter und tiefer zu entdecken – und vielleicht sogar Teil davon zu werden.

¹Ich bin mir diesen gemeinen Stereotypus sehr bewusst, da ich jedoch auch mal in Spanien gewohnt habe, erlaube ich es mir an dieser Stelle, da der Unterschied zwischen diesen beiden Kulturen wirklich deutlich spürbar ist.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Rafael Marchante / REUTERS

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